Seuchen Krankheitskeime warten stets auf ein Comeback

Die Ehec-Epidemie ist eingedämmt. Doch die Keime schlummern nur und warten darauf, zurückzukehren – ebenso wie Ebola, das Q-Fieber oder gar die Pest.

Gefährliche Winzlinge: Ehec-Bakterien unter dem Elektronenmikroskop

Gefährliche Winzlinge: Ehec-Bakterien unter dem Elektronenmikroskop

Beulen, Sepsis, blutiger Auswurf: Geschätzte 25 Millionen Menschen erlagen im 14. Jahrhundert dem gefürchteten schwarzen Tod. In Europa wurde der bisher letzte Pestausbruch während des Zweiten Weltkriegs verzeichnet. Ausgerottet ist die Krankheit aber bei weitem nicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO registriert etwa 1.000 bis 3.000 Pestfälle pro Jahr, meist in Form kleinerer, örtlich begrenzter Epidemien, zum Beispiel in Texas oder in Vorderasien. Denn die Krankheitserreger überleben in wilden Nagetierpopulationen und können wieder auf den Menschen überspringen.

Ein Horror-Szenario? Die Pest ist nur eines von vielen Beispielen für von Tier zu Mensch oder von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten, auch Zoonosen genannt. Die Geflügel- und die Schweinegrippe, Sars oder die jüngst auftretende Ehec-Epidemie fallen ebenfalls in die Kategorie. Ihre Erreger harren weltweit in Vögeln (Geflügelgrippe), Fledermäusen (Ebola) oder in Rindern (BSE) aus. "Sie alle können unter bestimmten Umständen auf Menschen übertragen werden", sagt Lothar Wieler, Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen in Berlin.

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Ehec-Bakterien

Im menschlichen Darm wimmelt es von Mikroorganismen und Bakterien. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Keime unterstützen möglicherweise die Verdauung von Nahrung oder die Abwehr von Krankheitserregern. Sehr häufig sind Escherichia coli im Darm zu finden.

Infografik Ehec
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Ehec-Bakterien (enterohämorrhagische Escherichia coli) hingegen bilden einen mitunter gefährlichen Stamm von E.coli. Sie können Giftstoffe, vor allem das Shigatoxin, produzieren. Nisten sich Ehec-Keime im Darm ein, etwa in der Schleimhaut, dringt das Gift in die Zellen der inneren Darmwand ein und zerstört Gefäße. In Deutschland sind derzeit 42 Stämme des Ehec-Erregers bekannt.

Der Ausbruch im Frühjahr 2011 verlief sehr ungewöhnlich. Der umgehende Keim ähnelt bekannten Ehec-Erregern kaum. Normalerweise erkranken vor allem Kleinkinder im Alter von durchschnittlich drei Jahren. Schwere Krankheitsverläufe sind sehr selten.

Der durch verkeimte Sprossen verbreitete Erreger vom Typ O104:H4 (HUSEC041) ist besonders aggressiv und löst relativ häufig das hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) aus – die schwerste Komplikation der Darminfektion.

Erkrankung

Wer sich mit Ehec-Bakterien infiziert, muss nicht zwangsläufig erkranken. Oft kommt es aber etwa drei Tage nach der Ansteckung zu wässrigen Durchfällen. Zwei Drittel der Erkrankten scheiden nach weiteren zwei bis drei Tagen blutigen Stuhl aus.

Begleitet wird die Erkrankung von Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Auch Fieber ist möglich, aber seltener.

Während vergangener Ehec-Ausbrüche entwickelten etwa zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten einen schweren Verlauf. Wer unter Durchfall und Blut im Stuhl leidet, sollte sofort einen Arzt aufsuchen.

Eine Woche nach Beginn der Durchfälle kann es zum gefährlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) kommen. Blutige Entzündungen der Darmschleimhaut treten auf, die für die Blutgerinnung notwendigen Thrombozyten verringern sich, Giftstoffe sammeln sich im Körper, Gefäße werden zerstört. Im schlimmsten Fall versagen die Nieren, es kommt zu Blutgerinnseln im Hirn. Hus trifft in der Regel nur etwa jeden zehnten Erkrankten. Die Sterberate liegt in dieser Akutphase bei zwei Prozent der Betroffenen.

Ansteckung

Ehec-Bakterien gibt es überall auf der Welt. Infektionen mit dem Erreger sind seit dem Jahr 2001 in Deutschland meldepflichtig, sofern sie bemerkt werden. Seither übermittelten die Gesundheitsämter bundesweit jährlich zwischen 925 und 1183 Ehec-Erkrankungen an das zuständige Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Ehec-Erreger kommen vor allem im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen vor. Allerdings wurden sie auch schon im Darmtrakt von Schweinen, Hirschen und Rehen nachgewiesen. Der jetzt grassierende Stamm wurde bisher aber nicht in Tieren nachgewiesen.

