Der Fall TamifluDie Wissenschaft braucht die ganze Wahrheit

Die Debatte um Tamiflu offenbart, dass Pharmafirmen systematisch unerwünschte Forschungsergebnisse verheimlichen. Damit muss Schluss sein, kommentiert Sven Stockrahm. von 

Es ist ein Skandal, der sich, von der Öffentlichkeit eher unbemerkt, um das Grippemedikament Tamiflu entspinnt. Und das seit Jahren. Diese Geschichte hat alles, was eine schmierige Verschwörung in der Pharmaindustrie – ganz nach Klischee – benötigt: Es geht um geschönte Ergebnisse, nicht unabhängige Forscher sowie zurückgehaltene Studien zu einem Wirkstoff, der als Risikoversicherung gegen die ewig lauernde Gefahr einer tödlichen Grippe-Pandemie gilt. Seinem Hersteller brachte Tamiflu Milliarden ein. Und das, obwohl zentrale Fragen angezweifelt werden: Ist die Arznei überhaupt wirksam?

Recherchen von Experten um Tom Jefferson von der unabhängigen Cochrane Collaboration offenbaren Ungeheuerliches: 60 Prozent aller Studien zum Influenza-Mittel Tamiflu des Pharmakonzerns Roche sind niemals veröffentlicht worden, darunter die größte jemals an Menschen durchgeführte Testreihe. Noch dazu gründen die Daten, die dem Medikament seine Wirksamkeit bescheinigen, vor allem auf eine Untersuchung durch sechs Wissenschaftler, von denen vier bei Roche angestellt waren und einer den Konzern beriet als die Studie entstand.

Anzeige

Unabhängige Forschung sieht anders aus. Nur weil sie dank Informationsfreiheitsgesetzen von Zulassungsbehörden nicht publizierte Daten zu Tamiflu einforderten, konnten die Pharmawächter um Jefferson überhaupt einen Teil der Studien sichten. Das Ergebnis ist unerträglich: Tamiflu hält bei Weitem nicht, was der Hersteller verspricht. Vermutlich ist es weniger wirksam als behauptet.

Noch immer sind nicht alle Ergebnisse auf dem Tisch

Dabei avancierte Tamiflu auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer der Hauptstützen in der Notfallversorgung im globalen Grippe-Ernstfall. Durch Vogel- und Schweinegrippe lagerten mehr als 80 Länder das Medikament ein. Dass Regierungen den Einschätzungen der WHO folgen, ist eigentlich ein legitimer Vorgang – Aufgabe einer Regierung ist es schließlich, seine Bevölkerung zu schützen. Auch klar, dass ein Pharmaunternehmen dadurch Geld verdient.

Aber der Fall Roche offenbart ungeahnte Abgründe: Das Unternehmen hält weiter vehement an der Behauptung fest, Tamiflu sei eine wirksame und gut verträgliche Allzweckwaffe gegen Grippe. Wie die Cochrane-Forscher berichten, weigere sich die Pharmafirma seit 2009 den unabhängigen Prüfern trotz versprochener Hilfe bei der Aufklärung alle Studiendaten zu Tamiflu auszuhändigen. Das ist nicht tolerabel.

Hinzu kommt, dass Roche mit seinem Vorgehen nicht alleine ist: Seit Jahren ist es gängige Praxis in der medizinischen Forschung, uneindeutige oder gar unerwünschte Studienergebnisse nicht zu publizieren. Doch so ist unabhängige Forschung unmöglich. Da hilft es auch nicht, wenn Wissenschaftler – wie im Falle Roche – am Ende ihrer publizierten Arbeit erwähnen , dass sie in einem Interessenkonflikt stehen, weil sie für die Firma arbeiten, die das zu erforschende Mittel verkauft. Transparenz reicht hier nicht.

Jegliche Forschungsergebnisse gehören auf den Tisch! Alles, was in Laboren und Versuchsreihen passiert, muss überprüfbar sein. Denn die Öffentlichkeit will wissen: Warum bekam Tamiflu die Zulassung? Wenn Roche nichts zu verheimlichen hat, braucht es eine Untersuchung nicht zu scheuen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ...wenn er spätestens 2013 aus der aktiven Politik ausscheidet. Mit den jetzigen Pensionsansprüchen als Bundesminister droht ihm ja Verarmung! - Und dabei wollte er doch mit 45 in Rente gehen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    indem Sie statt gegen sie, gegen den Wirtschaftsminister vorgehen?
    Gesundheitsministerin was zur Zeit der Schweinegrippe übrigens Ulla Schmidt!
    Angesichts mancher Aussagen kann man nur noch den Kopf schütteln. Und da wundert man sich, warum manche Dinge eben so sind wie sie sind.

