TransplantationenViele Spender kommen für eine Organentnahme nicht infrage

Organspenden sind in Deutschland auch deshalb gering, weil viele Patienten keine lebensverlängernden Maßnahmen wollen. Das gefährdet Pläne, die Spenderzahl zu erhöhen. von Rainer Woratschka

Sie haben wissen wollen, was überhaupt möglich ist in Sachen Organspende . Wie viel "Potenzial" es dafür in deutschen Kliniken gibt, und wer oder was schuld ist an dem vergleichsweise geringen Spendenaufkommen . Seit Kurzem liegt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Antwort vor – allerdings nur vertraulich, weil sie den Auftraggebern nicht gefällt.

Die Zahl möglicher Spender nämlich ist dem Befund zufolge wesentlich niedriger als bislang angenommen. Und ursächlich für die geringe Quote sind weniger organisatorische Defizite in den Kliniken als der Widerstand von Angehörigen, die zunehmende Bedeutung der Palliativmedizin und die hohe Zahl von Patientenverfügungen. Immer mehr Patienten wehren sich gegen Intensivstation und Lebensverlängerung um jeden Preis. Dadurch kommen sie für eine Transplantation, die auf bestmöglich erhaltene Organe angewiesen ist, gar nicht infrage.

Anzeige

Den Auftrag für das Gutachten hat das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) Ende 2009 erhalten – also vor der aktuellen Debatte um eine Reform des Transplantationsgesetzes. Doch das Problem stagnierender Spenderzahlen trieb die DSO schon damals um. Mit seinem Spenderaufkommen liegt Deutschland europaweit seit Längerem im unteren Mittelfeld. Inzwischen ist die Zahl sogar nochmals gesunken. In den ersten elf Monaten dieses Jahres wurden bundesweit lediglich 1.104 Organspender registriert. Das sind 6,6 Prozent weniger als 2010 – und es ist der Minusrekord seit Beginn der Monatszählung im Jahr 2005. Rund 12.000 Patienten stehen hierzulande derzeit auf der Warteliste für eine Transplantation. Und jährlich sterben etwa 1.000 davon, weil es nicht genug Spender gibt.

Patienten wünschen sich palliativmedizinisches Vorgehen

Die Politik will dem Dilemma mit Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und einer Befragung aller Bürger nach ihrer Spendenbereitschaft begegnen. Doch glaubt man den Forschern vom DKI, dann macht das Ganze wenig Sinn. Das "zusätzliche mögliche Spenderpotenzial" liege allenfalls bei rund 30 Prozent und vor allem bei den über 75-Jährigen, heißt es in dem "vertraulichen Zwischenbericht" von DKI-Forschungschef Karl Blum, der dem Tagesspiegel vorliegt und der die Erfahrungen von 112 deutschen Krankenhäusern berücksichtigt. Bei vielen dieser "möglichen Spender" jedoch seien aber die medizinischen oder rechtlichen Voraussetzungen zur Organentnahme gar nicht gegeben. Und: "Selbst eine – realistischerweise nicht zu erwartende – Ausschöpfung dieses Potenzials" könne den Organmangel in Deutschland nicht beheben.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Es habe sich "eindeutig" erwiesen, dass die unterdurchschnittlichen Spenderraten "nicht auf unzureichende Meldungen potenzieller Spender durch die Krankenhäuser zurückzuführen sind", bilanziert der Gutachter. Eine Ursache sei vielmehr in der auffällig häufigen "Therapielimitierung" zu finden. Die "fehlende Zustimmung zu bestimmten intensivtherapeutischen Maßnahmen" auch bei Patienten mit schwerer Hirnschädigung bilde "einen wesentlichen Grund dafür, dass es zu keiner Abklärung oder Durchführung einer Organspende kam", heißt es in dem Zwischenbericht. Oft würden Patienten "gar nicht erst von der Normalstation auf die Intensivstation verlegt", weil das Personal einem palliativmedizinischen Vorgehen in Abstimmung mit Patient und Angehörigen von vornherein den Vorzug gebe.

Leserkommentare
  1. Man könnte die Zahl der Organspenden sicherlich auch erhöhen, wenn man auch endlich Homosexuellen erlauben würde, ihre Organe zu spenden! Schafft endlich diese ungerechte Diskriminierung ab!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • BinJip
    • 16. Dezember 2011 18:49 Uhr

    Sie verwechseln hier Blutspende mit Organspende.

    Für Organspenden ist Homosexualität in Deutschland kein Ausschlusskriterium.

  2. Mir geht bei dem Thema zu viel durcheinander. Auf der einen Seite gibt es Organspenden, die kein Ableben des Spenders voraussetzen (Knochenmark, Teile der Leber).

