Minusgrade : Ohne Schnaps, aber gut gepolstert durch die Kälte

Der Februar beginnt mit Eiseskälte. Experten raten, wie man sich nun warm hält. Ist Joggen noch erlaubt? Und wie sinnvoll ist es, sich nach dem Zwiebelprinzip zu kleiden?
Ein Jogger läuft bei Minusgraden seine Strecke ab. © Scott Olson/Getty Images

Minus 15 Grad am Morgen – kann man da durch Parks und Wälder joggen , ohne eine Lungenentzündung zu bekommen? Diese Frage stellt sich auch mancher, der in der Frühe einem Bus hinterherrennt. Ist hektisches Atmen bei Kälte gefährlich? Wer regelmäßig trainiert und gesund ist, kann aus medizinischer Sicht auch bei kräftigen Minusgraden im Freien Sport treiben, beruhigt Folker Boldt, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Sportmedizin Berlin .

Freizeitsportler, die sich durch den Frost nicht vom Joggen abhalten lassen, sollten allerdings auf jeden Fall ihren Mund vor der Kälte schützen. "Das ist wichtig, damit die kalte Atemluft nicht ungebremst eingesaugt wird", erläutert Boldt. Die Kälte kann zu Entzündungen der Atemwege führen, aus denen Viren und Bakterien ihren Vorteil schlagen. Um die Luft etwas anzuwärmen, ehe sie die unteren Atemwege erreicht, empfiehlt es sich zudem, möglichst nur durch die Nase zu atmen. Die Nasenatmung könne man trainieren, und wenn sie nicht mehr ausreiche, solle man unbedingt die Anstrengung herabsetzen, rät der Sportmediziner. Außerdem wichtig: Langsam beginnen, allmählich das Tempo steigern.

Dass sich die Blutgefäße im Außenbereich des Körpers verengen, ist eine Form, mit der sich der menschliche Organismus an die Kälte anpasst. Ziel ist, die Temperatur im Kern des Körpers konstant bei etwa 37 Grad zu halten. Mit Zittern leistet die Muskulatur ihren Beitrag dazu. "Wer besser an die Kälte gewöhnt ist, beginnt erst bei niedrigeren Temperaturen zu zittern, das haben Studien mit Schwimmern gezeigt", sagt Oliver Opatz vom Institut für Physiologie der Charité. Durch häufigen Aufenthalt im Freien, aber auch durch kaltes Duschen könne man die Anpassung an die Kälte trainieren, sagt Opatz.

Schnaps schützt nicht vor Kälte

Inuit, die dauerhaft mit extremen Minusgraden konfrontiert sind, haben zudem auch eine größere Fettmasse. Gebiete mit Temperaturen um minus 50 Grad hat der Mensch sich im Lauf der Evolution aber nur erobern können, weil er sich mit der Kleidung ein künstliches Fell schuf. Kleidung hilft besonders effizient, wenn sie nach dem Zwiebelprinzip in Schichten übereinander getragen wird. Je nach aktuellem Aufenthaltsort können einzelne Schichten dann aus- oder wieder angezogen werden. Wichtig ist, dass die Schichten nicht zu eng anliegen, kleine Luftkammern und Luftschichten wirken isolierend. Entsprechend sollte abgewogen werden, ob es sinnvoll ist, mehrere Strümpfe übereinander anzuziehen. Wird es zu eng im Schuh, könnte das Durchblutung und Wärme beeinflussen.

Schnaps dagegen ist als Schutz gegen die Kälte ungeeignet. Zwar entsteht ein wohlig-warmes Gefühl, wenn die Blutgefäße sich weiten. Doch die Anpassung an die Kälte wird dadurch schlechter.

Gefährlich werden kann die Kälte auch für alle, die unter schwerem Asthma leiden, deren Bronchien verengt und besonders sensibel sind. Wenn es klirrend kalt ist, erleiden zudem immer wieder Herzpatienten beim Schneeschaufeln einen Infarkt oder einen Anfall von Angina pectoris. "Bei Kälte sind solche Tätigkeiten anstrengender, da das Herz mehr arbeiten muss. Die Gefahr eines Herzinfarktes ist erhöht", sagt Opatz.

Von Kälte allein bekommt man keine Erkältung

Besonders lästig ist die Kälte für alle, die unter einer Kälteurtikaria leiden, oft fälschlich als "Kälteallergie" bezeichnet. Bei ihnen werden Entzündungsbotenstoffe ausgeschüttet, die zu juckender Haut und Quaddeln führen. Sie zeigen sich meist im Gesicht. Dieser Körperteil, der als einziger der Kälte nackt trotzen muss, verfügt über die größte Dichte an Kälterezeptoren. Umso wichtiger ist hier ein Schutz. Fetthaltige Creme und Lippenpflegestifte sind sinnvoll, ein Schal zur Vermummung schützt ebenfalls. Wegen der gut durchbluteten Kopfhaut friert der Kopf schnell. Eine Mütze sollte nicht fehlen.

