PharmaskandalDas Tamiflu-Geheimnis

Pharmariese Roche verdiente dank Vogelgrippe und H1N1 Milliarden mit dem Influenza-Mittel. Zurückgehaltene Studien lassen an dessen Wirksamkeit zweifeln. von 

Eine Krankenschwester im indonesischen Yogyakarta hält eine Packung Tamiflu in die Kamera. 2009 suchte die Schweinegrippe auch das asiatische Land heim.

Eine Krankenschwester im indonesischen Yogyakarta hält eine Packung Tamiflu in die Kamera. 2009 suchte die Schweinegrippe auch das asiatische Land heim.  |  © Ulet Ifansasti/Getty Images

Mit nichts Geringerem als dem Versprechen, Grippeviren zähmen zu wollen, brachte der Pharmakonzern Roche zur Jahrtausendwende sein Medikament Tamiflu auf den Markt. Die Arznei mit dem verheißungsvollen Handelsnamen ("tame" bedeutet übersetzt "zähmen" und "flu" steht für "Grippe") wurde zum Blockbuster – zumindest als die Welt im vergangenen Jahrzehnt eine Pandemie fürchtete und eine andere erlebte. Die Angst vor der Vogelgrippe H5N1 im Jahr 2005 und die Kontinente überspannende Schweinegrippe 2009 bescherten Roche Milliardenumsätze . Hatte doch die Weltgesundheitsorganisation WHO den Staaten der Erde empfohlen, das Medikament für den Notfall einzulagern .

Regierungen vertrauten auf die Zusicherungen, dass Tamiflu die Ausbreitung von Grippeviren in infizierten Menschen hemmt . Dadurch würden die Symptome Erkrankter gelindert und schwere Verläufe – etwa mit Lungenentzündungen bis hin zum Tod – verringert. Die Erreger könnten so nur noch eingeschränkt auf weitere Menschen übertragen werden. Im Ausnahmezustand einer gefährlichen Influenza-Welle mit einem unbekannten Virus, gegen den es noch keinen Impfstoff gibt, wäre dies zunächst die einzige pharmakologische Waffe .

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Doch mittlerweile ist nicht nur fraglich, ob der Wirkstoff Oseltamivir überhaupt Grippeerreger bändigen kann. Pharmawächter haben darüber hinaus erhebliche Zweifel an der Unbedenklichkeit der Influenza-Arznei. Sie rücken den Pharmakonzern Roche ins Zwielicht. Die Geschichte vom Erfolg Tamiflus gründet möglicherweise auf geschönten Ergebnissen, zurückgehaltenen Studien, von Roche abhängige Autoren und dem Versagen von Regulierungsbehörden.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe sind nicht neu. Bereits 2009 hatte der Epidemiologe Tom Jefferson zusammen mit Forscherkollegen eine Analyse für die Cochrane Collaboration veröffentlicht. Hinter der Organisation steht ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, die systematisch Studien auf ihre Aussagekraft abklopfen und Übersichtsarbeiten erstellen, um Therapien unabhängig zu bewerten.

Autoren der Studie, die Oseltamivir Wirksamkeit bescheinigte, waren von Roche

Damals, auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe-Pandemie, baten die britische und die australische Regierung Jefferson und sein Team, die Daten zur Wirkung von Neuraminidase-Hemmern neu zu bewerten . Zu diesen Stoffen zählt neben dem Wirkstoff Oseltamivir in Tamiflu auch Zanamivir im Grippemedikament Relenza des Roche-Konkurrenten GlaxoSmithKline.

Daraufhin meldete sich ein japanischer Kinderarzt bei den Wissenschaftlern und brachte sie auf eine unglaubliche Spur. Es stellte sich heraus, dass die positive Bewertung von Tamiflu vor allem auf einer Arbeit aus dem Jahr 2003 beruht. Darin hatten Forscher um Hauptautor Laurent Kaiser, der heute am Genfer Universitätsklinikum forscht , zehn klinische Studien analysiert und dem Grippemittel bescheinigt: Die Einnahme des Wirkstoffs Oseltamivir senke bei Influenza-Patienten die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus behandelt zu werden, um 59 Prozent. Neun von 1.350 mit Tamiflu versorgten Erkrankten mussten in die Klinik, 18 von 1.063 Patienten, die ein Placebo bekamen. Die Häufigkeit wegen schwerer Komplikationen, wie etwa einer Lungenentzündung, Antibiotika zu benötigen, sank zudem laut Kaiser für Erkrankte, die das Mittel schluckten. Nur 45 von 368 Patienten, die den Wirkstoff Oseltamivir erhielten, mussten sich gegen eine Lungenentzündung behandeln lassen. Dagegen benötigten 74 von 401 Grippekranken Antibiotika. Sie hatten statt Tamiflu ein Placebo geschluckt.

