BioterrorismusVogelgrippe-Forscher stoppen Arbeit am Supervirus

Aus Angst, ihr im Labor entwickeltes Supervirus könnte in die falschen Hände geraten, verzichten Forscher nun 60 Tage lang auf weitere Experimente an ihrer H5N1-Variante. von dpa

Gesundheitspolitiker sollen erst einmal Zeit zum Beschluss schärferer Sicherheitsmaßnahmen bekommen: Die Sorge, dass ein im Labor entwickeltes Supervirus in die falschen Hände geraten könnte, hat Grippeforscher zu einem freiwilligen Stopp ihrer Arbeit veranlasst. 60 Tage lang wollen sie auf weitere Experimente mit der neuen Variante des Vogelgrippe-Erregers H5N1 verzichten.

Die USA und andere Länder fürchten, dass Terroristen mit dem gefährlichen und hoch ansteckenden Virus Biowaffen bauen könnten.

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"Wir sehen ein, dass wir und andere Wissenschaftler die Vorteile unserer wichtigen Untersuchungen klar darlegen und Maßnahmen zur Reduzierung möglicher Risiken vorschlagen müssen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Fachjournale Nature und Science veröffentlichten jetzt das von 39 H5N1-Experten signierte Dokument. Darin fordern die Unterzeichner ein internationales Forum zur Debatte über die Gefahren des Erregers und angemessene Gegenmaßnahmen.

Nach Angaben der Journale will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Experten und Behörden zu einer Konferenz Ende Februar in Genf einladen.

Das Experiment

Mit ihren Experimenten wollten Wissenschaftler um Ron Fouchier herausfinden, ob das Vogelgrippe-Virus H5N1 das Potenzial hat, eine Pandemie wie das Schweinegrippe-Virus H1N1 auszulösen. Die Studie stellten die Forscher in Auszügen auf der Influenza-Konferenz in Malta im September 2011 vor.

Die Wissenschaftler verwendeten für ihre Arbeit einen Stamm, dem sie drei gezielte Mutationen verpassten, die dem Virus ermöglichen sollten, sich auch in Säugetieren zu reproduzieren. Frettchen, die mit dem mutierten Virus infiziert wurden, starben. Eine Übertragung unter den Tieren erfolgte zunächst nicht. Die Forscher isolierten daraufhin die Virus-Varianten der erkrankten Tiere und infizierten damit gesunde Tiere. Sobald diese ebenfalls erkrankten, wiederholten die Forscher das Prozedere.

Zehn Wiederholungen waren erforderlich, dann war das Virus von allein fähig, gesunde Tiere in anderen Käfigen zu infizieren – ohne Körperkontakt zwischen ihnen, allein über Tröpfchen-Infektion durch die Luft. Insgesamt fünf Mutationen sind laut den Wissenschaftlern erforderlich, damit ein tödliches Virus wie das Vogelgrippe-Virus H5N1 so ansteckend wird wie das Schweinegrippe-Virus H1N1.

Im Gegensatz zu Fouchier, manipulierten Forscher um Yoshihiro Kawaoka den Vogelgrippe-Erreger gezielt. Sie nahmen das Oberflächenprotein Hämagglutinin H5 des Virus und schleusten ihn in das für Menschen hoch ansteckende Schweinegrippevirus H1N1. In Frettchen übertrug sich der neue Keim leicht, tötete die Tiere jedoch nicht. Allerdings konnte der Erreger mit aktuellen Impfstoffen und antiviralen Mitteln bekämpft werden

Viren

Das Schweinegrippe-Virus (H1N1) löste im Jahr 2009 eine weltweite Pandemie aus. Doch obwohl das Virus hoch ansteckend war, war es nur für wenige tödlich: Nur einer unter zehntausend Infizierten starb an dem Virus.

Bei dem Virus der Vogelgrippe (H5N1) war das genau umgekehrt: Das Virus war nicht von Mensch zu Mensch übertragbar, weshalb nur wenige mit dem Krankheitserreger infiziert wurden. Eine Infektion endete jedoch in mehr als der Hälfte der Fälle tödlich.

Eine Kombination der beiden Viren galt bislang sowohl in der Natur als auch im Labor als unwahrscheinlich.

Übertragbarkeit

Frettchen gelten in der Virologie und in der Influenza-Forschung als Modellorganismen, weil ihr Immunsystem ähnlich auf Erreger reagiert wie das des Menschen. Ob sich die Ergebnisse der Studie direkt auf den Menschen übertragen lassen, weiß niemand.

"Frettchen sind keine Menschen", sagt Peter Palese, ein Influenza-Experte am Mount Sinai Medical Center in New York City, dem New Scientist. "H5N1 kursierte eine lange Zeit und mutierte währenddessen nicht in eine Form, in der es von Mensch zu Mensch übertragbar gewesen wäre."

Weitere Forscher kritisieren im Science Insider, dass das Vogelgrippevirus H5N1 keine Pandemie unter Menschen auslösen kann, weil sich das Virus in einem menschlichen Wirt nicht reproduzieren kann.

