Skandal um Implantate"Eine Brust-Operation ist keine Lappalie"

Frankreich erlebt einen Skandal um gefährliche Brustimplantate. Auch deutsche Frauen können betroffen sein. Alle zu finden, sei schwer, sagt der Chirurg P. Mailänder. von Annika Joeres

Ein herausoperiertes, gerissenes Brustimplantat des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP)

Ein herausoperiertes, gerissenes Brustimplantat des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP)  |  © Sebastien Nogier/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Mailänder, in Frankreich sollen etwa 30.000 Frauen gefährliche Brustimplantate der Firma Poly Implant Prothèse (PIP) tragen. Die Behörden haben nun empfohlen, dass die Frauen sich die Silikonkissen entfernen lassen sollen. Auch in Deutschland wurden die mittlerweile vom Markt genommenen Implantate des Herstellers verwendet. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein?

Peter Mailänder: Zunächst einmal wissen wir überhaupt nicht, wie viele Frauen betroffen sind. Es gibt in Deutschland kein Register darüber, wer welche Implantate operiert hat oder trägt. Hinzu kommen viele Frauen, die sich im Ausland haben operieren lassen. Es gibt einen Operationstourismus. Dieser Markt ist nicht ungefährlich.

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ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten Frauen einen Implantat-Pass, der das genaue Produkt benennt.

Peter Mailänder

Peter Mailänder vom Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) leitet die Sektion für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Er operiert vor allem Frauen, denen nach einer Krebserkrankung die Brust entfernt wurde. Auch ein Vertreter des in inzwischen Konkurs gegangenen Implantat-Herstellers aus Marseille bot ihm vor Jahren seine Silikon-Produkte an – Mailänder lehnte ab und bevorzugt weiterhin Implantate mit Kochsalzfüllung.

Mailänder: Auch in Deutschland sollen Patientinnen einen solchen Pass erhalten. Ich befürchte aber, einige Frauen haben ihn entweder nie bekommen oder haben ihn nicht mehr, weil sie die Operation verschwiegen haben. Sie müssen beachten, dass eine Brustoperation für viele Frauen eine sehr schambesetzte Entscheidung ist, die sie am liebsten schnell vergessen wollen. Jetzt werden diese Frauen in höchste Aufregung versetzt.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass Ärzte Brustkissen in den vergangenen Jahren zu leichtfertig eingepflanzt haben?

Mailänder: Generell wurde in vielen Medien das Bild vermittelt, dass es sich um einen einfachen Eingriff handelt. Der Fokus auf Äußerlichkeiten hat extrem zugenommen. Wenn ein Star offen über seine Brustvergrößerung berichtet hat, dann sicherlich nicht über die Komplikationen und Schmerzen, die er dabei erlitten hat. Aber jede Operation beinhaltet ein Risiko, viele Frauen müssen sich auch ein zweites Mal unter das Messer legen. Das ist keine Lappalie. Eine Brustoperation kann aus einer Frau eine dauerhafte Patientin machen.

ZEIT ONLINE: Wie kann es sein, dass minderwertige Implantate auf den Markt gelangen?

Mailänder: Die Plastische Chirurgie ist ein riesiger Markt. Aber viele Chirurgen bieten ihren Patientinnen auch günstigere Implantate an, weil sie sich sonst vielleicht die lange erträumte Brust nicht leisten können. Und viele Frauen haben schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich, wenn sie zum Arzt kommen. Sie wollen dann meistens schnell operiert werden. Sie befinden sich in einer Notlage. Es gibt extreme Preis- und Qualitätsunterschiede in der Branche.

Brustimplantate

Brustimplantate werden in der Regel nach Amputationen oder zur Vergrößerung eingesetzt. Sie bestehen immer aus einer Silikonhülle, die entweder mit einer Kochsalzlösung oder mit Silikongel gefüllt ist.

Inzwischen gibt es auch Implantate mit einer aufgerauten Oberfläche; diese soll dazu beitragen, dass die Implantate mit dem umliegenden Gewebe verwachsen. Das umliegenden Gewebes soll so nicht verhärten können.

Ob ein Brustimplantat das Brustkrebsrisiko erhöht, ist wissenschaftlich bislang nicht erwiesen.

