WissenschaftsethikWenn die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwimmt

Längst verpflanzen Forscher etwa menschliche Gene für Medikamenten-Tests in Mäuse. Der Deutsche Ethikrat sorgt sich nun um "Mischwesen" und fordert klarere Gesetze. von 

In der Debatte um Klonforschung, der Züchtung von Stammzellen oder wenn menschliche Gene in Tierversuchen übertragen werden, erzeugen Begriffe wie "Mischwesen" stets die gleichen Assoziationen: Da tüfteln Forscher wie in Frankensteins Labor. Wesen, halb Kuh halb Mensch, könnten heranwachsen. Schnell ist von "Chimären" die Rede. Und von gezüchteten Embryonen, die im Zweifel getötet oder weggeschmissen werden, wenn sie sich für weitere Versuche als ungeeignet herausstellen. Eine grausige Vorstellung, wenn die Hintergründe unklar sind.

Innerhalb von zwei Jahren hat nun ein Gremium des Deutschen Ethikrats Empfehlungen zum Thema "Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung" erarbeitet und vorgestellt. Wer die 98 Seiten lange Stellungnahme liest, dem kommen die Frankensteinversuche wieder vor Augen. Angesichts der rasanten Entwicklung in der biomedizinischen Forschung plädiert der Ethikrat für eine Erweiterung des Embryonenschutzgesetzes, da die Artgrenze infrage gestellt werde. Das schon bestehende Verbot, menschliche Embryonen auf ein Tier zu übertragen oder Chimären zu erzeugen, sollte ausgeweitet werden: Künftig dürfe es auch nicht erlaubt sein, tierische Embryonen auf den Menschen zu übertragen.

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Bei solchen Sätzen ist es wichtig, zu verstehen, worum es den Wissenschaftlern des Gremiums eigentlich geht. In ihrer Stellungnahme schreiben sie von Zybriden, Hirnchimären und transgenen Tieren. Was verstehen Forscher darunter? Was ist in Deutschland überhaupt zugelassen? Und welche Änderungen der Gesetzeslage fordert der Ethikrat? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was sind Zybriden?

Zybriden entstehen, wenn Forscher den Kern einer menschlichen Zelle, der das gesamte Erbgut enthält, in eine entkernte tierische Eizelle einpflanzen. Der Name Zybriden setzte sich aus dem Begriff "zytoplasmatische Hybriden" zusammen. Zum Zytoplasma zählen grob alle Teile einer Zelle außer dem Kern.

Zybriden sind seit 2009 in England erlaubt. Damals berichteten auch deutsche Medien von der "britischen Chimäre" : An der Universität Newcastle und dem Londoner King's College werden Zellkerne von Menschen in die Hülle einer Rindereizelle verpflanzt. Das Erbgut aus der Rinderzelle wird vorher entfernt. Dem im Laborgefäß heranwachsenden Embryo sollen dann Stammzellen zu Forschungszwecken entnommen werden. Nach spätestens 14 Tagen muss er abgetötet werden. Wirkliche Mischwesen sind diese so erzeugten Embryonen allerdings nicht. Sie enthalten zu 99 Prozent das Erbgut eines Menschen. Und wenngleich man an ein ungeborenes Kind im Mutterleib denken mag: Ein Mensch könnte aus den Embryonen, die vor allem in der Stammzellforschung genutzt werden, nicht entstehen. Allein dazu müssten sie überhaupt erst in den Körper einer Frau verpflanzt werden.

Wozu braucht man das Verfahren?

Der Vorteil: Durch die Verwendung von Rindereizellen soll die Stammzellgewinnung schneller und einfacher werden. Bisher mussten Frauen dafür Eizellen spenden, was ethisch umstritten, teuer und langwierig ist.

Was sagt der Ethikrat?

Das Verfahren wird in Deutschland vom Embryonenschutzgesetz bislang nicht eindeutig erfasst*. Ein Teil der Mitglieder des Ethikrates vertritt aber die Auffassung, dass die Herstellung und Nutzung von Zybriden ethisch zulässig ist. Sie stellen einerseits fest, dass das Produkt aus dieser Art des Klonens weder als Mensch noch als Tier einzuordnen, keinesfalls aber als menschlicher Embryo zu betrachten ist. Andererseits verweisen sie darauf, dass menschliche Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen zu Forschungszwecken verwendet, nach der Auffassung mancher sogar dafür hergestellt werden dürfen.

Die Mitglieder des Ethikrates, die strikt gegen das Verfahren sind, fordern die ausdrückliche Aufnahme eines gesetzlichen Verbots in das Embryonenschutzgesetz. Sie halten Herstellung und Nutzung von Zybriden für untragbar, weil diese alle Eigenschaften einer menschlichen befruchteten Eizelle aufweisen.

