Cholera-Bekämpfung : Haitis endloser Seuchenzug

Vor zwei Jahren vernichtete ein Beben Teile Haitis. Dann starben 7.000 Menschen an der Cholera. Das Land ist kaputt, die Krankheit bleibt.
Eine Haitianerin schaut in Port-au-Prince auf die Überreste eines Gebäudes. Zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 schätzen die Vereinten Nationen, dass die Hälfte des Schutts noch herumliegt. © Thony Belizaire/AFP/Getty Images

Am Eingang muss sich jeder Besucher die Hände waschen und die Schuhe mit einem Desinfektionsmittel absprühen. Der Boden im Krankenhaus ist spiegelblank. Sorgfältige Hygiene ist überlebenswichtig in der Choleraklinik nahe Fond Parisien, einer Kleinstadt zwei Autostunden von der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince entfernt.

18 Patienten betreuten sie im Moment, sagt Krankenhausleiter Michael Martin, ein junger US-Amerikaner, der mit seinen haitianischen Kollegen perfekt Kreolisch spricht. Frauen und Männer liegen in getrennten Zimmern. In ihren Betten ist ein Loch eingelassen. Die Kranken sind von den heftigen Brech- und Durchfallattacken so geschwächt, dass sie nicht mehr aufstehen können. Die Frau im Bett links von der Tür ist der letzte Neuzugang. Sie wurde gestern von ihrem Mann gebracht. Zehn Stunden seien sie von ihrem Dorf aus gelaufen, sagt sie. Dann erst erreichte sie eine Ambulanz und fuhr sie in Windeseile in die Klinik. Sie wird über einen Tropf mit Nährlösung versorgt. "Ein leichter Fall", sagt Martin.

Die Cholera traf bei ihrem Ausbruch in Haiti ein bereits zerstörtes Land. Neun Monate zuvor, am 12. Januar 2010, hatte ein Erdbeben mehr als 220.000 Menschen getötet und das ohnehin kaum existierende Staatswesen vollkommen zermalmt. Die Vereinten Nationen übernahmen anstelle der nicht handlungsfähigen Regierung die Koordinierung der Cholerabekämpfung. Eine schwierige Aufgabe, die ihr viel Kritik einbrachte. 400 internationale und Tausende nationale Nicht-Regierungsorganisationen sind in Haiti aktiv.

"Wir haben versucht, alle Beteiligten an den Tisch zu bringen, aber gerade im Bereich Cholera haben wir einen großen Teil nicht erreicht", gesteht Philippe Verstraeten, Chef der humanitären UN-Mission in Haiti. Die Vereinten Nationen hätten einfach nicht das Mandat, den Nicht-Regierungsorganisationen Anweisungen zu geben, das müsste die Regierung tun, sagt Verstraeten. Die Bilanz zum Jahresende: 520.000 Menschen, fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, erkrankten an der Seuche, fast 7.000 Menschen starben.

2012 rechnen Helfer mit 200.000 neuen Cholerafällen

Dabei stünden die Heilungschancen bei Cholera sehr gut, vorausgesetzt, die Patienten kämen rechtzeitig ins Krankenhaus, sagt Klinikchef Martin. "Am wichtigsten ist, dass sie nicht dehydrieren." Manche Patienten ohne zusätzliche Beschwerden wie beispielsweise Diabetes könnten schon nach einem Tag wieder entlassen werden. Drei Ärzte in der Klinik von Fond Parisien arbeiten rund um die Uhr. Finanziert wird sie von mehreren Hilfsorganisationen wie etwa World Vision. Seit November 2010, als in der Region der erste Fall auftrat , hätten sie 6.400 Menschen behandelt, 30 von ihnen seien gestorben, sagt Martin.

Die gute Nachricht: Die Neuinfektionen gingen zuletzt deutlich zurück. Statt täglich 500 neuen Krankenfällen zählte die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) im Dezember nur noch 300. Auch in Fond Parisien war es eine eher ruhige Woche. Martin führt in ein Nachbargebäude, wo Dutzende leere Betten aneinander gereiht stehen. "Die waren zum Höhepunkt der Krise alle voll", sagt Martin. Doch noch immer können die Helfer keine Entwarnung geben. "Die Notsituation bleibt bestehen", sagt Verstraeten. Für dieses Jahr rechnet der oberste UN-Helfer in Haiti mit 200.000 neuen Fällen.

Im Moment herrscht Trockenzeit in dem Tropenland. Auch das hat die Cholera-Rate nach unten gedrückt. "Das kann sich aber ändern, sobald die nächsten heftigen Regen kommen", warnt Martin. "Wir können nur die Daumen drücken, dass die Trockenzeit möglichst lange andauert", sagt Gardy Marius, Leiter einer Choleraklinik in Montrouis nördlich von Port-au-Prince.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Gesellschaft

Warum helfen nicht Nationen wie USA, Deutschland oder Frankreich in der Seuchenbekämpfung? Oder warum gibt es keine Hilfe von der WHO. Sind wir Mensch nicht mal in der Lage anderen Staaten in so einer Lage zu helfen?
Seit dem Erdbeben und zuvor hat Haiti nicht alzuviel Geld um große Sicherheits Maßnahmen.
Müssen wir zusehen wie die Bevölkerung von Haiti an Cholera dezimiert wird??

Die Politik sollte sich schämen!

Infrastruktur

Naiv muss ich ein Lösungsvorschlag posten.
Baut ein Elektrizitätskraftwerk (ggf. eins was K o h l e verbrennt) hin, Wasserwerke, Pumpstationen und Leitungsrohre. Und die Cholera ist gebannt. Besser wäre noch zusätzlich ein Abwassernetz und 'ne Kläranlage.

Irgendwann muss Haiti das sowieso bauen. Für unsere arg gebeutelten Opfern unter den Banken gibt's auch billig Nothilfekredite von der EZB, warum dann nicht für so eine Aktion? Dort würde Arbeit geschaffen und wir können Maschinenanlagen exportieren. Das E-Werk bietet dann auch die Infrastruktur für Werkstätten und Gewerbe etc.

Man müsste unser Wirtschafts- und Finanzsystem umbauen, damit so was wie oben vorgeschlagen Normalität wäre.