Essen 2032Da sagt der Kühlschrank etwas anderes

Der Bio-Mais kommt aus Rumänien und Quengelware ist verboten. Wie werden wir künftig einkaufen und essen? Ein Bericht aus der Zukunft

Kantine in Berlin: Was kommt morgen auf den Tisch?

Kantine in Berlin: Was kommt morgen auf den Tisch?

Glückliche Rentner, soweit das Auge reicht. Auf der Müsli-Schachtel, auf der Dosensuppe, sogar auf der Käseverpackung: Wohin Alexander auch schaut, das Supermarktregal ist voll mit vitalen Alten. "Bringt das Gedächtnis in Schwung", prangt auf dem Energie-Riegel. "Für starke Knochen", jubelt der Joghurt.

Geboren 2012 - Die Themenwoche

Wenig fasziniert Menschen so sehr wie die Zukunft. Wie werden wir morgen leben? Wie werden sich unsere Umwelt und unsere Gesellschaft verändern? ZEIT ONLINE wagt den Blick voraus. In zehn Folgen einer Themenwoche fragen wir: Was für ein Leben wird ein Mensch haben, wenn er 2012 geboren wird? Wie wird er lernen, essen, kommunizieren, arbeiten, wie wohnen, lieben, krank werden, regiert werden? Wie wird es schließlich sein, wenn er selbst Kinder bekommt?

Die Antworten, die diese Serie gibt, sind keine allgemeinen. Denn Alexander Geseke, der Held der einzelnen Geschichten, wurde tatsächlich am 3. Februar in Hamburg geboren. Ein echter Mensch also, am Anfang seines Lebens. Geboren 2012 erzählt, was Alexander in seinem Leben begegnen könnte. Allerdings: Alexander ist nicht der richtige Name der Hauptperson. Auch die Namen seiner Eltern wurden geändert, Bilder und Videos der Familie sind nicht mit ihren wirklichen Namen verbunden.

Die Folgen der Serie

Bisher erschienen:

Zukunftsforschung: Warum wir das Unmögliche wagen

Geboren 2012: Alexanders Zukunft beginnt mit 3.690 Gramm

Lernen 2022: Hausaufgaben sind archaischer Unsinn

Politik 2030: Scheitert die Energiewende an einer Eiche?

Essen 2032: Da sagt der Kühlschrank etwas anderes

Kommunizieren 2037: Ein Holo für den Hemdenschneider

Arbeiten 2042: Gleitzeit für immer

Wohnen 2047: Tomaten aus dem Parkhaus

Lieben 2048: Und ewig lockt das Netzwerk

Im Krankenhaus 2050: Alexander wird durchsichtig

Eltern werden 2052: Was ist ein Baby?

Demografie-Rechner: Wo stehen Sie im Gruppenbild unserer Gesellschaft?

ALS E-BOOK

Alle Artikel und Videos der beliebten Serie "Geboren 2012" stehen Ihnen gebündelt in einem E-Book im EPUB- und mobi-Format zur Verfügung. 

Nach dem Download können Sie jederzeit und überall die Antworten zu den großen Fragen unserer Zukunft entdecken.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books:

www.zeit.de/ebooks

Jugendwahn war früher. Im Jahr 2032 ist Ü-60 die neue Zielgruppe der Lebensmittelindustrie. Denn mehr als jeder dritte Deutsche ist im Rentenalter. Das sind anteilig mehr Alte als in jedem anderen Land der Europäischen Union. Die Quote ist zwar niedriger, als sie einst für dieses Jahr vorausberechnet wurde. Dennoch hat die gealterte Gesellschaft das Warenangebot in den Lebensmittelmärkten maßgeblich verändert: Die Verpackungen sind kleiner und leichter zu öffnen, die Schriftzüge größer. Kalorienarme Produkte sollen gegen Volkskrankheiten wie erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes und Herzerkrankungen helfen.