PIP-Implantate

PIP-Implantate sind mit Silikongel gefüllte Brustprothesen des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP).

Im Jahr 2009 wurde festgestellt, dass Implantate dieser Firma vermehrt gerissen waren, weshalb sie seit 2010 nicht mehr verkauft werden. Darüber hinaus stellte eine Untersuchung fest, dass die Implantate mit einem anderen Gel gefüllt waren, als angegeben. Das verwendete Gel war nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinproduktenicht für den medizinischen Gebrauch bestimmt.

Nach weiteren Tests empfahl als erstes die französischen Agentur für die Sicherheit von Gesundheitsprodukten (Afssaps) Frauen mit Implantaten dieses Herstellers eine halbjährliche klinische Untersuchung der Brüste und Lymphknoten. Sollte es Hinweise für Risse in den Implantaten geben, sollten diese herausoperiert werden. Inzwischen raten auch deutsche Experten zur Entfernung der schadhaften Silikonkissen.

Formen

Schönheitschirurgen differenzieren zwischen zwei unterschiedlichen Implantatsformen: es gibt sowohl runde als auch tropenförmige (oder anatomische) Implantate. Letztere werden vornehmlich bei Frauen verwendet, deren Brust abgenommen wurde, runde Implantate werden bei Vergrößerungen bevorzugt.

ZEIT ONLINE: Ist die Ästhetische Chirurgie heute weniger risikoreich als noch vor ein paar Jahren?

Mailänder: Davon sind wir ausgegangen, bevor diese neue Unsicherheit über Implantate entstanden ist. Dieser Skandal wird die ganze Branche aufrütteln. Sicherlich werden auch noch andere Hersteller unter die Lupe genommen.

ZEIT ONLINE: Was raten sie Patientinnen, die unsicher sind, ob sie eines dieser PIP-Implantate tragen oder ob sie sie entfernen lassen sollen?

Mailänder: Die Patientinnen sollen am besten mit ihrem Arzt sprechen und per Ultraschall oder Kernspintomografie erfassen lassen, ob ihr Implantat möglicherweise beschädigt ist. Dieses aber wieder zu entfernen birgt ebenfalls ein Risiko. Bei jeder dieser Operationen kann es zu Blutergüssen und Entzündungen kommen, außerdem können sie zu Verkapselungen führen. Ein weiteres Risiko stellt die Narkose dar. Die Betroffenen müssen zusammen mit ihren Ärzten sorgsam abwägen. Diese Frauen stehen wirklich unter einem großen Druck.

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Leserkommentare
    • FranL.
    • 23. Dezember 2011 19:54 Uhr

    Ich hoffe, doch, die betroffenen Frauen müssen die Kosten für die Entfernung selbst bezahlen.

    2 Leserempfehlungen
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    • BinJip
    • 23. Dezember 2011 22:11 Uhr

    Bei rein kosmetischen Eingriffen, werden die Operationskosten, einschließlich etwaiger Folgekosten, normalerweise von den Kunden selbst getragen.

    Etwas anderes wäre es, wenn die Operation medizinisch indiziert war, z.B. weil eine Frau nach einer Brustamputation unter ihrem verstümmelten Körper lit. Da die Krankenkasse einen solchen Fall finanziell übernehmen kann, würde sie vermutlich auch für Folgekosten aufkommen.

    _______________________

    @ Boris Schantini:
    Die Gründe dafür, sich Brustimplantate einsetzen zu lassen, sind vielfältig. Von der Rekonstruktion einer amputierten Brust, bis hin zu reinem Narzissmus.

    Es ist gefährlich alle Frauen, die kosmetische Eingriffe an sich vornehmen zu lassen, über einen Kamm zu schehren.

    Ich finde diesen Kommentar ziemlich pervers. Sie unterstellen also Frauen die aufgrund von z.B. Brustkrebs solche Implantate bekommen haben dass sie selbst schuld daran sind. Oder verstehe ich sie falsch?

    Na klar! Da die Firma nicht mehr existiert müssen diese Frauen das wohl oder übel selbst bezahlen.

    Ich gehe davon aus, dass wenn ein akutes und statistisch nachweisliches Gesundheitsrisiko besteht, dann werden die KK die Entfernung zahlen (müssen) - freilich nicht den Austausch gegen ein neues Implantat ..

