Damit hatte niemand gerechnet. Gleich in der ersten Abstimmung setzten sich die Befürworter im Bundestag mit absoluter Mehrheit durch . Die Abgeordneten waren aufgefordert, allein ihrem Gewissen zu folgen. Frei jeglichen Fraktionszwangs entschieden sie eine der drängendsten bioethischen Fragen Deutschlands. Bis zuletzt herrschte Uneinigkeit, nun ist es beschlossen: Die Präimplantationsdiagnostik (PID) wird zugelassen. Eine mutige und wegweisende Entscheidung.

Zwanzig Jahre wurde hierzulande diskutiert, während das Diagnoseverfahren in vielen Ländern Europas und in den USA schon genutzt wird. Vor der Abstimmung ging es im Bundestag respektvoll, ehrlich und leidenschaftlich zu: Selten lässt sich eine Debatte im Reichstagsgebäude so zusammenfassen. Zumal die Diskussion um den Gencheck an Embryonen die Grundwerte unsere Gesellschaft betrifft.

Zu Recht ist von Leben und Tod, Menschenwürde und Ethik die Rede. Mit der PID sortieren Mediziner kranke Embryonen aus, die im Zweifel vernichtet werden. Darf der Mensch das? Ja, sagt die Mehrheit des Bundestags, wenngleich in strengen Grenzen. Leben wird ausgewählt, um unvorstellbares Leid in Einzelfällen zu verhindern. Das Abtreibungsrecht sieht eine solche Ausnahmeregelung vor, ein Gesetz zur PID tut dies nun auch.

Seit Langem wird über die Risiken und Ängste der Embryonenauswahl debattiert. Es gibt eine große Furcht davor, dass der Mensch mit der PID Grenzen überschreitet. Kommt der Nachwuchs auf Bestellung, spielt die Medizin Gott, und wann gilt Leben als schützenswert? Diese Gedanken sind verständlich, doch die Realität ist eine andere.

Was Sie über die Embryonenauswahl im Labor wissen sollten. Die wichtigsten Fragen und Antworten. © Tim Boyle/Newsmakers/Getty Images

Der Gencheck in der Petrischale ist keineswegs ein Instrument, das gesunde Kinder nach Wunsch garantiert. Im Gegenteil: Das Verfahren kann den Kinderwunsch von Eltern erfüllen, die schwere genetische Erkrankungen in ihrem Erbgut tragen . Ihnen müssen künftig keine Fehlgeburten oder dem Tod geweihter Nachwuchs zugemutet werden. Diese Paare wählen meist eine körperlich und seelisch belastende künstliche Befruchtung. Eine PID kann anschließend helfen, Genschäden bereits zu erkennen, wenn der Embryo noch ein Zellhäufchen ist.

Um solche Fälle geht es. Sie sind selten, mit kaum mehr als 200 PID-Fällen pro Jahr rechnen Mediziner künftig in Deutschland. Darin berufen sie sich auf die Erfahrung aus dem Ausland. Der Gencheck am Embryo ist kein Verfahren für die Massen und wird es nicht werden. Vielmehr ist die begrenzte Zulassung ein Akt der Nächstenliebe.

Ein Verbot der PID hätte bedeutet, dass der Embryo schon im Zellstadium uneingeschränkten Schutz genießt. Ganz im Gegensatz zum Fötus, der im Mutterleib heranwächst. Dieses Leben darf nach dem Abtreibungsrecht bis zum dritten Schwangerschaftsmonat beendet werden. In Notsituationen bis kurz vor der Geburt, hier sind meist schwerste Behinderungen des Ungeborenen der Grund.

Die Entscheidung des Bundestages ist kein Beschluss gegen behindertes Leben. Einzig bereits im Erbgut enthaltene Schäden können mit der Genauswahl vermieden werden. Diese Defekte sind selten. Hinzu kommt, dass nur rund zehn Prozent der 1,5 Millionen Fälle schwerer Behinderung in Deutschland genetische Ursachen haben. Die meisten Beeinträchtigungen entstehen während der Geburt oder später im Leben nach einem Unfall. Die Zulassung der PID entwertet Behinderte keineswegs. Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen gehören gleichberechtigt in die Mitte unserer Gesellschaft. Um ihre Gleichstellung müssen wir uns bemühen.