Beulen, Sepsis, blutiger Auswurf: Geschätzte 25 Millionen Menschen erlagen im 14. Jahrhundert dem gefürchteten schwarzen Tod. In Europa wurde der bisher letzte Pestausbruch während des Zweiten Weltkriegs verzeichnet. Ausgerottet ist die Krankheit aber bei weitem nicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO registriert etwa 1.000 bis 3.000 Pestfälle pro Jahr, meist in Form kleinerer, örtlich begrenzter Epidemien, zum Beispiel in Texas oder in Vorderasien. Denn die Krankheitserreger überleben in wilden Nagetierpopulationen und können wieder auf den Menschen überspringen.

Ein Horror-Szenario? Die Pest ist nur eines von vielen Beispielen für von Tier zu Mensch oder von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten, auch Zoonosen genannt. Die Geflügel- und die Schweinegrippe , Sars oder die jüngst auftretende Ehec-Epidemie fallen ebenfalls in die Kategorie. Ihre Erreger harren weltweit in Vögeln (Geflügelgrippe), Fledermäusen (Ebola) oder in Rindern (BSE) aus. "Sie alle können unter bestimmten Umständen auf Menschen übertragen werden", sagt Lothar Wieler, Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen in Berlin.

Rund 800 verschiedene Typen dieser Keime sind bekannt, die Wissenschaftler Zoonosen nennen. Ein Großteil davon wird von Viren verursacht, gut zehn Prozent von Bakterien. "Sars, die Geflügelgrippe, Ebola sowie die Schweinegrippe sind Beispiele für virale Zoonosen", sagt Wieler, der sich auf die Erforschung der Infektionskrankheiten spezialisiert hat. Bakterien sorgen hingegen für die Pest oder Ehec-Erkrankungen. Hinzu kommen neuartige Erreger wie BSE. Hier lösen bestimmte Proteine, die Prionen, die Krankheit aus.

"Einige Infektionen sind in Deutschland natürlich bedeutsamer als andere", sagt Wieler und verweist dabei auf Campylobacter-Bakterien und Salmonellen – beide verursachen Darmerkrankungen – sowie das Q-Fieber, eine Krankheit mit meist grippeähnlichem Erscheinungsbild; in den USA gelten die Erreger des Fiebers gar als biologische Waffe der Kategorie B.

Die Zahl der Erkrankungen haben die Forscher stets im Blick, denn die oben genannten Krankheiten sind in Deutschland meldepflichtig. Online ist einsehbar , wie viele Menschen in der Republik als infiziert registriert sind. Im Fall der Campylobacter-Enteritis -Erkrankungen zum Beispiel verzeichnete das Robert Koch-Institut 1.401 Fälle allein in der 21. Woche dieses Jahres – das sind etwa 500 Infizierte mehr, als an der aggressiven Ehec-Variante erkrankt sind.

Ob Geflügelgrippe, Q-Fieber oder Ebola: Ihre Erreger sind, wenn nicht in Deutschland dann irgendwo auf der Welt, noch immer aktiv. Regelmäßig werden deshalb in den "Reservoirs" der Wirte die Erreger-Stämme klassifiziert. Solche Keimspeicher sind etwa Mägen oder Tiergedärme. "Forscher nehmen immer wieder Proben in den natürlichen Hauptansteckungsquellen, halten fest, welche Erreger sich entwickeln und lernen sie kennen", sagt Wieler. Da sich die Erreger ständig veränderten, sei man als Zoonosen-Forscher immer in Alarmbereitschaft. Nur so könne man bei einem Ausbruch schnell reagieren.

Globalisierung, Tierhaltung und Klimawandel tragen zur Verbreitung bei

Denn findet ein Wirtswechsel statt, zum Beispiel von Fledermäusen auf den Menschen, können dadurch Epidemien oder gar kontinentübergreifende Ansteckunspfade entstehen. Dies passierte etwa bei der Lungenkrankheit Sars. Grund hierfür war eine Mutation, die es dem verantwortlichen Virus ermöglichte, von seinem natürlichen Wirt auf den Menschen übertragen zu werden. Bei einer Mutation werden nur wenige Basenpaare des genetischen Codes, bei einer Rekombination hingegen viel größere Teile des Genmaterials ausgetauscht – "beides sind elementare Mechanismen für eine Speziesüberschreitung", erklärt Wieler.

Wie hoch ist das Risiko solch eines Wirtswechsels? "Das lässt sich nicht vorhersagen", sagt der Zoonose-Forscher. Zu unterschiedlich und häufig veränderten die Bakterien und Viren ihr Erbgut. Zu verschieden seien die Bedingungen. "Die Schweinegrippe hat Millionen Menschen infiziert, aber die Krankheit selbst war nicht besonders schwerwiegend. Mit dem H5N1-Virus der Geflügelgrippe steckten sich nur einige Hundert Menschen an, aber fast jeder Zweite erlag der Krankheit."

Einmal übertragen, bedienen sich die krankheitserregenden Winzlinge einer Fülle an Möglichkeiten, um sich zu verbreiten. Die Erreger können über Lebensmittel oder durch einen direkten Kontakt übertragen werden. "Mit dem Q-Fieber infiziert sich der Mensch durch Ziegen oder Schafe, an denen wiederum infizierte Zecken saugen. Die Bakterien werden von den Zecken über den Kot ausgeschieden, und der Mensch atmet sie in Form mit dem Staub ein", erklärt Wieler. Die größten Ausbrüche gab es in den vergangenen Jahren in den Niederlanden . Mehrere 10.000 Tiere wurden getötet, in erster Linie um Menschen vor der Ansteckungsgefahr zu schützen – eine umstrittene Maßnahme.

Die Globalisierung, die konventionelle Tierhaltung und der Klimawandel tragen zur Verbreitung der Zoonosen bei. "Der Klimawandel ist langfristig für Krankheiten relevant, die in bestimmten Gebieten über lange Zeit immer wieder vorkommen", sagt Wieler. Beispiel Malaria: Die Krankheit wird von Stechmücken übertragen. Diese fühlen sich nur unter ganz bestimmten ökologischen Bedingungen wohl. Wenn sich mit dem Klima allerdings die Temperatur oder der Niederschlag ändern, könnten die Mücken auch woanders heimisch werden. "Wir sollten nicht vergessen, dass wir bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland die Malaria heimisch war", sagt Wieler.

Das Bundeskabinett hat im März 2006 eine Forschungsvereinbarung zu Zoonosen beschlossen. Veterinär- und Humanmediziner sollen so die Übertragung von Erregern vom Tier auf den Menschen gemeinsam erforschen. Wieler ist derzeit einer der Leiter des "FBI-Zoos". Einen Erfolg verzeichnete erst kürzlich einer seiner Team-Kollegen. Ende Mai ermittelte der Hygieniker Helge Karch den exakten Erregerstamm des aktuellen Ehec-Ausbruchs. Ohne die vorherige intensive Beobachtung der Bakterien wäre das nicht so rasch möglich gewesen.