Ein Blick auf die sechs Autoren der Analyse offenbart, dass vier von ihnen zum Zeitpunkt der Studie bei Roche angestellt waren und einer von ihnen als Berater von dem Pharmakonzern bezahlt wurde. Die Gruppe um Cochrane-Mitarbeiter Jefferson recherchierte weiter und entdeckte, dass acht der zehn von Kaiser geprüften klinischen Tamiflu-Studien niemals veröffentlicht worden sind. Mehrere Aufforderungen an das Unternehmen Roche, die Daten zugänglich zu machen, blieben ungehört.

Leserkommentare
    • medwed
    • 25. Januar 2012 20:13 Uhr

    Sie meinen, ich solle mich gefälligst auch am allgemeinen Pharma-Bashing beteiligen? Sorry wenn ich damit nicht dienen kann.

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  1. Das ist schon grobe Fahrlässigkeit oder mehr, wenn das stimmt, denn Studien auf Basis einer so geringen Zahl von Probanden können keine validen Ergebnisse zeigen.

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  2. In diesem Kontext ist es befremdend zu erfahren, dass ein Bundesamt weiterhin von der Wirksamkeit von Tamiflu mit Verweis auf die veröffentlichten Messreihen ausgeht. "

    Falsch, das BfArM geht mit Verweis auf alle- veröffentlichte sowie unveröffentlichte- Studien von der Wirksamkeit aus. Und auch bei der vorherigen Prüfung durch den zitierten Kaiser wurden doch die Ergebnisse aller 10 Studien berücksichtigt. Es wurden überhaupt keine Ergebnisse "verworfen".

  3. Was bitte ist daran verwerflich, als Politiker UND in der freien Wirtschaft erfolgreich zu sein? Eigentlich doch wohl nichts, oder ...

    Antwort auf "Donald Rumsfeld"
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    Meine Güte, eins und ein können Sie wohl noch zusammenzählen - oder ist das auch schon eine zu hohe Hürde?

    Ja ja, was ist daran verwerflich dem eigenen Unternehmen Aufträge zu erteilen.....

    Es ist ja auch nicht verwerflich, wenn jemand Geld für seine Kommentare bei zeit.de oder anderen Zeitungen bekommt. Ist ja immer noch seine eigene Meinung.

    Genauso wie bei Rumsfeld, er kann ja auch nichts dafür das seine Meinung und die Unternehmensphilosophie die gleiche sind.

    Sie haben recht.

    Bei diesem Auftragsvolumen durch den US-Staat hätte es eine reguläre Ausschreibung geben müssen!

  4. ...gab es von den "seriösen Nachrichtenquellen" keinerlei Zweifel an der Gefährlichkeit von H1N1 und alle betonten doch wie wichtig es sei, sich impfen zu lassen. Kritisch waren nur "unseriöse Quellen", die das Ganze als Scharlatanerie und Profithascherei der Pharmakonzerne beschrieben.

    2 Leserempfehlungen
    • keox
    • 25. Januar 2012 21:07 Uhr

    "In der Biologie gilt: Viren entwickeln sich, aber sie werden nicht - wie von Ihnen unterstellt - zu kommerziellen Zwecken entwickelt."

    Sie sind schlecht informiert.

    Im Übrigen gilt: Viren passen sich an oder sie werden angepaßt.

    Direkt menschlich, oder?

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    • rsi99
    • 25. Januar 2012 21:20 Uhr

    Ich glaube, die Menschheit hat schon Pandemien ohne Medikamente überlebt. Ich glaube, Mutter Erde hat uns nie Vollkaskoschutz versprochen. Und, ich glaube, hätten die Medien das Thema "Schweinegrippe" nicht so hoch gepuscht, wären wir mit viel weniger Tamiflu ausgekommen. Und ich glaube, dass der Mensch ein Stückweit vom Opossum abstammt.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann mich gut erinnern, wieviele Patienten damals mit Stolz berichteten, komme was solle, sie hätten sich mit Tamiflu eingedeckt - dank Apotheker, ohne ärztliche Verordnung ms. - ein Triumph von Roche.
    Das manipulierte Spiel mit der Angst ist und bleibt die "wissenschaftliche" Domäne der Pharmaindustrie.

  5. Meine Güte, eins und ein können Sie wohl noch zusammenzählen - oder ist das auch schon eine zu hohe Hürde?

    Ja ja, was ist daran verwerflich dem eigenen Unternehmen Aufträge zu erteilen.....

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    Antwort auf "Warum nicht?"

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