    Sie werden feststellen, dass Tamiflu 2006 für die EU zugelassen wurde. Gesundheitsministerin war zu dem Zeitpunkt eine gewisse Fr. Ulla Schmidt. Aber wahrscheinlich hat Hr. Rösler mittels schwarzer Magie ihre Gedanken gesteuert, oder was hat Rösler jetzt da schon wieder falsch gemacht? Man kann es mit dem FDP Verfolgungswahn auch übertreiben...

    Btt:
    Ich bin mir jezt gerade nicht sicher, ob unabhängige Studien bereits heute vor Zulassung zwingend vorgeschrieben sind. Falls nicht, wäre das aus meiner Sicht der bessere Weg als einfach blind halbfertige Studien zu veröffentlichen.
    Denn sonst ist mMn zu befürchten, dass die Stellen, die über die Zulassung entscheiden, in Datenmüll ersaufen, da diese halbfertigen Dinge wahrscheinlich auch nur minimal dokumentiert sind.
    Möglicherweise könnte man auch darüber reden, diese Stellen personell aufzustocken. Außerdem könnte man über eien verbesserte statistische Ausbildung im Medizinstium nachdenken (ich gehe jetzt naiverweise einfach mal davon aus, dass in diesen Gremien u.a. Mediziner sitzen...).

    Hr. Bahr, übernehmen Sie!

  2. Am Ende gibt die Pharma-Industrie aber Geld genug aus, um auch in Zukunft die Geschicke ihrer Innovationen in ihrem Sinne in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu ihren Gunsten zu lenken.

    Man betrachte nur die Zahlen, die das Robert Koch Institut fast seit Bestehen zu den jährlichen Grippetoten heraus gibt. 30 000 Tote nur in Deutschland. Jahr für Jahr! Geschätzt. Im Jahr der Schweinegrippe wurde tatsächlich gezählt: unter 300 Tote.

    Das Geld hat sich rentiert. Um den Faktor 100.

    Die "forschenden Pharma-Unternehmen" wissen ganz genau, wieso sie mehr Geld für Werbung und "Partnerprogramme" ausgeben als für Forschung.

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,683036,00.html

  3. indem Sie statt gegen sie, gegen den Wirtschaftsminister vorgehen?
    Gesundheitsministerin was zur Zeit der Schweinegrippe übrigens Ulla Schmidt!
    Angesichts mancher Aussagen kann man nur noch den Kopf schütteln. Und da wundert man sich, warum manche Dinge eben so sind wie sie sind.

  4. Vielen Dank an "Zeit online" für diesen Kommentar!

    Jag

    • okmijn
    • 25. Januar 2012 16:51 Uhr

    einfache Lösung oder übersehe ich etas:

    Alle für die Zulassung erforderlichen Studien müssen vor Beginn der Studie angemeldet werden. Alle angemeldeten Studien müssen inkl. erhobener Daten (also vollständig nachvollziehbar) veröffentlicht werden unabhängig von den Ergebnissen.

    Hat sich damit nicht schon alles erledigt? Falls ja will das wer nicht?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dann mache ich zum Test eine konzerninterne Vorstudie und erst wenn die erfolgreich war, melde ich die Studie an. Alternativ bleibt die Studie unvollständig (je nach dem, ob unvollständige Studien veröffentlicht werden müssen) und wird nach 95% abgebrochen, wenn klar wird, das die Ergebnisse falsch werden.

    Das Problem an der Lösung ist, dass die (Halb-) Studien dann mglw. selbst Konzernintern in irgendeiner Mottenkiste verschwinden und dann nicht mal mehr per konkreter Anfrage danach gesucht werden kann.

    Aus meiner Sicht würde dass das Problem eher verschärfen den entspannen.

    <em>"einfache Lösung oder übersehe ich etas:

    Alle für die Zulassung erforderlichen Studien müssen vor Beginn der Studie angemeldet werden. Alle angemeldeten Studien müssen inkl. erhobener Daten (also vollständig nachvollziehbar) veröffentlicht werden unabhängig von den Ergebnissen."</em>

    Psssst, ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis... EXAKT das passiert auch. Und zwar ausnahmslos IMMER. Zumindest den Behörden und das sind die, die die Daten brauchen.
    Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was das Getöse schon wieder soll.

    Wie Herr Stockrahm in diesem und dem "Nachbarartikel" schreibt: die Zulassungsbehörden hatten sämtliche Studien und haben aufgrund der Datenlage das Medikament zugelassen.

