Es sind schockierende Zahlen, die der Mediziner Christopher Murray und seine Mitarbeiter im Magazin Lancet veröffentlichen. Was die Wissenschaftler in akribischer Arbeit zusammengetragen haben, überrascht und beunruhigt. Mit Sicherheit werden die Daten eine neue Debatte auslösen, und weitere Forscher müssen sie erneut prüfen. Denn glaubt man Murray und seinem Team von der Universität von Washington im amerikanischen Seattle , ist die Krankheit Malaria – ausgelöst durch Parasiten – tödlicher und bedrohlicher als gedacht.

Die Wissenschaftler haben sämtliche verfügbaren Daten zur Malaria-Sterblichkeit seit 1980 neu ausgewertet. Sie entwickelten Rechenmodelle, mit deren Hilfe sie die Zahl der Todesfälle in 105 Ländern ermittelten. Demnach starben im Jahr 2010 allein 1,24 Millionen Menschen weltweit an der tropischen Krankheit. Das sind fast doppelt so viele wie im aktuellen Malaria-Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Darin schätzten Experten die Todesfälle auf insgesamt 655.000.

Der afrikanische Kontinent ist weiterhin am schlimmsten von der Seuche betroffen, schreiben Murray und sein Team. 2010 raffte die Krankheit hier rund 714.000 Kinder unter fünf Jahren dahin. Ihr Anteil macht mehr als die Hälfte aller Malaria-Opfer im Jahr 2010 aus. Seit 1980 war die Zahl der Malaria-Todesfälle von einst rund einer Million auf einen Höchststand von 1,8 Millionen im Jahr 2004 geklettert. Ein Grund dafür ist die wachsende Bevölkerung. Außerhalb des afrikanischen Kontinents ist das Wechselfieber ein weit geringeres Problem. Hier sinken die Todeszahlen seit Jahrzehnten stetig.

Murrays Analyse, die von der Bill & Melinda Gates-Stiftung finanziert wurde, offenbart noch weitere bislang kaum wahrgenommene Daten. "Man lernt in der Medizinausbildung, dass Kinder, die dem Erreger ausgesetzt waren, einen Immunschutz aufbauen und als Erwachsene nur selten an Malaria sterben", sagt Murray. "Was wir nun in Krankenhausakten, amtlichen Todesmeldungen, Befragungen und anderen Quellen entdeckt haben, zeigt, dass dies nicht der Fall ist." Demnach erlagen 524.000 Menschen, die älter als fünf Jahre waren im Jahr 2010 den Folgen des Wechselfiebers (die WHO ging bislang von 91.000 aus). Also sind weit mehr als ein Drittel (42 Prozent) aller Todesfälle unter Menschen zu finden, die im Teenager-Alter oder bereits erwachsen waren, als sie an der Erkrankung verstarben.

Trotz der neuen Zahlen zeigt sich auch ein positiver Trend

Malaria sei offenbar ein bislang unerkannter Treiber der Erwachsenensterblichkeit, sagt Murray. "Das bedeutet auch, dass Nutzen und Effektivität der Malaria-Kontrolle und -Ausrottung wahrscheinlich unterschätzt worden sind." Die neuen Berechnungen dämpfen auch die Hoffnung, die von Parasiten ausgelöste Seuche rasch in den Griff zu bekommen. Bislang hoffte die Weltgemeinschaft zusammen mit dem Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria die Todesfälle bis 2015 auf Null zu senken. "Wir schätzen nun, dass die Malaria-Sterblichkeit erst nach dem Jahr 2020 unter die Marke von 100.000 Toten fallen wird", sagt Murray.

Bei all den schlechten Nachrichten haben die Wissenschaftler auch etwas Positives herausgefunden: In den vergangenen fünf Jahren sank die Malaria-Sterblichkeit um 31 Prozent. Dies war vor allem durch das Geld möglich, das Mitgliedstaaten und Spender in den Global Fund eingezahlt haben.