Das Vogelgrippe-Virus unterm Mikroskop: Bislang war der Erreger zwar sehr tödlich, aber nicht hoch ansteckend. © AFP/Getty Images

Offenbar haben Wissenschaftler ein äußerst gefährliches Virus im Labor erschaffen – einen Erreger, der eine Mischung aus Schweine- und Vogelgrippeviren sein soll. Sowohl niederländischen Forschern um Ron Fouchier als auch japanischen und amerikanischen Forschern um Yoshihiro Kawaoka sei es gelungen, den Krankheitskeim zu erzeugen, der so tödlich wie das Vogelgrippevirus und so ansteckend wie das Schweinegrippevirus ist. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ( FAS ) und beruft sich auf Artikel in den amerikanischen Wissenschaftsmagazinen New Scientist und Science Insider .

Die genauen Ergebnisse der Tierversuche und der exakte Ablauf der wissenschaftlichen Experimente werden derzeit noch zurückgehalten. Eigentlich sollten sie im Fachmagazin Science erscheinen, doch das amerikanische Gremium für Biosicherheit (National Science Advisory Board for Biosecurity, NSABB) blockiert dies derzeit. Das NSABB befürchtet, dass die "Bauanleitung" eines solchen Virus in die falschen Hände gelangen könnte. "Es ist grundsätzlich keine gute Idee, ein tödliches Virus in ein tödlich-ansteckendes Virus zu verwandeln. Und es ist ebenfalls keine gute Idee, das dann auch noch zu veröffentlichen", sagte Thomas Inglesby, Direktor des Center for Biosecurity an der University of Pittsburgh und Mitglied im NSABB, der FAS .

Unter Wissenschaftlern hat genau dies eine Kontroverse ausgelöst. Für eine Veröffentlichung spräche laut Experten die Bedeutung der Ergebnisse für die Virologie-Forschung: Wenn Fouchier und seine Kollegen tatsächlich ausfindig machen konnten, welche genetischen Elemente die schnelle Verbreitung von Viren begünstigt, ließe sich in Zukunft bei neuen Viren schneller feststellen, wie gefährlich diese werden können. Unter den Fürsprechern ist FAS zufolge auch der australische Nobelpreisträger Peter C. Doherty: Das Vogelgrippevirus H5N1 könne schon von ganz allein eine Menge Mutationen anhäufen. Umso wichtiger sei es herauszufinden, welche davon gefährlich sind und warum.

Die Vorteile einer Veröffentlichung würden die Gefahren derselben nicht überwiegen, widerspricht Inglesby im New Scientist . Es sei nicht nur möglich, dass jemand versucht, daraus eine Biowaffe zu entwickeln, sondern je mehr Wissenschaftler mit dem Virus arbeiten, umso größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus aus dem Labor gelangen könnte.

Wann kann Forschung von Terroristen missbraucht werden?

In der Debatte sehen viele Wissenschaftler ein generelles Problem, das entsteht, wenn Studien einerseits einen Vorteil für die Gesundheit bieten, andererseits aber auch von Terroristen missbraucht werden könnten. Es könne nicht angehen, so das Argument, dass Experimente erst finanziell gefördert, durchgeführt und in eine Studie gegossen werden, um kurz vor Veröffentlichung von Biosicherheitsbedenken blockiert zu werden.

Der Vorsitzende des NSABB, Paul Keim, stimmt dieser Ansicht zwar zu, sieht jedoch nicht sein Gremium in der Verantwortung: Die Wissenschaftler selbst, ihre Institute und nicht zuletzt die Einrichtungen, die die Forschung finanziell unterstützen, sollten sich mit diesen Interessenskonflikten auseinandersetzen, sagte Keim dem Science Insider .

Die Veröffentlichung zu dem neuen tödlichen Erreger war von der niederländischen Kommission für Genetische Modifikation genehmigt worden. Die achte allerdings nur darauf, ob die Sicherheitsbedingungen im Labor gegeben sind, sagte deren Vorsitzender Bastiaan Zoeteman. Auch die US-Gesundheitsbehörde (National Institutes of Health), die seine Experimente finanziert hat, habe der Veröffentlichung zugestimmt, sagte Ron Fouchier, der leitende Wissenschaftler einer der beiden Studien.

Derzeit prüfe die NSABB die Arbeiten der Forscher umfassend, in Kürze solle es eine Stellungnahme geben. Es sollte möglich sein, die relevanten Informationen gezielt an einzelne Wissenschaftler weiterzugeben, sagt Michael Osterholm, Influenza-Experte und ebenfalls Mitglied im NSABB. Das Gremium kann die Veröffentlichung ohnehin nicht verhindern, sie kann lediglich das Magazin Science dazu auffordern.