Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Demenzerkrankung wie Alzheimer . Und ihre Zahl steigt. Für die Pharmaindustrie ist das ein vielversprechender Markt. Weltweit arbeiten Forscher an unterschiedlichen Substanzen, um eines Tages ein Mittel gegen Alzheimer zu finden. Jetzt bringen amerikanische Neurowissenschaftler ein Medikament ins Gespräch, das schon seit zehn Jahren zugelassen ist – allerdings nur in der Krebstherapie.

Der Wirkstoff Bexaroten wird in Deutschland unter dem Namen Targretin verschrieben, an Patienten mit einer seltenen Art Hautkrebs: dem kutanen T-Zell-Lymphom. In Experimenten mit genetisch veränderten Mäusen stellte sich nun heraus, dass das Mittel den Abbau von Eiweißmolekülen im Gehirn beschleunigt und somit – zumindest im Tierversuch – das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit aufhalten kann. In den Gehirnen der Alzheimer-Mäuse sammeln sich Beta-Amyloide in hohen Mengen an, ähnlich wie beim Menschen. Normalerweise beseitigen Immunzellen die Eiweißmoleküle rasch. Bei Demenzkranken funktioniert dieser Mechanismus nicht richtig, die Beta-Amyloide lagern sich zu Plaques zusammen oder schwimmen frei im Zellplasma. Nach heutigem Forschungsstand beginnt mit ihnen das Alzheimer-Leiden und macht sie zu einem der Hauptziele in der Medikamentenforschung.

Mediziner versuchen, die Produktion der Eiweiße im Gehirn von Mäusen zu unterdrücken oder bombardieren sie mit Antikörpern – in Form einer Impfung . Neurowissenschaftler um Gary Landreth von der Case Western Reserve University in Cleveland haben die Amyloide nun über einen Umweg attackiert: Sie steigern die Produktion des Apolipoproteins E, eines Enzyms, das am Abbau der Amyloide mitwirkt. Dafür nutzten sie das Krebsmittel Targretin. Ihre Ergebnisse sind nun im Magazin Science erschienen .

Bisher enttäuschten die meisten Mittel aus Tierversuchen

Die Wissenschaftler gaben ihren Versuchsmäusen das Tumormedikament über drei bis 90 Tage und maßen in verschiedenen Abständen die Menge an Beta-Amyloiden in ihren Gehirnen. Nach zwei Wochen waren drei Viertel der Eiweißablagerungen in derart lang behandelten Tieren verschwunden. Viele der Moleküle fanden die Wissenschaftler in den Immunzellen des Hirns wieder – ein deutliches Zeichen dafür, dass die normale Beseitigung der Amyloide wieder in Gang gekommen war.

Darüber hinaus stellten die Forscher Veränderungen bei den Tieren fest, die das Medikament bekamen. Normalerweise verlernen die dementen Mäuse grundlegende Verhaltensweisen. Wenn man sie etwa in ein Wasserbecken setzt, mit einer verborgenen Plattform zum Ausruhen, vergessen sie jedes Mal aufs Neue, wo sie ist und schwimmen suchend im Kreis. Unter dem Einfluss des Wirkstoffs Bexaroten schnitten die Mäuse in diesem Test besser ab. Sie fingen auch an, aus Papierfetzen Nester in ihrem Käfig zu bauen – eine Fähigkeit, die sie durch die Krankheit verloren hatten. Auch ihre Geruchswahrnehmung verbesserte sich.

Der Ko-Autor der Studie, John Cirrito von der Washington University , ist begeistert von der Entdeckung: "Es hatte eine erstaunliche Wirkung bei Mäusen. Falls es nur den Bruchteil dieser Wirkung bei Menschen hat, wäre das großartig." Schon in ein paar Monaten wollen die Forscher prüfen, ob sich der Effekt in den Mäusen auf Menschen übertragen lässt. 