Die Erreger sind sehr umweltresistent und können bis zu ein Jahr lang außerhalb des Darms überleben. Zudem reichen nur wenige Dutzend Keime aus, um sich zu infizieren.

Für Ehec-Ausbrüche kommen zahlreiche Infektionsquellen in Betracht: Rohmilch und Rohmilchkäse sowie rohe Wurstprodukte oder zu kurz gegartes Fleisch. Verunreinigtes Obst und Gemüse kann die Quelle sein, oder andere ungekochte Lebensmittel.

Ehec-Bakterien können auch beim Düngen mit Gülle auf Nahrungsmittel gelangen. Bei den meisten bisherigen Krankheitsausbrüchen konnte die Infektionsquelle nicht gefunden werden.

Im aktuellen Fall waren Sprossen mit dem Erreger kontaminiert. Die Spur der Samen führt nach Ägypten. Wie der Keim aus dem Darm von Tieren auf diese Samen gelangt sein kann, ist noch immer unbekannt.

Behandlung

Mediziner behandeln derzeit bei leichten Verläufen vor allem die Symptome der Ehec-Erkrankung. Menschen scheiden die Bakterien oft von selbst aus. Das kann mitunter ein paar Wochen dauern.

Antibiotika helfen gegen Ehec-Bakterien wenig, im Gegenteil: "Die Gabe kann mitunter die Toxinproduktion (der Keime) sogar erhöhen", sagt der Hygieniker Helge Karch, der den Erreger genetisch analysiert hat. Daher raten Ärzte dringend davon ab, eine Ehec-Infektion mit Antibiotika zu behandeln.

Die Menschen, die derzeit akut erkrankt sind, werden mit Dialyse und Blutreinigung behandelt. So werden die Giftstoffe aus dem Körper gewaschen. Nicht immer erholt sich die Niere von der Infektion, sodass einige Patienten dauerhaft eine Dialyse brauchen oder auf ein Spenderorgan warten müssen.

In der Anfangsphase von Hus brauchen Patienten dringend Flüssigkeit, etwa über Kochsalzinfusionen. So lässt sich die schwerste Form der Erkrankung, das Nierenversagen, verhindern. Andernfalls könnte eine Nierentransplantation notwendig werden oder eine lebenslange Dialyse.

In besonders schweren Fällen setzten Mediziner eine noch kaum erforschter Therapie ein: Sie gaben einigen Patienten die Antikörperlösung Eculizumab. Zum Teil verbesserte sich der Zustand danach.

Schutz

Nur strenge Hygiene kann vor einer Ansteckung mit Ehec und ähnlichen Keimen schützen. Gemüse und Obst müssen gründlich gereinigt werden. In der Küche sollten Messer und Schneidebretter für jedes Lebensmittel separat verwendet und anschließend gründlich gesäubert werden.

Fleisch und Gemüse sollte man im Kühlschrank getrennt voneinander lagern und auch getrennt zubereiten. Putz- und Spüllappen sollten in kurzen Abständen gewechselt oder ausgekocht werden.

Lebensmittel sollten vor dem Verzehr ausreichend erhitzt werden. Ehec-Erreger wie auch ihre Giftstoffe sind sehr hitzelabil. Ab 60 bis 70 Grad werden die Keime und ihre Toxine zerstört.

Das Robert Koch-Institut empfiehlt allen Menschen mit Durchfall, sich stets gründlich die Hände zu waschen und/oder sie zu desinfizieren, insbesondere wenn Kleinkinder oder immungeschwächte Menschen in der Nähe sind.

Sollte ein Familienmitglied erkranken, sollten die Toilette und Flächen, die der Erkrankte anfasst, regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden.

Rund 800 verschiedene Typen dieser Keime sind bekannt, die Wissenschaftler Zoonosen nennen. Ein Großteil davon wird von Viren verursacht, gut zehn Prozent von Bakterien. "Sars, die Geflügelgrippe, Ebola sowie die Schweinegrippe sind Beispiele für virale Zoonosen", sagt Wieler, der sich auf die Erforschung der Infektionskrankheiten spezialisiert hat. Bakterien sorgen hingegen für die Pest oder Ehec-Erkrankungen. Hinzu kommen neuartige Erreger wie BSE. Hier lösen bestimmte Proteine, die Prionen, die Krankheit aus.

