BiosicherheitDetails über Supervirus sollen erscheinen – nur nicht jetzt

Der Disput um einen tödlichen Erreger aus dem Sicherheitslabor weitet sich aus. Die Weltgesundheitsorganisation fordert die baldige Veröffentlichung der Forschungsdaten. von 

Ein Laborant untersucht 2009 auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe Proben von möglichen Infizierten.

Ein Laborant untersucht 2009 auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe Proben von möglichen Infizierten.  |  © Jay Directo/AFP/Getty Images

Soll die Bauanleitung für ein tödliches und zugleich hoch ansteckendes Virus veröffentlicht werden? Seit mehreren Monaten debattieren Wissenschaftler und Sicherheitsexperten über diese Frage , nun hat sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die Diskussion eingeschaltet. Als erste offizielle Stelle fordert sie die vollständige Publikation sämtlicher Details zweier Studien von Yoshihiro Kawaoka und Ron Fouchier zum Vogelgrippe-Virus H5N1 – allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt .

Der Expertenstreit entspinnt sich um einen hochgefährlichen Erreger, der derzeit in den Hochsicherheitslabors der Erasmus-Universität in Rotterdam unter Verschluss gehalten wird. Eine Gruppe um den Virologen Ron Fouchier hat hier ein Supervirus erschaffen. Ebenso ist dies offenkundig japanischen Wissenschaftlern um Yoshihiro Kawaoka gelungen. Der potenzielle Killerkeim basiert auf der Influenza A vom Typ H5N1, die bekanntlich vor allem für Geflügel gefährlich ist. Zwar springt die natürlich vorkommende Vogelgrippe nur selten auf den Menschen über.

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Unheimlich wird es aber, wenn man die jüngsten Zahlen der WHO zur Vogelgrippe heranzieht. Mittlerweile sind seit 2003 weltweit 584 Menschen an H5N1 erkrankt, 345 davon starben daran – eine Todesrate von rund 60 Prozent. Ähnlich gefährlich ist der Erreger aus dem Labor mit dem entscheidenden Unterschied, dass er für den Menschen extrem ansteckend ist. Damit schlummert in ihm das Potenzial eines globalen Killers.

Das Experiment

Mit ihren Experimenten wollten Wissenschaftler um Ron Fouchier herausfinden, ob das Vogelgrippe-Virus H5N1 das Potenzial hat, eine Pandemie wie das Schweinegrippe-Virus H1N1 auszulösen. Die Studie stellten die Forscher in Auszügen auf der Influenza-Konferenz in Malta im September 2011 vor.

Die Wissenschaftler verwendeten für ihre Arbeit einen Stamm, dem sie drei gezielte Mutationen verpassten, die dem Virus ermöglichen sollten, sich auch in Säugetieren zu reproduzieren. Frettchen, die mit dem mutierten Virus infiziert wurden, starben. Eine Übertragung unter den Tieren erfolgte zunächst nicht. Die Forscher isolierten daraufhin die Virus-Varianten der erkrankten Tiere und infizierten damit gesunde Tiere. Sobald diese ebenfalls erkrankten, wiederholten die Forscher das Prozedere.

Zehn Wiederholungen waren erforderlich, dann war das Virus von allein fähig, gesunde Tiere in anderen Käfigen zu infizieren – ohne Körperkontakt zwischen ihnen, allein über Tröpfchen-Infektion durch die Luft. Insgesamt fünf Mutationen sind laut den Wissenschaftlern erforderlich, damit ein tödliches Virus wie das Vogelgrippe-Virus H5N1 so ansteckend wird wie das Schweinegrippe-Virus H1N1.

Im Gegensatz zu Fouchier, manipulierten Forscher um Yoshihiro Kawaoka den Vogelgrippe-Erreger gezielt. Sie nahmen das Oberflächenprotein Hämagglutinin H5 des Virus und schleusten ihn in das für Menschen hoch ansteckende Schweinegrippevirus H1N1. In Frettchen übertrug sich der neue Keim leicht, tötete die Tiere jedoch nicht. Allerdings konnte der Erreger mit aktuellen Impfstoffen und antiviralen Mitteln bekämpft werden

Viren

Das Schweinegrippe-Virus (H1N1) löste im Jahr 2009 eine weltweite Pandemie aus. Doch obwohl das Virus hoch ansteckend war, war es nur für wenige tödlich: Nur einer unter zehntausend Infizierten starb an dem Virus.

