Die Infektionen können nach Ansicht eines Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren Ursprung eher im Fleisch als im Gemüse haben. Donato Greco sagte der italienischen Zeitung La Repubblica: "Der Erreger ist üblicherweise im Darm von Rindern zu finden und damit auch in rohem Fleisch wie Tartar oder schlecht gekochten Hamburgern." Er habe noch nie derart gefährliche Darmkeime auf Obst und Gemüse festgestellt. Wäre Rindfleisch die Quelle für den gefährlichen Keim, könnte das auch mit der massiven Beigabe von Antibiotika in Tierfutter zu tun haben, sagte er. Dadurch seien die Bakterien zusätzlich resistent geworden.

Die Suche nach dem Ursprung der Erkrankungswelle führt in ein Lübecker Restaurant. 17 Menschen sollen sich dort mit dem gefährlichen Darmkeim infiziert haben.

Der Besitzer des Lokals hat dem ZDF inzwischen bestätigt, dass Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamts ihn über den Ehec-Verdacht informiert haben. Am 13. Mai sei sowohl eine Gruppe des Deutschen Beamtenbundes als auch eine dänische Reisegruppe zu Gast gewesen. Außerdem habe es eine Familienfeier gegeben. Serviert worden seien Steaks und Salat. In allen Gruppen hat es anschließend Ehec-Erkrankungen gegeben. Wie der Deutsche Beamtenbund sagte, ist eine 47-jährige Kollegin inzwischen gestorben. Zwei weitere schwebten in Lebensgefahr.

Der Restaurant-Besitzer sagte dem ZDF, er und zwei weitere Lübecker Lokale bezögen ihre Ware von einem Zwischenhändler aus Mölln. Der werde von einem Großhändler aus Hamburg beliefert. Die Lieferantenkette kann möglicherweise Hinweise geben, wie der Erreger in Umlauf gekommen ist.

Auch EU-Experten warten auf Testergebnisse aus dem Lokal. Das teilte die EU-Kommission am Samstag in Brüssel mit. Die EU wäre nach Angaben von Gesundheitskommissar John Dalli bereit, Experten nach Deutschland zu schicken, die bei der Suche nach dem Ursprung helfen sollen.

Vorausgegangen war am Freitag eine Telefonkonferenz mit Vertretern der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), anderer EU-Behörden und der Mitgliedstaaten. Die Runde habe Deutschland empfohlen, sich bei der Suche nach der Ehec-Quelle auf Vertriebswege und Gaststätten zu konzentrieren. Die Süddeutsche Zeitung hatte zuvor berichtet, dass sich Mitte Mai acht Mitarbeiterinnen der Deutschen Steuergewerkschaft bei einem Treffen in der Hansestadt mit dem gefährlichen Darmkeim angesteckt hatten. Eine sei bereits gestorben.

Die Hamburger Gesundheitsbehörde wies am Samstag einen Bericht zurück, wonach der Hafengeburtstag Anfang Mai mit 1,5 Millionen Besuchern Ausgangspunkt der Infektionswelle gewesen sein könnte. Diese Einschätzung hätten Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) bereits vor zehn Tagen der Behörde gegeben, sagte ein Behördensprecher. Er widersprach damit einem Bericht des Nachrichtenmagazins Focus. Das hatte berichtet, das RKI favorisiere diese These.

"Das ist sehr unwahrscheinlich", sagte der Sprecher. Bei einer durchschnittlichen Inkubationszeit von drei bis vier Tagen könne das Hafenfest rein zeitlich nicht als Infektionsquelle infrage kommen.

Kritik am Krisenmanagement

Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité kritisierte die Arbeit des zuständigen Robert Koch-Instituts im Kampf gegen Ehec. Das Universitätsklinikum habe erst in dieser Woche Fragebögen für die Patienten bekommen, sagte Ulrich Frei dem Tagesspiegel. "Das reicht nicht. Man hätte die Patienten interviewen sollen."

Es sei zudem nicht erkennbar, woran das RKI arbeite. "Wir brauchen eine bessere Informationspolitik", forderte Frei. Dass sich der Ehec-Erreger seit Anfang Mai ausbreite, außer Gurken aus Spanien aber keine mögliche Quelle ermittelt worden sei, mache ihn unruhig. Eine Sprecherin des Instituts wies die Vorwürfe zurück. Das RKI habe nach Ausbruch des Darmkeims zügig reagiert. Das Bundesgesundheitsministerium teilte ebenfalls mit, dass alle zuständigen Behörden "sehr schnell" gehandelt hätten.

Hamburg und Schleswig-Holstein sind gerechnet auf die Bevölkerungszahl nach Behördenangaben bislang am stärksten von den Ehec-Infektionen betroffen. Bei vielen Patienten entwickelt sich zudem das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das lebensgefährlich ist und zu einem Nierenversagen führen kann. 18 Patienten sind an den Folgen bislang gestorben. Bundesweit leiden mindestens 520 Patienten an dem lebensgefährlichen HUS-Syndrom. Bis Freitag wurden nach offiziellen Angaben mehr als 1700 Ehec-Infektionen registriert.