"Einige Infektionen sind in Deutschland natürlich bedeutsamer als andere", sagt Wieler und verweist dabei auf Campylobacter-Bakterien und Salmonellen – beide verursachen Darmerkrankungen – sowie das Q-Fieber, eine Krankheit mit meist grippeähnlichem Erscheinungsbild; in den USA gelten die Erreger des Fiebers gar als biologische Waffe der Kategorie B.

Die Zahl der Erkrankungen haben die Forscher stets im Blick, denn die oben genannten Krankheiten sind in Deutschland meldepflichtig. Online ist einsehbar, wie viele Menschen in der Republik als infiziert registriert sind. Im Fall der Campylobacter-Enteritis-Erkrankungen zum Beispiel verzeichnete das Robert Koch-Institut 1.401 Fälle allein in der 21. Woche dieses Jahres – das sind etwa 500 Infizierte mehr, als an der aggressiven Ehec-Variante erkrankt sind.

Ob Geflügelgrippe, Q-Fieber oder Ebola: Ihre Erreger sind, wenn nicht in Deutschland dann irgendwo auf der Welt, noch immer aktiv. Regelmäßig werden deshalb in den "Reservoirs" der Wirte die Erreger-Stämme klassifiziert. Solche Keimspeicher sind etwa Mägen oder Tiergedärme. "Forscher nehmen immer wieder Proben in den natürlichen Hauptansteckungsquellen, halten fest, welche Erreger sich entwickeln und lernen sie kennen", sagt Wieler. Da sich die Erreger ständig veränderten, sei man als Zoonosen-Forscher immer in Alarmbereitschaft. Nur so könne man bei einem Ausbruch schnell reagieren.

Leser-Kommentare
  1. Ständig Keime, ständig Viren, ständig Panik. Geht weiter! Laßt uns in Frieden!

    Völkerwanderung, Pest, 30 Jähriger Krieg, weitere Dauerschlachterei an Menschen, Spanische Grippe, WK1 und WK2 und wir sind immer noch das Herz Europas!

    Nachdem wir eine Götterdämmerung nach der anderen erlebt haben, zaubert ihr jetzt alle paar Monate ein anderes laues Lüftchen aus dem Hut, ist Euch das nicht peinlich?

    • Aliof
    • 23.06.2011 um 8:42 Uhr

    ... immer wieder zu erfahren, W I E gefährlich das Leben ist,

    welches meist tödlich endet ...

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    • Gafra
    • 23.06.2011 um 9:00 Uhr

    Wen kennen Sie, bei dem nicht?

    • Gafra
    • 23.06.2011 um 9:00 Uhr

    Wen kennen Sie, bei dem nicht?

    • Gafra
    • 23.06.2011 um 9:00 Uhr

    Wen kennen Sie, bei dem nicht?

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    Antwort auf "Hochinteressant"
    • Gafra
    • 23.06.2011 um 9:16 Uhr

    bei Tierpopulationen, die zu groß werden und auf zu engem Raum leben, erstens die Fertilitätsrate sinkt und zweitens die Tiere Krankheiten entwickeln, die zu deren Dezimierung führt.
    Das ist nicht nur bedeutsam für die Massentierhaltung (mit der also kranke Tiere produziert werden, die dann mit in die Nahrungskette gelangenden Medikamenten behandelt werden), auch umgekehrt für die Jagd (hoher Jagddruck erhöht die Geburtenrate), und womöglich auch für den Menschen. Soweit sind wir eben auch Tiere.
    Nur hinter unserem Denken und Forschen steckt der Anspruch, den einzelnen Menschen letztlich unsterblich zu machen.

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    • Kisara
    • 23.06.2011 um 20:53 Uhr

    letztendlich werde wir nie ohne Krankheiten Leben, sie gehören zu uns, wie das Leben und der Tod.

    • Kisara
    • 23.06.2011 um 20:53 Uhr

    letztendlich werde wir nie ohne Krankheiten Leben, sie gehören zu uns, wie das Leben und der Tod.

  2. Entfernt. Bitte achten Sie auf einen angemessenen Ton. Die Redaktion/sc

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    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/sc

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    • snoopl
    • 23.06.2011 um 10:19 Uhr

    "Wird's besser? Wird's schlimmer?"
    fragt man alljährlich.
    Seien wir ehrlich:
    Leben ist immer
    lebensgefährlich.
    -Erich Kästner-

  3. Epidemien werden tendenziell zunehmen, immer mehr Bakterien werden resistent gegen Antibiotika. Doch Angst, Panik und Hysterie sind bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten die schlechtesten Berater. Wir brauchen gute Prävention und enge Zusammenarbeit statt wildem Aktionismus:
    http://bit.ly/iLKYDD

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    Antwort auf "Bakterien"

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