Wenn Boehringer-Chef Andreas Barner über sein neues Produkt spricht, tut er das stets in wärmsten Worten: Der Blutverdünner Pradaxa sei "ein exzellentes Medikament", sagt er, und dass man damit "Pionierarbeit" leiste. Tatsächlich schaffte es der Ingelheimer Familienkonzern, allen Konkurrenten zuvorzukommen – in einem Markt, in dem laut Analystenschätzung mindestens zehn Milliarden Euro pro Jahr zu verdienen sind. Seit 2008 dürfen die Ingelheimer ihre Pille zur Verhütung von Blutgerinnseln nach Operationen, seit 2010 auch als Prophylaxe gegen Schlaganfälle verkaufen.

Das Medikament unter dem Handelsnamen Pradaxa ist ein Gerinnungshemmer mit dem Wirkstoff Dabigatran, der den Blutgerinnungsfaktor Thrombin hemmt.*

Inzwischen mehren sich die Nachrichten über Nebenwirkungen bei Pradaxa-Nutzern. In Deutschland verstarben nach Auskunft des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte vier Pradaxa-Patienten an Blutungen. Nach Informationen der Europäischen Zulassungsbehörde Ema fielen weltweit insgesamt 256 Patienten inneren Blutungen zum Opfer, nachdem sie den Gerinnungshemmer eingenommen hatten. Das sind rund fünfmal mehr Fälle als der Konzern zunächst zugeben wollte: Boehringer selbst hatte zunächst öffentlich eine "Größenordnung" von 50 Toten weltweit eingeräumt. Dass die Einnahme des Medikamentes in alle Fällen die direkte Ursache für die Blutungen ist, lässt sich so einfach nicht belegen: Allerdings sind derartige Blutungen, wie sie bei den 256 Verstorbenen festgestellt wurden, allgemein selten. Mediziner halten es daher für sehr wahrscheinlich, dass sie mit Pradaxa im Zusammenhang stehen.

Boehringer bestätigte die Behördenangaben

Boehringer bestätigte die Behördenangaben am Freitagabend gegenüber ZEIT ONLINE. Der medizinische Leiter des Konzerns, Klaus Dugi, wies darauf hin, dass die Opferzahl noch unter der Rate aus der klinischen Studie liegt.

Auf Veranlassung der Behörden musste der Konzern Ende Oktober europaweit Rote-Hand-Briefe verschicken . In diesen Briefen wurden alle Ärzte aufgefordert, Pradaxa-Nutzer über 75 Jahre und solche mit Nierenleiden regelmäßigen Nierenfunktionstests zu unterziehen. Entsprechende Warnungen hatte es im August schon in Japan gegeben, nachdem dort Patienten verblutet waren, weil sie den Gerinnungshemmer ungenügend ausscheiden konnten. Auch Australien und Neuseeland haben inzwischen Alarm geschlagen.