Einig sind sich Befürworter und Gegner, dass solche Mensch-Tier-Zybriden auf keinen Fall in eine menschliche oder tierische Gebärmutter eingepflanzt werden dürfen. Das Embryonenschutzgesetz sollte daher durch ein explizites Verbot ergänzt werden.

Leserkommentare
  1. Es wird im Artikel jeweils die Frage gestellt:

    "Wozu braucht man das Verfahren?"

    Dies ist keine neutrale Formulierung, da suggeriert wird, dass das Verfahren absolut gebraucht würde.

    Neutral formuliert sollte es heißen:

    "Wozu benutzt man das Verfahren?"

    • Crudeli
    • 28. September 2011 18:41 Uhr

    Die Fragestellung wirkt vermutlich etwas radikal, doch muss man sich dies doch fragen, wenn man bestimmte Versuche bei anderen Tieren durchführen darf, bei Primaten aber nicht.

    • porph
    • 28. September 2011 18:46 Uhr

    Auch wenn die Idee von Menschen/Tier Hybriden bzw. Chimären auf den ersten Blick abstoßend und ethisch zweifelhaft erscheinen mag, darf man sich nicht vormachen dass das "Novum" darin läge, dass Experimente mit 99% menschlichem Erbgut durchgeführt werden. Wenn man sich übliche, weit (in quasi jedem zweiten oder dritten biologischen/medizinischen Labor) verbreitete menschliche Zellkulturlinien anschaut (z.B. HeLa = Zelllinie aus dem Gebärmutterkarzinom von Henrietta Lacks, oder HEK = humane embryonale Nierenzellen), dann enthalten diese sowieso "100% Mensch" (wenn auch durch Virenbefall und Krebs-Eigenschaft "entartet").

    Wir haben also eine lebende, vermehrungsfähige Lebensform die zu 100% aus Menschen hervorgegangen ist und den gesamten Planeten in definierten ökologischen Nischen (Labore) "kolonisiert" hat. Je nach Speziesdefinition haben wir also eine neue, eigenständige Spezies, die sich aus dem Menschen entwickelt hat.

    Wie man sieht, ist es mit den Definitionen nicht so einfach, wie man es gerne hätte...

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    ...schöne Betrachtungsweise. Ich halte die philosophischen Definitionen sowieso für unzureichend. Ethische Probleme sollten demokratisch entschieden werden, nicht von einem Rat.

  2. Wenn man mal die Religion beiseite lässt, finde ich den Gedanken sehr faszinierend, dass wir Menschen in Zukunft in der Lage sein könnten "neue" Tiere zu erschaffen.
    Man könnte zum Beispiel Tiere züchten, die mit Eigenschaften anderer Tiere ausgestattet sind, welche Nahrung effektiver verdauen und somit die Menschen besser ernähren.(Was auch notwendig sein wird wenn der Weltweite Bedarf an Fleisch weiter so ansteigt.)
    Ich wüsste nicht was daran unethisch sein sollte? Auf jeden Fall nicht unethischer als die Form, in der Tiere heute in der Massenzucht gehalten werden.

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    • Elite7
    • 28. September 2011 19:44 Uhr

    man bekäme die Menschen zum Umdenken und der Fleischbedarf (oder besser der Fleischkonsum) würde zurückgehen. Das was Sie formuliert haben klingt doch schon etwas selbstsüchtig, eine Rasse von Tieren kreiren muss man ja schon sagen, die nur ihren Selbstzweck erfüllen soll. DAS würe ich unethisch nennen.
    Im Übrigen hat das gar nichts mit Religion zu tun, denn die Frage nach Recht und Unrecht des Fleischkonsums haben sich schon die antiken griechischen Philosophen gestellt. Wenn es nach der Religion ging (die östlichen Religionen, wie Buddhismus und Hinduismus mal außenvor gelassen), dann könnten wir mit den Tieren und unserer Umwelt tatsächlich anstellen, was wir wollten. Das das nicht geht sehen wir heute.

  3. dem hr. müller von neben an nicht..
    also wer hat daraus vorteile?

    Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

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    Wo hier doch dies Woche das Thema Organspende aufgekocht wurde...

    Stellen Sie sich ein Schwein vor, dessen Gene so verändert wurden, daß seine Organe vom Immunsystem eines Menschen, der ein Ersatzorgan (z.B. ein neues Herz) benötigt, nicht mehr abgestoßen werden.
    Von der Größe, Form und Funktion sollen Schweineorgane den menschlichen sehr ähnlich sein.
    D.h. der Patient bekommt das Schweineherz implantiert und den Rest mit nach Hause für die Kühltruhe ;-)
    Die ethischen Bedenken können hier wohl kaum höher sein als bei unserer derzeitigen Art der Fleichproduktion.

