Mit nichts Geringerem als dem Versprechen, Grippeviren zähmen zu wollen, brachte der Pharmakonzern Roche zur Jahrtausendwende sein Medikament Tamiflu auf den Markt. Die Arznei mit dem verheißungsvollen Handelsnamen ("tame" bedeutet übersetzt "zähmen" und "flu" steht für "Grippe") wurde zum Blockbuster – zumindest als die Welt im vergangenen Jahrzehnt eine Pandemie fürchtete und eine andere erlebte. Die Angst vor der Vogelgrippe H5N1 im Jahr 2005 und die Kontinente überspannende Schweinegrippe 2009 bescherten Roche Milliardenumsätze . Hatte doch die Weltgesundheitsorganisation WHO den Staaten der Erde empfohlen, das Medikament für den Notfall einzulagern .

Regierungen vertrauten auf die Zusicherungen, dass Tamiflu die Ausbreitung von Grippeviren in infizierten Menschen hemmt . Dadurch würden die Symptome Erkrankter gelindert und schwere Verläufe – etwa mit Lungenentzündungen bis hin zum Tod – verringert. Die Erreger könnten so nur noch eingeschränkt auf weitere Menschen übertragen werden. Im Ausnahmezustand einer gefährlichen Influenza-Welle mit einem unbekannten Virus, gegen den es noch keinen Impfstoff gibt, wäre dies zunächst die einzige pharmakologische Waffe .

Doch mittlerweile ist nicht nur fraglich, ob der Wirkstoff Oseltamivir überhaupt Grippeerreger bändigen kann. Pharmawächter haben darüber hinaus erhebliche Zweifel an der Unbedenklichkeit der Influenza-Arznei. Sie rücken den Pharmakonzern Roche ins Zwielicht. Die Geschichte vom Erfolg Tamiflus gründet möglicherweise auf geschönten Ergebnissen, zurückgehaltenen Studien, von Roche abhängige Autoren und dem Versagen von Regulierungsbehörden.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe sind nicht neu. Bereits 2009 hatte der Epidemiologe Tom Jefferson zusammen mit Forscherkollegen eine Analyse für die Cochrane Collaboration veröffentlicht. Hinter der Organisation steht ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, die systematisch Studien auf ihre Aussagekraft abklopfen und Übersichtsarbeiten erstellen, um Therapien unabhängig zu bewerten.

Autoren der Studie, die Oseltamivir Wirksamkeit bescheinigte, waren von Roche

Damals, auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe-Pandemie, baten die britische und die australische Regierung Jefferson und sein Team, die Daten zur Wirkung von Neuraminidase-Hemmern neu zu bewerten . Zu diesen Stoffen zählt neben dem Wirkstoff Oseltamivir in Tamiflu auch Zanamivir im Grippemedikament Relenza des Roche-Konkurrenten GlaxoSmithKline.

Daraufhin meldete sich ein japanischer Kinderarzt bei den Wissenschaftlern und brachte sie auf eine unglaubliche Spur. Es stellte sich heraus, dass die positive Bewertung von Tamiflu vor allem auf einer Arbeit aus dem Jahr 2003 beruht. Darin hatten Forscher um Hauptautor Laurent Kaiser, der heute am Genfer Universitätsklinikum forscht , zehn klinische Studien analysiert und dem Grippemittel bescheinigt: Die Einnahme des Wirkstoffs Oseltamivir senke bei Influenza-Patienten die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus behandelt zu werden, um 59 Prozent. Neun von 1.350 mit Tamiflu versorgten Erkrankten mussten in die Klinik, 18 von 1.063 Patienten, die ein Placebo bekamen. Die Häufigkeit wegen schwerer Komplikationen, wie etwa einer Lungenentzündung, Antibiotika zu benötigen, sank zudem laut Kaiser für Erkrankte, die das Mittel schluckten. Nur 45 von 368 Patienten, die den Wirkstoff Oseltamivir erhielten, mussten sich gegen eine Lungenentzündung behandeln lassen. Dagegen benötigten 74 von 401 Grippekranken Antibiotika. Sie hatten statt Tamiflu ein Placebo geschluckt.

Ein Blick auf die sechs Autoren der Analyse offenbart, dass vier von ihnen zum Zeitpunkt der Studie bei Roche angestellt waren und einer von ihnen als Berater von dem Pharmakonzern bezahlt wurde. Die Gruppe um Cochrane-Mitarbeiter Jefferson recherchierte weiter und entdeckte, dass acht der zehn von Kaiser geprüften klinischen Tamiflu-Studien niemals veröffentlicht worden sind. Mehrere Aufforderungen an das Unternehmen Roche, die Daten zugänglich zu machen, blieben ungehört.