    Ganz grandios in dem Zusammenhang nach den Ergebnissen der klinischen Studien:
    (Tamiflu: 9 von 1.350 Erkrankte mussten in die Klinik,
    Placebo: 18 von 1.063 Patienten,
    Tamiflu: 45 von 368 Patienten)
    der Einwand:
    <em>"Ein Blick auf die sechs Autoren der Analyse offenbart, dass vier von ihnen zum Zeitpunkt der Studie bei Roche angestellt waren und einer von ihnen als Berater von dem Pharmakonzern bezahlt wurde. "</em>

    Klar, ich bin sicher, daß die Placebopatienten NUR deshalb und ganz mit Absicht eine Lungenentzündung bekommen haben, weil die Studienleiter von Roche bezahlt wurden. Die Studien waren zwar doppelblind, aber trotzdem... GANZ bestimmt war das so!

    Abgesehen davon werden klinischen Studien immer vom Hersteller finanziert, der verdient schließlich hinterher auch dran.

    Meines Erachtens dürften Herstellerstudien nicht in die Zulassung eingehen, sondern die Hersteller müssten drei externe peer-zertifizierte und nachweislich untereinander und vom Hersteller unabhängige Studien bezahlen.
    Aber das ist auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Viel wichtiger wäre doch, in solchen Fällen wie Tamiflu den Pharmakonzernen das erschwindelte Geld wieder weg zu nehmen. Und zwar alle echten Gewinne, die damit erwirschaftet wurden. Die nachweislichen Rohstoffkosten könnte man ihnen lassen. Man sollte sie nicht schädigen, sondern ihnen nur den Anreiz nehmen, die Unwahrheit zu sagen. Keine Wirkung - kein Gewinn! Die wahren Forschungskosten sind meist marginal und verteilen sich auch auf verschiedene Medikamente.
    Außerdem ist seit Jahrzehnten die Hochpreispolitik der Pharma- und Medizinalindustrie ein ethisches Desaster. Das florierende Geschäft mit dem Leid der Mitmenschen wird meist mit den teuren Forschungsaufwendungen begründet. Aber die Geschichte der iatrogenen Nebenwirkungen spricht eine ganz andere Sprache. Da wurden und werden Nebenwirkungen geschönt oder ganz verschwiegen bzw. gar nicht erst untersucht. Es ist ein Geschäft mit der Angst, das da betrieben wird - das war bei der Schweinegrippeimpfung überdeutlich. Schande auf die Häupter der Verantwortlichen! Man sollte wie im alten China vorgehen: per Gesetz den Gewinn der Ärzte, der Pharma- und Medizintechnikindustrie von der Gesundheit, nicht von der Krankheit der Bevölkerung abhängig machen.

    • vonDü
    • 25. Januar 2012 16:51 Uhr

    Eine wunderbar naive Vorstellung.

    Ich habe in Labors gearbeitet, als unerwünschte Banden auf Elektrophoresegelen, noch im Fotolabor durch "Abwedeln" bei der Belichtung entfernt wurden, was heute digital viel unproblematischer ist.

    Ich habe das "publish or parish", und den Kampf um Forschungsgelder in den USA mitgemacht und kann nur jeden warnen, von Wissenschaftlern mehr moralische Integrität zu erwarten, als von anderen Berufsgruppen.

    • ludna
    • 25. Januar 2012 16:52 Uhr

    braucht die ganze Wahrheit.

    stimmt. Aber die Wissenschaft braucht auch Geld. Uns so wird gelogen, nicht nur von Wissenschaftlern in Firmen (bei denen man das verstehen kann) sondern auch von unseren tollen Universitäten. Alternative: Hartz IV.

  5. Sie werden feststellen, dass Tamiflu 2006 für die EU zugelassen wurde. Gesundheitsministerin war zu dem Zeitpunkt eine gewisse Fr. Ulla Schmidt. Aber wahrscheinlich hat Hr. Rösler mittels schwarzer Magie ihre Gedanken gesteuert, oder was hat Rösler jetzt da schon wieder falsch gemacht? Man kann es mit dem FDP Verfolgungswahn auch übertreiben...

    Btt:
    Ich bin mir jezt gerade nicht sicher, ob unabhängige Studien bereits heute vor Zulassung zwingend vorgeschrieben sind. Falls nicht, wäre das aus meiner Sicht der bessere Weg als einfach blind halbfertige Studien zu veröffentlichen.
    Denn sonst ist mMn zu befürchten, dass die Stellen, die über die Zulassung entscheiden, in Datenmüll ersaufen, da diese halbfertigen Dinge wahrscheinlich auch nur minimal dokumentiert sind.
    Möglicherweise könnte man auch darüber reden, diese Stellen personell aufzustocken. Außerdem könnte man über eien verbesserte statistische Ausbildung im Medizinstium nachdenken (ich gehe jetzt naiverweise einfach mal davon aus, dass in diesen Gremien u.a. Mediziner sitzen...).

    Hr. Bahr, übernehmen Sie!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service