ZEIT ONLINE: Herr Mailänder, in Frankreich sollen etwa 30.000 Frauen gefährliche Brustimplantate der Firma Poly Implant Prothèse (PIP) tragen. Die Behörden haben nun empfohlen, dass die Frauen sich die Silikonkissen entfernen lassen sollen. Auch in Deutschland wurden die mittlerweile vom Markt genommenen Implantate des Herstellers verwendet. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein?

Peter Mailänder: Zunächst einmal wissen wir überhaupt nicht, wie viele Frauen betroffen sind. Es gibt in Deutschland kein Register darüber, wer welche Implantate operiert hat oder trägt. Hinzu kommen viele Frauen, die sich im Ausland haben operieren lassen. Es gibt einen Operationstourismus. Dieser Markt ist nicht ungefährlich.

ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten Frauen einen Implantat-Pass, der das genaue Produkt benennt.

Mailänder: Auch in Deutschland sollen Patientinnen einen solchen Pass erhalten. Ich befürchte aber, einige Frauen haben ihn entweder nie bekommen oder haben ihn nicht mehr, weil sie die Operation verschwiegen haben. Sie müssen beachten, dass eine Brustoperation für viele Frauen eine sehr schambesetzte Entscheidung ist, die sie am liebsten schnell vergessen wollen. Jetzt werden diese Frauen in höchste Aufregung versetzt.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass Ärzte Brustkissen in den vergangenen Jahren zu leichtfertig eingepflanzt haben?

Mailänder: Generell wurde in vielen Medien das Bild vermittelt, dass es sich um einen einfachen Eingriff handelt. Der Fokus auf Äußerlichkeiten hat extrem zugenommen. Wenn ein Star offen über seine Brustvergrößerung berichtet hat, dann sicherlich nicht über die Komplikationen und Schmerzen, die er dabei erlitten hat. Aber jede Operation beinhaltet ein Risiko, viele Frauen müssen sich auch ein zweites Mal unter das Messer legen. Das ist keine Lappalie. Eine Brustoperation kann aus einer Frau eine dauerhafte Patientin machen.

ZEIT ONLINE: Wie kann es sein, dass minderwertige Implantate auf den Markt gelangen?

Mailänder: Die Plastische Chirurgie ist ein riesiger Markt. Aber viele Chirurgen bieten ihren Patientinnen auch günstigere Implantate an, weil sie sich sonst vielleicht die lange erträumte Brust nicht leisten können. Und viele Frauen haben schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich, wenn sie zum Arzt kommen. Sie wollen dann meistens schnell operiert werden. Sie befinden sich in einer Notlage. Es gibt extreme Preis- und Qualitätsunterschiede in der Branche.

ZEIT ONLINE: Ist die Ästhetische Chirurgie heute weniger risikoreich als noch vor ein paar Jahren?

Mailänder: Davon sind wir ausgegangen, bevor diese neue Unsicherheit über Implantate entstanden ist. Dieser Skandal wird die ganze Branche aufrütteln. Sicherlich werden auch noch andere Hersteller unter die Lupe genommen.

ZEIT ONLINE: Was raten sie Patientinnen, die unsicher sind, ob sie eines dieser PIP-Implantate tragen oder ob sie sie entfernen lassen sollen?

Mailänder: Die Patientinnen sollen am besten mit ihrem Arzt sprechen und per Ultraschall oder Kernspintomografie erfassen lassen, ob ihr Implantat möglicherweise beschädigt ist. Dieses aber wieder zu entfernen birgt ebenfalls ein Risiko. Bei jeder dieser Operationen kann es zu Blutergüssen und Entzündungen kommen, außerdem können sie zu Verkapselungen führen. Ein weiteres Risiko stellt die Narkose dar. Die Betroffenen müssen zusammen mit ihren Ärzten sorgsam abwägen. Diese Frauen stehen wirklich unter einem großen Druck.