MedikamenteKinder bekommen immer häufiger Psychopharmaka

Ärzte verschreiben Kindern zunehmend Medikamente gegen Hyperaktivität, ergab die Studie einer Krankenkasse. Mediziner warnen vor zu leichtfertigem Einsatz der Mittel. von AFP und dpa

Immer mehr Kinder und Jugendliche bekommen Psychopharmaka verschrieben, das behauptet die Techniker Krankenkasse (TK) aufgrund einer Auswertung ihrer Versichertendaten. Insgesamt 29.000 Jugendliche, die bei der Krankenkasse versichert sind, erhielten im Jahr 2010 nach Informationen der TK Medikamente gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). 2006 waren es angeblich 20.000 Kinder gewesen.

Es gibt in der Auswertung der Krankenkasse jedoch auch gegenläufige Trends: Der Einsatz von Antidepressiva stieg weniger stark an und die Zahl der Schlafmittelverschreibungen sank um 14 Prozent. Ein Fünftel der verschriebenen Medikamente sollten allerdings ausdrücklich nicht bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden.

Die Krankenkasse warnte vor dem leichtfertigen Einsatz von Psychopharmaka bei Heranwachsenden. Der Mediziner Hannsjörg Seyberth sagte, die Spätfolgen und Langzeitwirkungen seien bisher nur wenig erforscht. Verhaltensauffälligkeiten sofort mit Medikamenten zu bekämpfen, sei der falsche Weg. Statt mit Psychopharmaka sollten sie zunächst etwa mit Psycho- oder Verhaltenstherapien behandelt werden. Die Techniker-Krankenkasse hatte erst im Mai eine Auswertung ihrer Versichertendaten zu den steigenden Verordnungen von Medikamenten gegen ADHS veröffentlicht.

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Mediziner befürchteten bereits in der Vergangenheit, dass Kindern in Deutschland zu häufig Psychopharmaka verschrieben werden, ohne, dass eine umfassende Untersuchung stattgefunden habe oder sanftere Therapiemethoden erwogen wurden. Deswegen verschärfte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Vergabe dieser Medikamente zunehmend, sodass sie seit Anfang 2011 nur noch von Spezialisten, aber nicht mehr von Hausärzte verschrieben werden dürfen.

Eine solche Studie, wie sie von der TK durchgeführt wurde, ist allerdings keine gezielte wissenschaftliche Untersuchung, sondern lediglich die Auswertung von Daten und damit wenig aussagekräftig.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde ein Medikament und dessen Verwendungshäufigkeit erwähnt. Nach kritischer Diskussion innerhalb der Redaktion wurde dieser Absatz nachträglich entfernt, da die Datenlage für diese Feststellung nicht eindeutig war. Die Redaktion.

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Leserkommentare
  1. Ich selbst habe ADHS und ja es ist genetisch bedingt, jedoch empfinde ich mich nicht als degeneriert! Ich habe Abitur gemacht, studiert und bin E-technik Ing.
    Zudem kann ich nur sagen, dass das von der Gesellschaft als negativ eingestufte Verhalten von Kindern mit ADHS auch von der Gesellschaft gemacht ist. Ich war auch unruhig aber meine überschüssige Energie konnte ich mit viel Bewegung und Sport in meiner Freizeit schon als Kind recht gut in den Griff bekommen!
    Nur heutzutage habe Eltern oft keine Zeit sich mit ihren Kindern so intensiv auseinanderzusetzen. Wenn sie nicht funktionieren sucht man leider häufig die einfachste Methode (wobei diese bei Kindern ohne ADHS nicht hilft weil z. B. Methylphedidat ein Aufputschmittel ist). In der Schule wird Sportuntericht auf ein Minimum reduziert, da er nicht auf das Berufsleben vorbereitet, etc.
    Medikamente habe ich lediglich zwei Semester im Studium genommen und diese aber dann auch sofort wieder abgesetzt, da Sport für mein Wohlbefinden einfach die bessere Methode ist.
    Menschen mit ADHS "langweilen" sich schnell und brauchen immer neue Stimulation. Bewegung hilft und auch die Lernbereitschaft ist sehr hoch, jedoch nicht mit den Methoden des deutschen Schulsystems...
    Somit würde ich sagen, keinde Medis mehr kindgerechtes Lernen und mehr Bewegung und gesunde Ernährung würden viele Schwachpunkte unserer Gesellschaft beheben!!!

    2 Leserempfehlungen
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    aber Sport und gesunde Ernährung war mal der Normalzustand des Menschen auf den er auch ausgelegt ist... Menschen sind früher am Tag durchschnittlich ca 35 km gelaufen als als sie den Hintern noch bewegen mussten um an ausreichend Nahrung zu kommen etc. Sport ist halt Heute ein notwendiger Ausgleich weil unsere Gesellschaft so weit von unseren natürlichen Lebensbedingungen entfernt ist. Daher meine These, dass ADHS unter natürlicheren Bedingungen gar nicht als Krankheit wahrgenommen würde.

  2. Schlagkräftige Labels wie "ADHS" werden leider auch gelegentlich von Eltern missbraucht, um vom eigenen erzieherischen Versagen abzulenken. Statt die Probleme bei den Ursachen anzugehen, einfach die Chemiekeule auspacken, dann sind die Kinder schön ruhig und leistungsfähig.