In vielen Sprachen der Erde heißt der grippale Infekt, der sich mit Husten und Schnupfen äußert, im Volksmund "Erkältung". Streng genommen ist das falsch, denn der Grund ist immer eine Ansteckung mit Viren. Von Kälte allein bekommt man keine Erkältung. Inzwischen zeigen aber Studien, dass warme Kleidung trotzdem vor Erkältung schützt. So haben Mediziner von der Uni Cardiff 180 Freiwillige in der kalten Jahreszeit mit nackten Füßen nach draußen geschickt. Die eine Gruppe steckte die Füße in eine leere Schüssel, die andere musste ein eiskaltes Fußbad nehmen – und tatsächlich erkälteten sich deutlich mehr Probanden aus dieser Gruppe.

Eine Erklärung ist, dass Frierende meist schnell eine kalte Nase bekommen, und dass dann dort, in der Eintrittspforte der Viren, wegen der schlechteren Durchblutung die Abwehrzellen des Immunsystems weniger effizient arbeiten. Nasskaltes Wetter scheint der Verbreitung von Viren tendenziell überhaupt Vorschub zu leisten. Sobald die Menschen sich mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, können sie sich auf jeden Fall in hoher Konzentration verbreiten. Opatz rät dazu, das Immunsystem zu stützen, indem man sich besonders vitaminreich ernährt. Kohlenhydrate wärmen den Körper. Für die meisten Menschen mit Herz- oder Bronchialproblemen spricht nichts gegen Spaziergänge bei Frost. Boldt: "Auf jeden Fall sollte man sich auch jetzt bewegen, wenn nicht draußen, dann im Fitnessstudio, auf dem Hometrainer oder im Schwimmbad."

Erschienen im Tagesspiegel

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Brrrrr diese Kälte

Hm, sicher muss man bei dieser Kälte nicht unbedingt draußen laufen und sollte es abhängig von der aktuellen Fitness usw. abwägen. Allerdings geht es m.E., zumindest solange es nicht noch kälter wird, noch (Bei uns in der Nacht aktuell bis minus 10 Grad).

Von dem Tipp bei dieser Kälte durch die Nase zu atmen oder ein Tuch vor den Mund zu halten, halte ich aber nicht viel. Eher im Gegenteil. Ich laufe schon einige Jährchen regelmäßig und meine, dass auch folgende Punkte nützlich sein dürften:

Natürlich gute Kleidung:-) Ich war gestern Laufen. Auf höhren, freien Lagen blies im Gegensatz zu Tal- oder Muldenlagen ein eisiger Ostwind. Bei solchem Wind unbedingt an Winddichte Jacke o.Ä denken oder eben nur in windgeschgützten Lagen laufen. Ist wirklich ein sehr großer Unterschied! Und klar, langsam beginnen und nicht gerade "Wettkampftempo" anpeilen.

Viel Spaß beim Laufen noch.......und Grüße an alle Läufer

Lebensberatung aus allen Rohren

Es ist Winter - huchherrje! Offensichtlich aber nicht nur Winter, sondern Eiszeit oder sonst was unvorhersehbares. Und folglich werden Experten zitiert. Offensichtlich gibt es Experten für menschliches Verhalten unter 10 Grad C und solche, die ab 15 Grad C zuständig sind. Man fragt sich, wo sich dieses geheime Reservoir von Experten für jegliche Lebenslagen versteckt? Jeden Morgen bombardiert die offensichtlich immer einfaltslosere Zunft der Schreiber die Menschheit mit Experten: von Experten für das Bestattungswesen über solche für den Nahen Osten bis hin zu Experten für das menschliche Kälteempfinden. Ein Höhepunkt, wenn solche Experten auch noch irgendwelche Kulturen fordern und fördern: eine neue Debattenkultur hier, eine neue Pilzkultur dort - allenthalben sprießen Kulturen aus dem Bodensatz des Expertentums. Und das alles gedeiht dann zu einem journalistischen Moos, das mit dem Zitieren allerei Expertentums nichts anderes bezweckt, als sich penetrant selbst zu vergewissern, daß man fundierterweise Recht hat, weil man ja irgendeinen selbsterfundenen Expertenrat aus dem Ärmel schüttelt. Jetzt also auch in der ZEIT. Ist es wirklich notwendig, den virtuellen Seiten das Weiß auszutreiben, indem man sie mit dem weisen Rat schwärzt, daß man sich bei Kälte warm anziehen muß? [...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

Im Winter kann es kalt sein, warme Kleidung wäre nützlich...

Ich findes es auch schon nervig laufend mit Selbstverständlichkeiten sogenannter "Experten beglückt zu werden".

Denn das was man uns hier bei Kälte vorschlägt sollte jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand selber wissen...

