Eine Frau in Kampala, Uganda, lässt sich für einen Aidstest Blut abnehmen. © Marco Di Lauro/Getty Images

ZEIT ONLINE : Medien berichten von einer Studie aus dem Fachmagazin Lancet Infectious Diseases , wonach Frauen in Afrika, die Hormonspritzen zur Verhütung bekommen, ein höheres Risiko haben, sich mit dem Aidserreger HIV anzustecken. Ist diese Schlussfolgerung richtig?

Norbert Brockmeyer : Die Autoren der Studie sehen aufgrund ihrer Daten ein gesteigertes HIV-Infektionsrisiko bei hormoneller Kontrazeption und warnen entsprechend. Die Frage ist, ob das berechtigt ist. Ich denke, man kann diese Daten nicht übergehen, man muss aber fragen, welches die Ursachen für diesen vermeintlichen Zusammenhang sein könnten.

ZEIT ONLINE : Ergibt sich der Zusammenhang nicht daraus, dass Frauen, die Anti-Baby-Präparate injiziert bekommen, seltener Kondome benutzen?

Brockmeyer : Die Autoren schreiben zumindest in ihrer Publikation, dass HIV-negative Männer häufiger ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihren HIV-positiven Partnerinnen hatten, wenn diese hormonelle Verhütungsmittel eingenommen haben. Dadurch relativieren sich die Ergebnisse der Studie.

ZEIT ONLINE : Gibt es einen denkbaren medizinischen Grund, warum Frauen durch die Hormone anfälliger für das Aidsvirus sein könnten?

Brockmeyer : Es könnten Abwehrzellen verändert und somit eine Infektion erleichtert werden. Allerdings ist meiner Ansicht nach die gemessene Virusanzahl im Scheidenbereich zwar statistisch signifikant höher, aber nicht hoch genug, um auch klinisch relevant zu sein. Und deswegen auch nicht ausreichend, um diesen Zusammenhang herzustellen. Die Studie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

ZEIT ONLINE : Wie müsste eine Folge-Studie aussehen, um den Zusammenhang zu belegen?

Brockmeyer : Man sieht an dieser Studie, dass eine solche Untersuchung schwierig zu realisieren ist. Versuchspersonen müssen – wie in dieser Studie auch – Paare sein, bei denen einer der Partner HIV-positiv ist und der andere nicht. Diese Paare sollten in zwei Gruppen geteilt werden: eine, die eine Schwangerschaft mittels Hormonen verhütet und eine ohne hormonelle Verhütung. Alle Teilnehmer sollten das gleiche Hormonpräparat einnehmen. Das sexuelle Verhalten müsste genau dokumentiert werden. Häufiger als nur jedes halbe Jahr müssten der Virusgehalt im Blut und im Scheidenbereich gemessen und zusätzliche immunologische Untersuchungen am Gewebe des Genitaltraktes durchgeführt werden.