    Psychotherapie (oder eine kombinierte Therapie) statt Medikamente einzusetzen ist schonmal eine gute Forderung, aber man müsste noch weiter gehen und mal die Interaktion in der Familie berücksichtigen. Häufig sind ja psychische Störungen bei Kindern auch auf dysfunktionale Interaktionen in den Familien zurückzuführen.

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    • eluutz
    • 19. Oktober 2011 17:55 Uhr

    Die "Schlagrichtung" der Berichterstattung scheint derzeit eine Kombination aus Familienversagen und Ärzteversagen zu sein - was dann zum Medikamentenmissbrauch führen soll. Ich will nicht bestreiten, dass es so etwas gibt.

    Auf der anderen Seite ist eine Korrelation wie hier beschrieben eben wenig aussagekräftig. Es kann auch sein, dass moderne Psychopharmaka endlich in die Lage versetzen, schwer entwicklungsgestörten Kindern zu helfen, damit sie eine normale Entwicklungsperspektive haben. Das kann nur im Einzelfall bewertet werden.

    Genauso der Hinweis auf fehlende Langzeiterfahrungen mit Psychopharmaka - das trifft auf fast alle innovativen Medikamente zu, insbesondere auf Wirkstoffe, die unser Verhalten beeinflussen. Da treffen Ärzte oft eine Abwägung, ob eine konkrete Hilfe jetzt nicht besser ist, wenn (fast) sicheres soziales Abgleiten (oder andere konkrete Gefahren) gegen mögliche Langzeitfolgen aufgewogen wird.

    Man muss das nicht gut finden, und vielleich machen wir es uns auch zu leicht; solche Tendenzen können nur als Hinweis dienen, genauer hinzuschauen; nicht dazu, einen grundlegende Handlungsrahmen abzugrenzen.

    Natürlich sollten Medikamente immer in eine qualifizierte Psychotherapie eingebunden werden.

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  3. Kinder (im ADHS Fall) schon proforma ihre im Rahmen der Krankenkasse zulässige Medikamentierung bekommen. Ohne nach Notwendigkeiten zu entscheiden. Man sollte den Eltern
    dieser Kinder die 10fache Medikamentierung zwangsverpassen.
    Wie können Eltern nur ihre Kinder so diesem Pharma- und
    Krankenkassensumpf ausliefern?

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  4. leben Menschen nicht artgerecht. Versucht mal andere Tierarten bei künstlichem Licht in Klassenräume und Büros einzusperren und den rest des Tages vor den Fernseher zu setzen. Die würden alle durchdrehen weil sie auf so eine Situation evolutionär überhaupt nicht ausgerichtet sind. Unsere Wohlstandsgesellschaft ist zugleich körperlich bequem und psychisch stressig das ist eine sehr problematische Kombination und zufrieden macht sie aus meiner Sicht nicht deswegen suchen viele als Ersatzbefriedigung den schnellen kick ("Spaßgesellschaft"). Hier den Eltern und Ärzten die Schuld zu geben greift viel zu kurz die wurden doch idR selbst in einer nicht artgerechten und folglich krankmachenden Umgebung sozialisiert. Das Problem betrifft aus meiner Sicht die gesamte Gesellschaft und Pillen für Jugendliche, die ihrer Bestimmung als Humankapital nicht hinreichend genügen wollen sind da nur kuriose Symptome. Tatsächliche müsste man aus meiner Sicht an einer Gesellschaft arbeiten, die nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft für Menschen artgerechter ist und zwar so unideologisch, wie man das auch bei Tierarten machen würde. Das dürfte aber schwierig werden, weil noch immer viele Wissenschaftszweige von der historisch gewachsenen Verklärung des Menschen leben (zB Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Tiefenpsychologie etc) und auf empirische Überprüfbarkeit verzichten.

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  5. ...werden sie halt durch Medikamente passend gemacht.
    Ich frage mich, was das für eine Elterngeneration ist, die dasas zulässt.
    Bei Ärzten frage ich mich schon lange nichts mehr, denn die meisten haben weder Lust noch Zeit sich wirklich mit Patienten zu befassen, oder sich weiter zu bilden und nicht nur Schema F zu bedienen.
    Aber wenn selbst Eltern nicht mehr in der Lage sind, ein Gefühl für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu entwickeln, ist es einfach eine Katastrophe.
    Es ist mittlerweile normal, Kinder unter Drogen zu setzen, damit sie "ruhig" sind, genau wie man es in Altenheimen mit den Menschen macht.
    Eine Zeit zum fürchten.

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  6. aber Sport und gesunde Ernährung war mal der Normalzustand des Menschen auf den er auch ausgelegt ist... Menschen sind früher am Tag durchschnittlich ca 35 km gelaufen als als sie den Hintern noch bewegen mussten um an ausreichend Nahrung zu kommen etc. Sport ist halt Heute ein notwendiger Ausgleich weil unsere Gesellschaft so weit von unseren natürlichen Lebensbedingungen entfernt ist. Daher meine These, dass ADHS unter natürlicheren Bedingungen gar nicht als Krankheit wahrgenommen würde.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Absatz | Information | Jugendliche | Krankenkasse | Medikament | Mediziner
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