    Ich denke auch, dass das richtig ist, denn es gehört zu der Freiheit unserer Gesellschaft, auch in Maßen unvernünftige Entscheidungen zu treffen und im Falle existenzieller Risiken (Gesundheit, "Dach über dem Kopf", etc.) nicht von der Gemeinschaft allein gelassen zu werden. Aus der Freiheit, sich anders (und damit dem Verständnis des Mainstreams oder einer möglicherweise bigotten Moral "unvernünftig") zu entscheiden entsteht gesellschaftliche Dynamik. Eine Gesellschaft, die nur das macht, was die Altvorderen schon als vernünftig und ethisch/moralisch vertretbar erachteten, stagniert.

    Und mal Hand aufs Herz: Wie viele Männer (und Frauen) mag es hier im Forum geben, die solche Schönheits-OPs zwar lauthals ablehnen, sich aber am Gemüse-Stand doch nur das frischeste Gemüse aussuchen, im Supermarkt genau damit (optisch attraktive, aber geschmacklose Massenware) abgespeist werden und mit genau diesen Maßstäben andere Menschen beurteilen. IMO ist es nicht verwerflich, sich diesen gesellschaftlich geformten Werten zu unterwerfen und danach zu handeln. Aber es ist eben nicht in Ordnung sich dieser Doppelmoral nicht bewusst zu werden oder sie ohne Verstand zu predigen - das geht aus meiner Sicht in Richtung rationalisierte, religiöse Ereiferung ..

    • wombatt
    • 24. Dezember 2011 14:56 Uhr

    Wenn dies ihr erster Gedanke nach Lesen des Artikels ist, dann tun Sie mir (fast) genauso leid, wie die betroffenen Frauen.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose Äußerungen. Danke,die Redaktion/mo.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich bin wahrlich kein Fan von Schönheits-OPs aber die moralisierenden bis hämischen Kommentare vieler Nutzer zu diesem Thema (in verschiedenen Threads dazu) sind ja kaum auszuhalten. Da wird sich sogar per Ferndiagnose angemaßt zu entscheiden welche Frau "würdig" ist ein Kind zu bekommen und welche nicht. Gruselig.

    Die betroffenen Frauen haben eine legale Dienstleistung in Anspruch genommen (egal ob das manchen passt oder nicht) und wenn es dabei aufgrund minderwertiger Materialien Probleme gibt, liegt die Verantwortung zuerst einmal beim Produzenten und nicht bei den Kundinnen.
    Oder sollen Fallschirmspringer ab jetzt auch selbst haften wenn sie mit minderwertig produzierten Fallschirmen abgestürzt sind? Und wenn sich die Passagiere eines Fahrgeschäftes verletzten weil der Betreiber beim Aufbau geschlampt hat sind sie auch selber schuld? Schließlich muss niemand Achterbahn fahren oder zum Spaß aus Flugzeugen springen und ein Restrisiko kann keiner ausschließen....

    17 Leserempfehlungen
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    • FranL.
    • 23. Dezember 2011 22:35 Uhr

    Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Hersteller die Haftung und somit die Kosten übernimmt, aber bitte nicht die Krankenkasse und somit die Solidargemeinschaft.

    Die Kommentare sind wirklich widerlich.

    In Worten: Neid, Mißgunst und Schadenfreude. Seit dem ich in diesem Land lebe, erlebe ich kaum etwas anderes.

    • BinJip
    • 23. Dezember 2011 22:11 Uhr

    Bei rein kosmetischen Eingriffen, werden die Operationskosten, einschließlich etwaiger Folgekosten, normalerweise von den Kunden selbst getragen.

    Etwas anderes wäre es, wenn die Operation medizinisch indiziert war, z.B. weil eine Frau nach einer Brustamputation unter ihrem verstümmelten Körper lit. Da die Krankenkasse einen solchen Fall finanziell übernehmen kann, würde sie vermutlich auch für Folgekosten aufkommen.

    _______________________

    @ Boris Schantini:
    Die Gründe dafür, sich Brustimplantate einsetzen zu lassen, sind vielfältig. Von der Rekonstruktion einer amputierten Brust, bis hin zu reinem Narzissmus.