Andere Forscher halten es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass sich das Virus an den Mensch anpassen könnte, indem es einen Zwischenwirt findet, der sowohl menschliche Viren als auch das Vogelgrippevirus beherbergen könnten. So ein Zwischenwirt könnten etwa ein Schwein sein.

Veröffentlichungsprozess

Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden der Fachwelt und der Öffentlichkeit erst zugänglich, wenn sie in einem entsprechenden Fachmagazin veröffentlicht sind. Angedacht ist, dass die Forscher darin – neben den Ergebnissen – offenlegen, wie sie ihre Experimente durchgeführt haben – und zwar so detailliert, dass andere Forscher die Experimente wiederholen können.

Für eine Veröffentlichung müssen Wissenschaftler zunächst die Studie so verfassen, dass sie den Veröffentlichungsauflagen des jeweiligen Fachmagazins entspricht. Nach der Einreichung wird die Studie (anonymisiert) an andere Wissenschaftler weitergereicht, die Experten auf dem untersuchten Themengebiet sind. Sie sollen beurteilen, ob die Studie plausibel ist oder auszubessernde Mängel aufweist.

Erst wenn diese sogenannten Reviewer mit der Studie einverstanden sind, kann diese veröffentlicht werden.

Sowohl die Studie von Ron Fouchier als auch die von Yoshihiro Kawaoka wurden zur Veröffentlichung zugelassen, schreibt das Magazin Science Insider. Das amerikanischen Gremium für Biosicherheit (NSABB) hat die Ergebnisse begutachtet und empfiehlt, sie nicht in voller Länge zu veröffentlichen. Es erwägt nun außerdem ein Moratorium für ähnliche Fälle. Das NSABB wurde bisher in Einzelfällen von Wissenschaftlern oder Magazinen darum gebeten, Studien zu begutachten, die mögliche Interessenskonflikte beinhalten könnten.

Der größte internationale Wissenschaftlerverband AAAS (American Association for the Advancement of Science) werde das Thema bei seiner Jahresversammlung Mitte Februar im kanadischen Vancouver ebenfalls in Vorträgen und Seminaren erörtern, hieß es.

Washington hatte bereits im Dezember an Forscher und Fachjournale appelliert , die Daten des Erregers unter Verschluss zu halten.

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Leserkommentare
  1. ...vermutlich eher aus Angst, eine Autobombe könnte unter deren Sitz schlummern. Wer als Forscher sich nicht denen willig zeigt, der wird ganz schnell mal weggemacht...

    Oder die sind in Verhandlungen mit Headhuntern in Übersee...

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    • Ranjit
    • 21. Januar 2012 16:49 Uhr

    Ich denke, dass gezielte Ermordung hier unwahrscheinlich ist.
    Druck aufgebaut wird trotzdem, da die Forscher um öffentliche Forschungsgelder bangen müssen, wenn sie sich nicht "einsichtig" zeigen. Ob man ihnen tatsächlich Forschungsgelder verweigern würde ist irrelevant. Es reicht die Befürchtung und die resultierende Schere im Kopf.

    Nichts desto trotz ist die Problematik ja sehr real und es sollte genau abgewägt werden. Schade ist nur, dass eine unabhängige, rationale Betrachtung durch den Druck wenig wahrscheinlich wird.

    • Ranjit
    • 21. Januar 2012 16:49 Uhr

    Ich denke, dass gezielte Ermordung hier unwahrscheinlich ist.
    Druck aufgebaut wird trotzdem, da die Forscher um öffentliche Forschungsgelder bangen müssen, wenn sie sich nicht "einsichtig" zeigen. Ob man ihnen tatsächlich Forschungsgelder verweigern würde ist irrelevant. Es reicht die Befürchtung und die resultierende Schere im Kopf.

    Nichts desto trotz ist die Problematik ja sehr real und es sollte genau abgewägt werden. Schade ist nur, dass eine unabhängige, rationale Betrachtung durch den Druck wenig wahrscheinlich wird.

  2. Was sollen denn 60 Tage Moratorium bringen? Zeit, eine Debatte loszutreten und aufgrund dieser Gesetze zu überarbeiten?

    Ist schon jemals ein neuses Gesetz innerhalb von 60 Tagen aufgesetzt worden? Nein, ich weiß es nicht, vielleicht ist das tatsächlich schon mal geschehen...

    Und sonst nach 60 Tagen buisiness as usual?
    Um neue Erkenntnisse zu bekommen und sei es die Erkenntnis, es besser nicht getan zu haben...

    • redslug
    • 21. Januar 2012 18:06 Uhr

    Vielmehr interessiert es mich, weshalb es überhaupt nötig erscheint, Mutationen vom H5N1-Virus zu züchten, die - meinem Verständnis nach - über möglichst viele Wege übertragen werden können. Ist die Welt so erpicht auf neue B-Kampfstoffe?

  3. Die Kategorien von "gut" oder "böse" sind in der Forschung ziemlich sinnlos. Entscheidend ist immer, welcher Zweck verfolgt wird. Insofern halte ich die Position der Forscher für reichlich naiv, denn: Was technisch möglich ist, wird auch getan. Und dann ist es auf jeden Fall besser, wenn es in einem verantwortlichen Zusammenhang durch verantwortungsbewusste Menschen getan wird als durch irgend welche radikalisierten Ideologen mit extremen politischem und/oder religiösen Hintergrund und potenziellen bioterroristischen Absichten.