    • Gerry10
    • 28. September 2011 19:28 Uhr

    ...geforscht"

    Dann würde mich interessieren ob das in den letzen 30 Jahren irgendetwas gebracht hat.
    Wenn nicht hat sich die Sache sowieso erledigt und ist nichts weiter als vergeudetes Geld und teures Spielzeug für Wissenschaftler.
    Wenn es was gebracht hat dann wäre eine Kosten-Nutzen Rechung im Vergleich zu Alternativen wünschenswert.

    Wie ich schon öfter hier im Forum geposted habe, denke ich das Tierversuche eher Schaden als Nützen (Wieviele Wunderdrogen gibt es NICHT, nur weil ein paar Ratten daran gestorben sind?) ,auch wenn sie von Gesetz her Vorschrift sind.

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    • Crudeli
    • 28. September 2011 19:45 Uhr

    Medikamente die es nicht auf den Markt geschafft haben kenne sie denn überhaupt?
    Die dahinter stehenden Industrien werden sich sicher nicht mit ihren Misserfolgen brüsten, das wäre schlecht für das Öffentlichkeitsbild, weil den meisten Kunden dann erst klar werden würde wie diese Produkte getestet werden und außerdem gesteht sich doch niemand wirklich gerne Fehler ein geschweige denn publiziert diese.

    Naja, also z.B. etwas über 100.000 veröffentlichte Artikel (einfach mal bei PubMed das Stichwort "transgenic" eingeben), die sich mit so Firlefanz wie Krebs, Alzheimer, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Parkinson, Huntington und ich weiß nicht was noch alles beschäftigen. Klar, ist natürlich nur zum Spaß für ein paar freakige Eierköpfe, die gerne mal ein paar Mäuse um die Ecke bringen...
    Letztendlich braucht die Entwicklung einer Therapie oder eines Medikamentes Jahre bis Jahrzente NACHDEM man die ursächlichen Grundlagen einer Erkrankung geklärt hat, und in der Grundlagenforschung ist in den letzten 20 Jahren unglaublich viel passiert, das hier generierte Wissen wäre schon unschätzbar einfach um seiner selbst Willen, aber es wird auch die Grundlage für weitere Entwicklungen sein, die man unter Umständen aus dem momentanen Informationsstand heraus noch nicht einmal absehen kann, weil z.B. andere dazu nötige Erkenntnisse oder Technologien erst noch entstehen müssen oder noch keiner die vorhandenen Informationen kreativ und innovativ genug miteinander verknüpft hat.
    Das größte Problem und der größte Vorwurf den man der Wissenschaft machen kann ist, dass keiner mitbekommt WAS da eigentlich alles so passiert und was für ein Potential das hat, was sich daraus entwickeln könnte.

    • Elite7
    • 28. September 2011 19:44 Uhr

    man bekäme die Menschen zum Umdenken und der Fleischbedarf (oder besser der Fleischkonsum) würde zurückgehen. Das was Sie formuliert haben klingt doch schon etwas selbstsüchtig, eine Rasse von Tieren kreiren muss man ja schon sagen, die nur ihren Selbstzweck erfüllen soll. DAS würe ich unethisch nennen.
    Im Übrigen hat das gar nichts mit Religion zu tun, denn die Frage nach Recht und Unrecht des Fleischkonsums haben sich schon die antiken griechischen Philosophen gestellt. Wenn es nach der Religion ging (die östlichen Religionen, wie Buddhismus und Hinduismus mal außenvor gelassen), dann könnten wir mit den Tieren und unserer Umwelt tatsächlich anstellen, was wir wollten. Das das nicht geht sehen wir heute.

    Antwort auf "Freiheit der Forschung"
    • Crudeli
    • 28. September 2011 19:45 Uhr

    Medikamente die es nicht auf den Markt geschafft haben kenne sie denn überhaupt?
    Die dahinter stehenden Industrien werden sich sicher nicht mit ihren Misserfolgen brüsten, das wäre schlecht für das Öffentlichkeitsbild, weil den meisten Kunden dann erst klar werden würde wie diese Produkte getestet werden und außerdem gesteht sich doch niemand wirklich gerne Fehler ein geschweige denn publiziert diese.

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  • Schlagworte Grüne | Embryo | Embryonenschutzgesetz | Erbgut | Hybrid | Tier
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