    Es ist gefährlich alle Frauen, die kosmetische Eingriffe an sich vornehmen zu lassen, über einen Kamm zu schehren.

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    • FranL.
    • 23. Dezember 2011 22:32 Uhr

    Wenn sich eine Frau nach einer medizinisch bedingten Brustamputation einer solchen Operation unterzogen hat (was ja nachgewiesen werden kann) sollte ihr der Eingriff auch bezahlt werden. Alle anderen Frauen sollten die Nachfolgekosten selbst tragen. Sie können ja versuchen das Geld vom Hersteller einzuklagen. Eine Schönheitsoperation, bei der es nicht darum geht echte Makel (wie eben die fehlende Brust nach einer Amputation) zu beseitigen, sondern nur darum einem gewissen Schönheitsideal zu entsprechen, sind medizinisch nicht notwendig. Es steht jedem frei sich plastischen Operationen zu unterziehen, aber dann bitte auf eigenes Risiko. Wenn das Geld für die Brustvergrößerung (die ja in der Regel nicht von den Kassen bezahlt wird) da ist, sollte es auch für die Nachfolgeoperationen da sein. Selbst HartzIV-Empfänger und Geringverdiener müssen Praxisgebühr und Zuzahlungen für lebensnotwendige Medikamente zahlen.

    • eckbert
    • 23. Dezember 2011 22:28 Uhr

    hm..da ergänzen die lieben Frauen die Vorteile durch Eingriffe in den Markt durch ein wenig Plastik..now, that s an independent woman.

    Eine Leserempfehlung
    • FranL.
    • 23. Dezember 2011 22:32 Uhr
    6. Risiko

    Wenn sich eine Frau nach einer medizinisch bedingten Brustamputation einer solchen Operation unterzogen hat (was ja nachgewiesen werden kann) sollte ihr der Eingriff auch bezahlt werden. Alle anderen Frauen sollten die Nachfolgekosten selbst tragen. Sie können ja versuchen das Geld vom Hersteller einzuklagen. Eine Schönheitsoperation, bei der es nicht darum geht echte Makel (wie eben die fehlende Brust nach einer Amputation) zu beseitigen, sondern nur darum einem gewissen Schönheitsideal zu entsprechen, sind medizinisch nicht notwendig. Es steht jedem frei sich plastischen Operationen zu unterziehen, aber dann bitte auf eigenes Risiko. Wenn das Geld für die Brustvergrößerung (die ja in der Regel nicht von den Kassen bezahlt wird) da ist, sollte es auch für die Nachfolgeoperationen da sein. Selbst HartzIV-Empfänger und Geringverdiener müssen Praxisgebühr und Zuzahlungen für lebensnotwendige Medikamente zahlen.

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    Antwort auf "@ FranL.:"
    • FranL.
    • 23. Dezember 2011 22:35 Uhr

    Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Hersteller die Haftung und somit die Kosten übernimmt, aber bitte nicht die Krankenkasse und somit die Solidargemeinschaft.

    2 Leserempfehlungen
  3. ... ist die Sachlage eigentlich ziemlich eindeutig:

    Wurden die Implantate ohne medizinische Indikation eingesetzt, hatte die betreffende Frau die Operationskosten ohnehin selbst getragen und muß dann auch für die Folgekosten aufkommen. Sie könnte nur versuchen sie über die Produkthaftung beim Hersteller einzuklagen.

    Gab es eine medizinische Indikation muß selbstverständlich die Krankenkasse die Kosten zunächst übernehmen und kann versuchen sie beim Hersteller wieder einzuklagen.

    Schwierig wird es, wenn fehlerhafte Implantate medizinische und nicht nur kosmetische Folgen haben. Dann dürfte wohl die Krankenkasse nicht um die Kostenübernahme herumkommen. Denn sonst müßte gerechterweise auch jeder der beim Glühbirnenwechsel leichtsinnigerweise einen Stuhl benutzt oder in der Badewanne ausrutscht, weil er sich die rutschhemmenden Aufkleber spart, wegen Eigenverschulden die Kosten selbst tragen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Medien | Arzt | Frankreich | Schmerz | Skandal | Behörde
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