  4. Frage zu verknüpfen ist unverantwortlich von den Medien.

    Wie soll die Fragestellung frei beantwortet werden, wenn jetzt irgendwas mit diesem Erreger passiert, und sei es nur, dass man - was ja in der Forschung gar nicht so unüblich ist - lächerliche Sicherheitsstandards vorfindet?

  5. Wie lächerlich ist DAS denn bitte!? Da stellen die ein Virus her, das NICHT, ich wiederhole: NICHT dazu dient, irgendwem ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern dazu, in the name of the goodness of the good, very good people einen Haufen Menschen zu ermorden - auf widerliche Art - und das wahrscheinlich noch in the name of freedom and democracy.

    Und dann eine anscheinend ernstgemeinte Debatte, wie man das Ding davor schützen kann, aus Versehen (Diebsthal etc.) zu einer üblen Höllenmaschine zu werden! Als ob es nicht dafür gebaut worden wäre! Nene, keine Angst, das kann man sicher lagern und so! Jaja, genau, bestimmt! Drohnen kann man ja auch nicht abfangen, wie wir wissen! Keine Gefahr für irgend eine Bevölkerung, ausser vielleicht für die Bevölkerung des pösen Schoorkenstaates! Die habens natürlich verdient!

    @6: oh doch, sowas, genau sowas, muss man mit dem ethischen Hammer zerlegen! Wissenschaft muss von der Ethik kontrolliert werden, weil andersrum verschiedene Höllen rauskommen (eine davon waren die Labore der Nazis: die KL).

    Wir hätten es für solche maßlose Dummheit echt verdient, dass das Ding uns selbst hinrafft, zuerst die Forscher, die das Ding gebaut haben und es wie auch immer geschafft haben, dabei zu glauben, sie würden damit NICHT potentiell an der Vorbereitung zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit mitarbeiten.

    Mir grauts jetzt schon bei der Vorstellung, diese Waffe geht in die Phase über, in der sie an Menschen getestet wird. In Guantanamo zb

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    • skeptik
    • 21. Januar 2012 19:47 Uhr

    unterstellung.
    Darf ich fragen woher Sie das Wissen nehmen, warum die Forschung daran nicht dazu dient den Menschen ein besseres Lebn zu ermöglichen?

    Weil eine Infektion mit dem Versuchsobjket tötlich verlaufen kann?
    Sicher das da keine Emotionen mitschwingen?

    verbunden sein.

    Soviel schuldet man der Ethik.

    Ansonsten kann man auch eine Münze werfen.

    • skeptik
    • 21. Januar 2012 19:47 Uhr

    unterstellung.
    Darf ich fragen woher Sie das Wissen nehmen, warum die Forschung daran nicht dazu dient den Menschen ein besseres Lebn zu ermöglichen?

    Weil eine Infektion mit dem Versuchsobjket tötlich verlaufen kann?
    Sicher das da keine Emotionen mitschwingen?

    Antwort auf "gute Güte...."
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    wie sollte ein künstlicher Virus, also ein natürlich nicht existenter Virus, irgendwem helfen? Wie denn, Herrschaftszeiten!
    Ausser vielleicht um ein vorher nutzloses Impfmittel erfinden zu MÜSSEN?
    Wozu erfindet bzw. tuned man wohl einen Virus, den es vorher so nicht gab, gegen den es keine bzw. nur zufällige Resistenz und keinen Impstoff geben kann? Um alle Menschen mit Brot und Wasser zu versorgen? Oder zur Gesundheitsfürsorge vielleicht? Oder doch besser Mord?
    Und natürlich ist das etwas, auf das ich emotional reagiere, weil es hier um die Produktion übel widerlicher Kriegswaffen geht und diese Forschergruppen inkl. ihrer associates sich offenbar gerne eine Weiße Weste geben möchten (das Gewissen drückt wohl langsam doch bissi) und also einen Diskurs über die vermeintliche Sicherheit bzw. Sicherung solcher Viren starten! Allein die Anmaßung und Geschichtsvergessenheit macht mich haareraufend! Es wird suggeriert, dass das Zeug nur bloß nicht in die "falschen" Hände gelangen darf (die der Pösen). Ganz so, als ob es für sowas die richtigen Hände gäbe! Als ob es nicht an sich völlig geisteskrank wäre, wie aus einem schlechten Roman geklaut, einen hochansteckenden Virus zu tunen (VOGELgrippe), gegen den kein verdammter Mensch auf diesem Matschklumpen was ausrichten kann (außer VIELLEICHT die Leute mit dem Bauplan, aber nur vielleicht).

    Als ob es NICHT völlig gestört ist, so eine Macht in die Welt zu setzen!
    Und: als ob wir nicht schon genügend pluriresistente Viren hätten!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Weltgesundheitsorganisation | Arbeit | Behörde | Debatte | Forum | H5N1
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