Moderne Antibabypillen bergen ein mehr als doppelt so hohes Risiko gefährlicher Nebenwirkungen wie ältere Mittel, werden von Ärzten aber inzwischen weit häufiger verordnet als die risikoärmeren Vorgängerpräparate. Darauf hat der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske im neuen Arzneimittelreport der Barmer GEK hingewiesen. Als Grund vermutet der Bremer Wissenschaftler die gezielte Werbung und Vermarktung durch die Pharmaindustrie, die mit neuen, noch patentgeschützten Medikamenten höhere Gewinne erzielt als mit ihren bewährten Mitteln.

"Tatsache ist, dass dieser Markt nicht zugunsten der Frauen ausfällt", sagte Glaeske und nannte den beobachteten Verordnungstrend "besorgniserregend". Nach aktueller Studienlage liege für diese Präparate das Risiko gefährlicher Thrombosen – berechnet auf 100.000 Frauen und die Einnahme über ein Jahr – bei 30 bis 40 Fällen. Bei den älteren Antibabypillen seien es, trotz gleicher Wirksamkeit und Zuverlässigkeit, nur 15 bis 20 Fälle.

Den Medizinern warf der Wissenschaftler vor, nicht rational und nach Nutzen-Risiko-Verhältnis zu verordnen. Sie sollten "nicht den Werbeaktionen und dem Marketinggeklingel pharmazeutischer Unternehmer folgen". Und die Frauen sollten beim Arzt darauf drängen, das risikoärmere Präparat zu erhalten, auch wenn die anderen Mittel "lustige Namen" trügen und in Frauenzeitschriften beworben würden.

Von den beanstandeten Antibabypillen wurden 2010 mehr als 9,4 Millionen Packungen abgesetzt. Konkret geht es dabei um die Mittel Valette, Lamuna, Nuvaring, Cerazette, Yasmin/Yasminelle, Aida, Desmin und Petibelle. Mit seinem Marktführer Valette bringt es der Hersteller Jenapharm allein auf einen Jahresabsatz von knapp drei Millionen Packungen. In der Beilage wird vor Thrombosen als Nebenwirkung gewarnt. Gleichzeitig verweist der Hersteller auf positive Begleiterscheinungen "moderner Pillen": Blutungen seien weniger stark, und bestimmte Pillen trügen sogar dazu bei, "Akne in den Griff zu kriegen".

Die Firma Bayer HealthCare, die das Präparat Yasmin produziert, wies Glaeskes Darstellung auf Tagesspiegel -Anfrage zurück. Klinische Daten aus 15 Jahren und die Ergebnisse nachträglicher Sicherheitsstudien belegten, dass das Thrombose-Risiko durch den neuen Wirkstoff Drospirenon nicht höher sei als bei den herkömmlichen Mitteln.

Glaeske kritisierte auch die Arzneiversorgung demenzkranker und alkoholabhängiger Menschen. Altersverwirrte würden trotz erhöhten Sterblichkeitsrisikos sechsmal so häufig wie andere Patienten mit Neuroleptika ruhig gestellt. Und zahlreiche Alkoholkranke bekämen Schlafmittel, die zusätzlich süchtig machen.