Links ein Herzschrittmacher-Modell, wie es 1958 erfolgreich transplantiert wurde, und rechts eine weiterentwickelte Variante von 1978 © Keystone/Getty Images

Am 6. Oktober 1961 setzt sich der junge Chirurg Heinz-Joachim Sykosch über den Willen seines Chefs hinweg – und wird damit Medizingeschichte schreiben. Er implantiert in Düsseldorf einem 19-jährigen Unfallopfer einen Herzschrittmacher. Ein ungeheures Wagnis, das vor ihm niemand zuvor in Deutschland riskiert hat.

Der Patient überlebt, steht schon kurz nach der Operation auf. "Und ich wurde gefeuert", erzählt der heute 86-jährige Pionier. Aber der geglückte Eingriff macht Furore, Sykosch wird schnell wieder eingestellt. Bis zu seinem Ruhestand 1990 setzt er mehr als 8.000 Schrittmacher ein. Eine rasante technische und medizinische Entwicklung beginnt, von der bis heute allein in Deutschland mehr als eine Million Menschen profitieren.

"Mein Chef hatte gesagt, ich soll den Mann in Frieden sterben lassen", erinnert sich Sykosch. "Aber ich hatte von der Entwicklung eines erstmals vollständig implantierbaren Schrittmachers in den USA gehört. Das Gerät habe ich bekommen und es hat funktioniert. Dieser erste Schrittmacher, den ich danach noch einige hundertmal implantiert habe, wog 240 Gramm, und die Batterien hielten etwa zwei Jahre lang." Heute sind die Minis Federgewichte mit dem Durchmesser eines größeren Mantelknopfes und halten acht bis zehn Jahre.

Der junge Assistenzarzt findet keine Ruhe. "Es hat mich gestört, dass der Schrittmacher permanent geschlagen hat, auch wenn der Patient selber zwischendurch einen ordentlichen Puls hatte", sagt Sykosch. Gemeinsam mit Tüftlern entwickelt er ab 1963 den "R-Wellen-Simulator" – ein Gerät, das dem Herzen nur Impulse gibt bei wirklichem Bedarf. Der Vorläufer des "Demand"-Schrittmachers, der bis heute verwendet wird, der Strom spart und deshalb länger hält.

Das Patent schnappt sich damals allerdings ein Amerikaner. Daran hatte der Düsseldorfer Enthusiast gar nicht gedacht. Auch das bis heute übliche Einbetten der Batterien in eine Metallkapsel hat Sykosch mit auf den Weg gebracht und erprobt.

Derzeit tragen fünf Millionen Menschen weltweit einen Herzschrittmacher, erklärt der Herzspezialist Berndt Lüderitz von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Meistens wird das Gerät zur Stimulation eines krankhaft langsamen Pulses eingesetzt. "Es sind eindeutig ältere Menschen über 50, 60 Jahre, die von den Schrittmachern profitieren. Da die Lebenserwartung weiter steigt, werden auch immer mehr Kranke wegen eines Herzschrittmachers in die Kliniken kommen." Schon in rund 1.000 Krankenhäusern werde die Operation inzwischen durchgeführt, manchmal ambulant. Seltener sind Kinder mit angeborenem Herzfehler darunter. Sykosch hat neun Kinder operiert, das jüngste war neun Monate alt: "Die Patientin lebt noch heute gut damit."

"Dass komplette Systeme unter die Haut gelegt wurden, die keine Verbindung von außen brauchten, war wirklich neu", sagt Lüderitz. "1958 war die weltweit erste Implantation in Stockholm durchgeführt worden. 1961 folgte die erste in Deutschland von Sykosch zusammen mit dem Kardiologen Sven Effert. Das war ein ganz großer Durchbruch, denn die Menschen waren vorher nicht zu retten, gegen einen zu niedrigen Herzschlag war kein Kraut gewachsen."

Der Stockholmer Schrittmacher hielt aber nur drei Stunden durch. Auch im Düsseldorfer Fall kam es später zu Komplikationen. Die beiden Elektroden in Rippenbogen-Höhe brachen. Sykosch ließ sich von einem Juwelier das Fein-Schweißen beibringen. "Es ist mir dann tatsächlich geglückt, in einer weiteren Operation die zwei Enden zusammenzuschweißen." Sein Patient, der den Schrittmacher mit 19 Jahren bekam, wurde 45 Jahre alt – er starb an einem Nierenleiden.

Der Eingriff: Unterhalb des Schlüsselbeins implantiert der Chirurg ein Mini-Aggregat mit Batterie, von dem aus Elektroden über die Venen ins Herz führen. Die Batterien werden in einem kleinen Eingriff nach einigen Jahren ausgewechselt. "Früher gab es Infektionen, Entzündungen oder Elektroden-Brüche und vieles mehr. Heute haben wir ein sehr sicheres Verfahren praktisch ohne Komplikationen", sagt Lüderitz.