Anzeige

Milena legt fettarmes Fleisch in den Einkaufswagen, und eine Flasche Milch, Fettanteil 0,5 Prozent. "Meine Mutter ärgert sich immer noch, dass die die Vollmilch aus dem Programm genommen haben. Du bekommst sie nun gar nicht mehr", sagt sie und schiebt den Wagen weiter durch den Gang, vorbei an der Trinkstation.

"Schau mal, hier stehen überall Wasserspender herum." Alexander greift nach einem der blauen Becher. "Die hatten wir in der Schule auch. Und auf der Arbeit gibt es auf jedem Stockwerk drei", antwortet Milena. Eher unbewusst hat sie sich dadurch abgewöhnt, ihren Durst zwischendurch mit ungesunden Softdrinks zu löschen.

Vier Sterne für das Müsli

"Und, was brauchen wir noch?" Milch und Fleisch sind schon von der elektronischen Einkaufsliste verschwunden, die auf dem kleinen Bildschirm am Handlauf des Wagens leuchtet. Der erkennt, welche Produkte in seinem Drahtkorb liegen. Müsli fehlt noch, außerdem Obst und Mais. Und Edamer. "Ich dachte, wir hätten noch welchen daheim", sagt Alexander. "Da sagt der Kühlschrank was anderes. Der Käse ist längst über das Verfallsdatum", gibt seine Freundin zurück.

Geboren 2012
Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.

Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.

Während sie sich schon einmal auf den Weg zur Käsetheke macht, soll Alexander Frühstücksflocken holen. Schnell tippt er den Produktnamen auf dem Screen des elektronischen Wegweisers ein. Ein rot blinkender Punkt markiert den Gang, in dem er suchen muss.

"Niedriger Zuckeranteil, Rohstoffe aus der Region, geringe Treibhausgasemissionen." Rasch überfliegt Alexander das Vier–Sterne–Siegel auf der Müsli-Packung. Offensichtlich haben die Frühstücksflocken gut abgeschnitten in den Kategorien Gesundheit, Tierschutz und Umwelt. Das Einheitssiegel hat die Label-Flut der vergangenen Jahre beendet. Seither kann jeder Verbraucher sehr simpel entscheiden, wie gesund er einkaufen will. Alexander entscheidet sich trotzdem für Pops und Cornflakes.

"Hoher Fettanteil, viele Ballaststoffe, verarbeitet in der Region", dafür gibt es immerhin zwei Sterne. Was soll man von Tiefkühlpizza auch anderes erwarten? Alexander wirft sie zu der Instant-Nudelsuppe und der Fertig-Lasagne in den Einkaufswagen. Neben Studium und Job bleibt ihm kaum Zeit, noch selbst zu kochen. Also isst er wie die meisten Deutschen unter der Woche auswärts. Oder er greift zu Convenience-Produkten: Deckel ab und rein in die Mikrowelle.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Diese "Zukunft" wird es so auch nicht geben und sie wird so auch nicht eintreten. Vielleicht sollte due heute vermutlich 30jährige Autorin darüber nachdenken, dass Sie 2032 zu den (jungen) Alten zählen wird.
    Leider sind die Alten aber immer gesünder und vielleicht bringen sie ihren Enkeln ja bei wie man sich gesund und schmackhaft ernährt, wie man Essen schnell auch aus frischen Produkten herstellt, da die Alten dann dazu Zeit und Lust haben.
    Das fettarmes Essen gesund ist, halte ich für ein Gerücht. Sinnvolles Kochen und Essen braucht auch Fett. Vollmilch in Maßen ist gesünder als fettarme Milch (angeblich hat eine Studie bewiesen, dass Kinder die fettarme Milch anstelle von Vollmilch trinken, schwerer sind!), Fett macht nämlich satt.
    Was mir mehr Soren macht, dass "junge" Autoren heute so einen schwarzen Blick auf die Zukunft haben.

    Titel entfernt. Bitte achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/lv

    4 Leserempfehlungen
  2. Na wenn Zuckerschock und Herzinfarkt die Hauptprobleme 2032 sind, bleibt ja die Hoffnung, dass die Alten vielleicht doch rechtzeitig wegsterben und die Alterspyramide von der Spitze zumindest wieder auf die Seite kippt.