Doch genau hier liegt ein grundlegendes Problem der Demenzforschung. Bisher enttäuschten die meisten Mittel , die im Mausmodell erfolgreich waren. "An Mäusen haben wir schon jede Form von Alzheimer erfolgreich behandelt", sagt Christian Haass , Neurowissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Aber bei Patienten konnten wir noch keinen nennenswerten Effekt erzielen." Mit "wir" meint er die internationale Demenzforscher-Gemeinde. Das heiße aber nicht, dass die Wissenschaft versagt habe. Die Zielmoleküle im Gehirn seien bekannt, viele erfolgsversprechende Wirkstoffe in den Startlöchern – dazu zählt Haass auch das Krebsmedikament, das die US-Kollegen nun getestet haben.

Bisher fehlen Erfolge bei Menschen

Die Alzheimer-Forschung krankt jedoch an zwei Punkten: Zum einen gibt es keine Versuchsmäuse, an denen der ganze Verlauf der Krankheit untersucht werden kann. Die Plaques, die sie durch ihre Genveränderung entwickeln, lösen etwa keine faserartigen Ablagerungen wie im menschlichen Hirn aus. Und bei den Mäusen lässt sich auch das daraus resultierende Neuronensterben nicht beobachten.

Zum anderen fehlen geeignete Testpersonen. Bisher nehmen Alzheimer-Patienten an Medikamententests teil, bei denen die Krankheit schon fortgeschritten ist; in ihrem Gehirn sind viele Nervenzellen abgestorben, sie leiden bereits am großen Vergessen. Der Neurowissenschaftler Konrad Beyreuther der Universität Heidelberg bemüht einen Vergleich: "Wenn man cholesterinsenkende Mittel nur an Menschen untersucht hätte, die schon einen Herzinfarkt haben, hätte man nie eine Zulassung bekommen." Die Forscher brauchen also Personen, die noch keine Symptome zeigen , bei denen Alzheimer erst im Verborgenen entsteht.

Die Diagnostik ist inzwischen weit genug, um an einer Probe aus der Gehirnflüssigkeit zu erkennen, dass manche Menschen mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken werden. An den Probanden, die noch keine Anzeichen von Demenz zeigen, könnte man neue Behandlungsmöglichkeiten prüfen. Die Wirkung, die Landreth und seine Kollegen für das Krebsmedikament nachweisen konnten, ist für Beyreuther eine gute Nachricht. In kurzer Zeit ist es das zweite Beispiel eines schon zugelassenen Medikamentes, das für klinische Studien in Frage kommt. "Wir haben endlich einen Fuß in der Tür für die Entwicklung wirksamer Medikamente", sagt er.

Schwere Nebenwirkungen darf es nicht geben

Eine präventive Medizin gegen Demenz müsste jedoch fast nebenwirkungslos sein, sagt der Neurowissenschaftler Christian Haass. Denn Alzheimer-Gefährdete müssten sie über Jahrzehnte nehmen, bis ins hohe Alter. Davon ist etwa das Krebsmedikament, das Gary Landreth und seine Kollegen getestet haben, noch weit entfernt. Zu den Nebenwirkungen von Targretin gehören Taubheit, Sehstörungen und Gleichgewichtsstörungen.

Außerdem braucht man Wirkstoffe, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden, eine Barriere, die Schadstoffe vom Gehirn abhält. Und es ist auch noch nicht klar, welche Funktion das Ziel der Medikamente, die Beta-Amyloide, im Körper eigentlich haben. "Es gibt Hinweise darauf, dass sie nicht nur Abfallprodukte sind", sagt Haass. Wenn die Proteine wichtiger sein sollten als bisher gedacht, dann könnte ihre Bekämpfung auch gravierende Folgen haben. Vor diesem Hintergrund könne es sogar gut sein für die Medikamentenforschung, wenn stimmen sollte, was die jüngsten Befunde des Wissenschaftlers Claudio Soto andeuten – nämlich, dass Alzheimer von infektiösen Eiweißen übertragen werden könnte . Das hieße, man könnte diese Moleküle schon im Blutkreislauf angreifen – nicht erst mitten im Gehirn.