Ralph Steinman hat die Nachricht, dass er den Nobelpreis für Medizin gewonnen hat , nicht mehr erreicht. "Die Nachricht ist bittersüß, da wir diesen Morgen von Ralphs Familie erfahren haben, dass er vor wenigen Tagen nach einem langen Kampf gegen den Krebs gestorben ist", heißt es in einer Pressemitteilung der Rockefeller-Universität in New York. Nur wenige Stunden zuvor hatte das Nobelpreiskomitee in Stockholm erklärt , Steinman werde den Nobelpreis für Medizin 2011 zur Hälfte erhalten. Die andere Hälfte teilen sich der amerikanische Immunologe Bruce Beutler und der französische Forscher Jules Hoffmann. Alle drei haben erforscht, wie der Körper von Tier und Mensch gefährliche Bakterien und Viren, Pilze und Parasiten abwehrt.

Die Statuten des Nobelpreises sehen vor, dass nur lebende Personen geehrt werden dürfen. Nach einer Sitzung am späten Nachmittag entschied sich das Komitee dennoch, am Preis für Steinman festzuhalten. Die Regel solle verhindern, dass der Preis bewusst an Verstorbene verliehen werde, hieß es in einer Pressemitteilung. In diesem Fall sei die Entscheidung aber im Glauben gefallen, dass Steinman noch lebe. Der Forscher war vor vier Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Seitdem kämpfte er gegen den aggressiven Tumor – und nutzte dafür auch die Entdeckungen, für die er nun mit dem Nobelpreis geehrt wurde. 1973 hatte Steinman einen neuen Zelltyp entdeckt, die Dendritische Zelle.

Das sind große Zellen mit vielen Ausläufern, die im Körper eine Art Wächtertruppe bilden, die Eindringlinge aufspürt und die körpereigene Abwehr aktiviert. "Diese Zellen sind für das Immunsystem außerordentlich wichtig und es ist schon etwas ganz Besonderes gewesen, dass so spät eine so wichtige Zelle noch entdeckt wurde", sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin.

Steinman behandelte sich selbst

Steinmanns Ergebnisse seien zunächst mit viel Skepsis bedacht worden, erinnert sich Kaufmann. Schließlich glaubten Forscher in den 1970er Jahren, alle wichtigen Zellen bereits entdeckt zu haben. Fresszellen (Makrophagen) galten als die entscheidenden Zellen, die das Immunsystem alarmieren, wenn Krankheitserreger in den Körper eingedrungen sind. Viele Wissenschaftler glaubten, Steinman habe in seinen Experimenten nicht sauber gearbeitet und lediglich diese Makrophagen beobachtet. Inzwischen ist allerdings klar: Steinman hatte Recht. Dendritische Zellen sind tausendmal effizienter darin, die Körperabwehr aufzuwecken als Makrophagen.

Forscher versuchen deshalb längst, die Zellen in der Therapie einzusetzen, etwa gegen Krebs. Der Ansatz: Dendritische Zellen werden dem Körper entnommen, mit bestimmten Eiweißen beladen, die nur im Tumor vorkommen, und dann wieder in den Körper gespritzt. So sollen sie das Immunsystem auf die wuchernden Zellen abrichten. Im April 2010 wurde so eine Behandlung in den USA erstmals zugelassen: gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs. Zahlreiche ähnliche Therapien werden getestet. Auch Steinman behandelte sich selbst mit dem Ansatz. In einer Pressemitteilung der Rockefeller-Universität heißt es, er habe mit dem Selbstversuch sein Leben verlängert. Das nachzuweisen, ist allerdings kaum möglich.

Klar ist aber, dass Steinmans Entdeckung die Erforschung des Immunsystems entscheidend vorangetrieben hat, genau wie der Beitrag der anderen beiden Preisträger. Deren Geschichte beginnt genau genommen mit der deutschen Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in den letzten Monaten des Jahres 1979. Damals untersuchte sie zusammen mit Eric Wieschaus Hunderte mutierte Fruchtfliegen unter dem Mikroskop, um herauszufinden, wie sich aus einem winzigen befruchteten Ei eine Fliege entwickelt.

Als Nüsslein-Volhard eine mutierte Fliege entdeckte, bei der sich statt einer Bauchseite ein zweiter Rücken entwickelte, rief sie begeistert: "Toll!" – und der Name der Mutante und des Gens, das bei ihr defekt ist, war geboren. Genau dieses Toll-Gen spielt aber auch eine entscheidende Rolle im Immunsystem, wie Hoffmann und Beutler zeigen konnten.