Und das bei Sport im Freien zur Zeit einen gewisse Vorsicht geboten ist sollte ebenso klar sein sprich ein typischer "Couch Potato" sollte nicht ausgerechnet jetzt im Freien beginnen zu joggen oder Rad zu fahren...

Überhaupt wird so ziemlich jedes Wetter zur Zeit laufend völlig hochgepuscht, da war es im Dezember und Januar fast durchgehend sehr mild, kaum geht das Thermometer in normale Bereiche zurück sprich es wird mal frostig, schon hört man täglich von "sibirischen Verhältnissen" in Deutschland...

Die Fakten: seit mehreren Tagen haben wir auch tagüber eher leichten Frost 0 bis -3, seit gestern sogar zum Teil mäßigen Frost (-5 bis 10) insbesondere in der Nacht in einigen Regionen auch strengen Frost ( 10- bis -15 und mehr).

Sibirische Fakten: Dort liegen die Tagestemperaturen im Mittel bei - 20 ! und nachts regelmäßig bei -30 und klälter !

Wir haben also angeblich sibirische Kälte in Deutschland ?! Hallo ?! Im Ruhrgebiet tagsüber zur Zeit -2 bis -4 heute morgen in meiner Heimatstadt - 11,5 erstmals dies Jahr unter -10 !

Also mal die Kirche im Dorf lassen. Ich werde heute erneut meinen Rückweg vom Büro mit dem Rad antreten so bei "sibirischen" -4 bis -5 Grad, ca. 10 km oder 30 Minuten.
Sibirische Temperaturen ? Da lacht der Russe !

Das Märchen von der Nasenatmung

Man kann sicher sein: sobald der Winter etwas kälter wird, wird in den Medien das Märchen von der Nasenatmung für Läufer propagiert. Dass es in diesem Fall ein leitender Sportmediziner ist, macht die Sache nicht seriöser, ich vermute dass Herr Boldt im Winter nur auf dem Laufband trainiert. Kein ernsthafter Wintersportler (und ich trainiere seit Jahrzehnten mit Marathonläufern, deren Bestzeiten zwischen 2:20 und 2:50 liegen) kommt auf den Gedanken, nur durch die Nase einzuatmen. Um das zu verstehen, hilft ein wenig Elementarphysik. Wenn ich nur durch die Nase atme, dann stehen mir für die Luftzufuhr nur 2 dünne Röhrchen zur Verfügung. Beim langsamen Joggen mag die Nasenschleimhaut noch in der Lage sein die hiermit eingesaugte Luft zu erwärmen, bei flotterem Tempo aber muss mehr Luft mit höherer Geschwindigkeit angesaugt werden, der Wärmeaustausch kollabiert, die Schleimhaut kühlt extrem ab und die Luft kommt eiskalt im Rachenraum an. Die Extremfolge sind Nasenbluten und Entzündungen im Rachen. Wird dagegen durch dem Mund eingeatmet, dann steht durch die gesamte Mundhöhle eine wesentlich größere Fläche zum Wärmeaustausch zur Verfügung, ergänzt durch die Zunge, die extrem gut durchblutet ist und zudem den Luftstrom modulieren kann. Der Ratschlag für Laufen bei Minusgraden heisst also: Mund und Nasenatmung nutzen.
Sich Tücher vor Mund und Nase zu binden, hilft nicht viele, da sie durch die ausgeatmete Luft nass und luftundurchlässig werden (waterbording light).

ACHTUNG

Wintersportler:

Nur wenige wissen wie gefährlich es sein kann bei kalten Temperaturen Sport zu treiben! Jedes Jahr erkrankt somit ein Großteil aller Ski-Sportler an Erkältung. Und das durch falsche Atmung oder wenn man nur mit T-Shirt bekleidet auf die Skipiste geht.

Also aufgepasst, Lösung ist in Sicht:
Hier mein Expertengeheimtip:

Es beugt Krankheit und leiden vor sich im Winter warm anzuziehen, dabei gilt folgende Faustregel: je kälter dest wärmer anziehen!
Außerdem nicht zu schnell kalte Luft einatmen, hier mein Expertenrat: Wenns beim atmen wehtut/beißt hat man schon zu schnell eingeatmet!

Um mit weniger Viren in Kontakt zu kommen lohnt es sich NICHT mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, sondern (warm angezogen) zB mit dem Fahrrad oder noch besser weil wärmer alleine im Auto (wer kümmert sich denn ernsthaft um die Umwelt, wenn einem kalt ist)!

Auch ratsam wenn man schon ÖNV benutzt: Stellt euch nicht in Nießrichtung der umstehenden Passagiere!
Ein Experte warnt vor allem vor Ansteckungsgefahr durch Tröpfchenübertragung! Nicht mit der Hand ins benutzte Temp und danach an den Haltegriff!

Weitere Expertenräte von mir gibts morgen zum Thema "Mit Schnaps und guter Laune zum Wochenendsuff"

lg
henpara