    Ansonsten sehe ich es wie mein Vorredner. Die Alten von 2032 sind nämlich wir. Also bitte, leben wir unseren Kindern doch einfach vor, wie man aus natürlichen Zutaten was zu Essen macht.

    5 Leserempfehlungen
  3. Da die EU das Problem erkannt hat bekommt Alexander beim Verlassen des Supermarktes noch einen elektrischen Schlag verpasst, der ihn daran erinnert dass er heute noch 789 Schritte tun muss, damit seine Krankenkasse ihn nicht in C- einstuft. Ohne den freiwilligen computergestützten Schocker würde der über 60 Jährige seinen Versicherungsschutz verlieren.
    Auf dem Weg sieht er dann noch die Anzeigetafel, dass sich die EU endlich entschlossen hat die "Ess und Beischlafshaltungsfibel" zum Grundrecht zu erklären, womit sein Ausflug zum Swinger Club an diesem Wochenende und an allen zukünftigen auch gestorben ist.
    Aber er freut sich auf sein Müsli ...

    7 Leserempfehlungen
  4. Fettarmes Essen macht fett: vor allem die Ernährungsindustrie. Das dürfte sich bis 2032 herumgesprochen haben.
    http://www.stern.de/gesun...

    2 Leserempfehlungen
  5. ...Genforscher in den USA und Kanada haben eindeutig bewiesen, daß Ernährung eine direkte(!) Auswirkung beim auftreten von genetischebedingten Krankheiten hat.
    Mit anderen Worten wer "Convenience-Produkte" statt frischer Nahrung zu sich nimmt, macht sich selbst krank.
    Zucker ist in fast allen Halb und Fertigwaren. Das ist kein Zufall, das hat die Nahrungsmittelindustrie absichtlich gemacht, denn Zucker macht suchtig(!) und wirkt auf das Belohnungszentrum im Gehirn - was (teilweise) die Zahl der Übergewichtigen erklärt.
    Man spricht noch hinter verschlossenen Türen und vorgehaltener Hand darüber, aber Alzheimer ist eine Krankheit die sehr wahrscheinlichüber den Fleischverzehr verbreitet wird.
    Usw. usw.

    Unser Essen bringt uns im wahrsten Sinne des Wortens um.
    Milliarden(!) werden in die Forschung von Krankheiten gesteckt die sich mit gesunder Ernährung verhindern liesen.
    Eigenlich macht uns die Nahrungsmittelindustrie Krank und die Pharma/Krankenkassen verdient an der Kur oder den Medikamenten für diese Krankheiten.
    Wenn man darüber längere Zeit nachdenkt, kriegt man Depressionen.

    Ich hoffe wirklich das in den nächsten Jahren sich da was tut und Nahrung einen viel, viel(!) höheren Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt als sie jetzt hat.
    Das muss nicht Bio, Öko oder Vegan sein, aber frisch, selbstgemacht, saisonal und regional auch wenns mehr kostet.
    Das Billigste kaufen bringt uns um, Freunde...

    Eine Leserempfehlung
  6. Das schreibt ein heute schon alter Mensch. Vielleicht sehe ich mir das in 2032 von außen an, jedoch sei heute schon empfohlen: Naturgewachsenes, aus der Region, unraffiniert, wirklich und echt tier-, pflanzen-, boden-, luft-, wassergerechte Nahrung für Körper, Geist und Seele. - Würde es dann in 2032 "zuviele" gesunde, tatkräftige Alte geben? -

  7. dann werde ich demnächst verstärkt Burger und Pommes einfahren. Sonst hält man die Zukunft nicht aus...

    5 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 24.02.2012 um 14:15 Uhr

    Immer massvoll, dann klappts auch 2032, wenn nicht die missionarischen Wein Trinker und Wasser Prediger bis dahin für allgemeine Knappheit mit Hungesrnöten gesorgt haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service