40 Jahre "Ärzte ohne Grenzen""In Krisengebieten lade ich meinen ärztlichen Akku auf"

Seit 40 Jahren retten Mediziner der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" in Bürgerkriegen und nach Naturkatastrophen Menschenleben. Tankred Ströbe ist einer von ihnen. von Annette Kögel

Zu essen gab es Kaulquappensuppe und Froschschenkel – wenn es mal was zu essen gab. Tagesmärsche durch den Dschungel führten zu Siedlungen mit schwerkranken, hilflosen Menschen. Fiese, leise Mückenschwärme voller Malariaerreger plagten den kleinen Trupp auf dem Weg über die thailändische Grenze, heimlich hinein nach Myanmar. Strom? Medikamente? Oder so etwas wie eine Herzlungenmaschine? Unvorstellbar. "Das war schon bizarr, mir hat der Kopf geraucht, was da alles an neuen und bisher unbekannten Aufgaben auf mich zukam", erzählt Tankred Stöbe. In Myanmar heilte er Menschen, einigen rettete er das Leben. Damit stand für ihn nach seinem ersten Auslandseinsatz für Ärzte ohne Grenzen fest: Das ist es, dabei bleibe ich. Das war 2002.

Heute, fast zehn Jahre später, ist der 42-jährige Facharzt für Innere und Intensivmedizin am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe der Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Am 21. Dezember begeht der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Verein "Médecins Sans Frontièrs" (MSF) sein 40-jähriges Bestehen.

Anzeige

Es waren französische Ärzte, die Schockierendes bei der Behandlung von Opfern des Bürgerkriegs ins Nigeria 1967-1970 erlebten, bei der Arbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz. Ähnlich erging es Medizinern, die sich um Flutopfer in Bangladesch kümmerten. Journalisten der medizinischen Zeitschrift "Tonus" brachten die Mediziner zusammen, und unter ihrer Ägide wurde im Dezember 1971 die Organisation gegründet. Heute engagieren sich in dem internationalen Netzwerk über 27.000 Schwestern, Pfleger, Techniker und Mediziner in rund 60 Ländern. Im Laufe von vier Jahrzehnten haben Hunderttausende über einige Monate oder viele Jahre diese Arbeit getragen. Mehr als fünf Millionen Spender weltweit ermöglichen das Wirken der Mediziner in gewaltsamen Konflikten, für Menschen auf der Flucht, bei Naturkatastrophen und Epidemien. 2010 war mit dem Erdbeben in Haiti und der Flut in Pakistan das spendenstärkste Jahr, mehr als 83 Millionen gingen allein 2010 bei der deutschen Sektion ein.

Kranke in Nepal, Bürgerkrieg in Liberia, Flut in Pakistan

Mehr als 200 Berliner waren mindestens einmal für die Organisation im Einsatz. Die meisten Mediziner gehen für ein halbes Jahr ins Ausland, lassen ihre Arbeitsverträge ruhen oder kündigen gar. Berliner "Rekordhalter" ist Chirurg Volker Herzog, Spezialist für die Behandlung von Geburtsfisteln, im Januar will er zu seinem 28. Einsatz in die Zentralafrikanische Republik aufbrechen.

Vor seinem ersten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen hat Tankred Stöbe als Notarzt im Ruhrgebiet gearbeitet. Für die neun Monate Myanmar hat er seine Wohnung aufgegeben, sein Auto stillgelegt. "Man muss sich für lange Einsätze eben komplett verfügbar machen", sagt er. Rund 800 Euro im Monat gibt es dafür. Den Ärzten werden Impfungen, Flüge, Unterkünfte und ein kleines Taschengeld bezahlt. "Man geht mit Null wieder raus", sagt Stöbe. Statt den Medizinern mehr zu zahlen, sollen mit dem Geld lieber mehr Einsätze finanziert werden.

Stöbe erlebte 2003 in Nepal, wie Kranke die Klinik meiden, weil es dort nur Korruption gab statt vernünftiger Medizin. In der kahlen Bruchbude legte sein Team Hand an und machte daraus wieder ein Krankenhaus, zu dem die Menschen tagelang auf ihren Eseln ritten. 2004 flog er nach Liberia, in den Bürgerkrieg. 2010 machte er in den Flutgebieten Pakistans an Betten Visite, in denen die Cholerapatienten wimmernd durch Löcher hindurch ihren Durchfall in Eimer unter den Betten entleerten. Dieses Jahr, in Mogadischu, vertrieb sich das Team – ein französischer Logistiker, ein spanischer Landeskoordinator und ein australischer Kollege – den "Feierabend" im Krankenhaus mit nächtlichen Diskussionen über Politik. "Es wurde 24 Stunden lang geschossen, wir durften nicht raus", erzählt Stöbe. "In vier Wochen habe ich sieben Mal das Haus verlassen."

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Akku | Arzt | Auslandseinsatz | Bürgerkrieg | Flut | Masern
Service