    Auf der anderen Seite stimmt man mit einem Organspendeausweis de facto nicht nur der Organentnahme, sondern auch der Gewebeentnahme (Knochenteile, Knorpel, Haut) zu. Dieses Gewebe wird von den entsprechenden Firmen mit hohem Gewinn in medizinische Hilfsprodukte überführt -- vom edlen Gedanken des entgeltlosen Lebenrettens bleibt da wenig übrig.

    Der Gedanke ekelt mich an, dass eine Medzintechnikfirma aus meinen Geweberesten Profit erzielt. Da würde ich mich ja noch lieber plastiniert in von Hagens Körperwelten-Kabinett ausstellen lassen ...

    Und es ist sehr bezeichnend, dass die entsprechenden Stellen eine bessere Aufklärung der Patienten zur Organspende scheuen, aus Angst, dann weniger Spender zu haben.

    Organspende, um Leben zu retten: ja, gerne. Der Körper als menschliches Ersatzteillager, um Profitgier und ärztlichen Machbarkeitswahn zu befriedigen: nein, danke.

    • Ius
    • 16. Dezember 2011 18:48 Uhr

    rechtlicher Hickhack. Es Bedarf eines "grundbuchähnlichen" Rangverhältnisses, einer flexiblen "Gesamtverfügung". In jene sind alle medizinischen Maßnahmen einzufügen, die vom Patienten in bestimmten Situationen gewollt sind und zwar in einem Rangverhältnis, in welchem sie sich nicht widersprechen! Hierbei bedarf es natürlich qualifzierter Beratung, in welcher man dem geistig beschränkten Patienten auch gleich klarmachen kann, was Herr Brysch bereits im letzten Absatz treffend darlegte.

    • BinJip
    • 16. Dezember 2011 18:49 Uhr

    Sie verwechseln hier Blutspende mit Organspende.

    Für Organspenden ist Homosexualität in Deutschland kein Ausschlusskriterium.

    Antwort auf "Diskriminierung"
  3. Oder verstehe ich den Artikel richtig, nämlich so, dass man Gefahr läuft, organtransplantiert zu werden, sobald man auf die Intensivstation kommt?

    Und ich dachte immer, da würde einem das Leben gerettet.

    Hilfe, her mit der nächsten Patientenverfügung!

    • helgam
    • 16. Dezember 2011 19:19 Uhr

    und nicht der Herr Eckart Nagel oder der andere Experte(Name fällt mir gerade nicht ein) aus Bayreuth.
    Diese Herren wollen Geschäftsideen bedienen nicht dem armseligen Menschen helfen.
    Warum sonst kann sich ersterer auf die Frage zur persönlichen Organspende nur mit JEIN heraushalten.
    Darum essen, trinken und leben wir nach eigener Lust und
    nicht um gesunde Lebern und Nieren und anderes den Kanibalen der Moderne hinterherzuwerfen.

  4. ...solange mir nicht garantiert wird, dass meine Organe gerecht verteilt werden. In diesem Kapitalismus kaufen sich reiche Leute 5 Nieren auf einmal und der einfach Arbeiter muss sterben. Das ist nichts für mich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    . .anderes.
    Ich stelle mir vor, ich liege auf der Intensivstation, schwer angeschlagen, aber es ist durchaus möglich, daß ich nach drei Monaten Pflege wieder auf eine Normalstation komme und mit Reha nach zwei Jahren wieder einigermassen hergestellt bin.In solchen Fällen muss man Geduld haben und langfristig denken.Aber z.Zt. liege ich eben auf Intensiv und es sieht übel aus.
    So, neben mir, oder in einem nahen Krankenhaus, liegt jemand, der einen wesentlich höheren sozialen Status hat als ich und der braucht sofort Hilfe. Seine Angehörigen, der Professor und alle die entscheiden dürfen, sind in der gleichen Sozialen Gruppe und kennen sich.
    Und ich kann die benötigte Hilfe sein.
    Ich weiss , diese Situation hat viele Variable und muss erstmal stimmig eintreten.
    Fakt ist aber, das Menschen mit hoher Intelligenz nicht deswegen ethischer oder ehrlicher sind. Und das Kapitalismusargument kommt dann auch zum tragen.
    Es gibt keinen Grund in einer solchen Extremsituation jemanden zu vertrauen.
    Natürlih warten viele Menschen auf Hilfe, vor allem Herz-und Nierenkranke, und viele sterben, weil sie kein Organ bekommen.
    Aber wie löst man wirklich die Vertrauensfrage?

  5. der nämlich einfach mal für normalbürger = nicht-mediziner das thema veranschaulicht.

    da gibt es m.E. so einfache fragen:
    spielt das lebensalter überhaupt keine rolle
    spielt der gesundheitszustand des spenders eine rolle
    was wird eigentlich 'gebraucht'
    ...

    irgendwelche abstrakten fragen der krankenkassen an ihre kunden wird da nicht förderlich sein?! ?!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service