Bei dem Virus der Vogelgrippe (H5N1) war das genau umgekehrt: Das Virus war nicht von Mensch zu Mensch übertragbar, weshalb nur wenige mit dem Krankheitserreger infiziert wurden. Eine Infektion endete jedoch in mehr als der Hälfte der Fälle tödlich.

Eine Kombination der beiden Viren galt bislang sowohl in der Natur als auch im Labor als unwahrscheinlich.

Übertragbarkeit

Frettchen gelten in der Virologie und in der Influenza-Forschung als Modellorganismen, weil ihr Immunsystem ähnlich auf Erreger reagiert wie das des Menschen. Ob sich die Ergebnisse der Studie direkt auf den Menschen übertragen lassen, weiß niemand.

"Frettchen sind keine Menschen", sagt Peter Palese, ein Influenza-Experte am Mount Sinai Medical Center in New York City, dem New Scientist. "H5N1 kursierte eine lange Zeit und mutierte währenddessen nicht in eine Form, in der es von Mensch zu Mensch übertragbar gewesen wäre."

Weitere Forscher kritisieren im Science Insider, dass das Vogelgrippevirus H5N1 keine Pandemie unter Menschen auslösen kann, weil sich das Virus in einem menschlichen Wirt nicht reproduzieren kann.

Andere Forscher halten es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass sich das Virus an den Mensch anpassen könnte, indem es einen Zwischenwirt findet, der sowohl menschliche Viren als auch das Vogelgrippevirus beherbergen könnten. So ein Zwischenwirt könnten etwa ein Schwein sein.

Veröffentlichungsprozess

Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden der Fachwelt und der Öffentlichkeit erst zugänglich, wenn sie in einem entsprechenden Fachmagazin veröffentlicht sind. Angedacht ist, dass die Forscher darin – neben den Ergebnissen – offenlegen, wie sie ihre Experimente durchgeführt haben – und zwar so detailliert, dass andere Forscher die Experimente wiederholen können.

Für eine Veröffentlichung müssen Wissenschaftler zunächst die Studie so verfassen, dass sie den Veröffentlichungsauflagen des jeweiligen Fachmagazins entspricht. Nach der Einreichung wird die Studie (anonymisiert) an andere Wissenschaftler weitergereicht, die Experten auf dem untersuchten Themengebiet sind. Sie sollen beurteilen, ob die Studie plausibel ist oder auszubessernde Mängel aufweist.

Erst wenn diese sogenannten Reviewer mit der Studie einverstanden sind, kann diese veröffentlicht werden.

Sowohl die Studie von Ron Fouchier als auch die von Yoshihiro Kawaoka wurden zur Veröffentlichung zugelassen, schreibt das Magazin Science Insider. Das amerikanischen Gremium für Biosicherheit (NSABB) hat die Ergebnisse begutachtet und empfiehlt, sie nicht in voller Länge zu veröffentlichen. Es erwägt nun außerdem ein Moratorium für ähnliche Fälle. Das NSABB wurde bisher in Einzelfällen von Wissenschaftlern oder Magazinen darum gebeten, Studien zu begutachten, die mögliche Interessenskonflikte beinhalten könnten.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Biowissenschaft hat das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) Geheimhaltung empfohlen, um die Menschheit zu schützen – auch vor Bioterroristen. Eine Bauanleitung für den Supererreger wäre eine monströse Waffe. Wenn überhaupt, sollte nur eine zensierte Version der Forschungsergebnisse veröffentlicht werden. Dem hatten die beiden Chefredakteure der Wissenschaftsmagazine Science und Nature bereits zugestimmt: Beide Studien sollten Mitte März in gekürzter Form in den Fachblättern erscheinen. "Das wird nun nicht geschehen", sagte Science -Chefredakteur Bruce Alberts am Freitag auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science im kanadischen Vancouver .

Zeitlicher Aufschub soll für Information der Öffentlichkeit genutzt werden

Die WHO stellt sich nun gegen die Empfehlung des NSABB. Ein eigenes Expertengremium , in dem auch die beiden Autoren der zwei Studien sowie die Chefredakteure beider Wissenschaftsmagazine saßen, hat sich mit den Arbeiten zum Supervirus befasst. Ihr Fazit: Die Studien sollen in vollem Umfang veröffentlicht werden, weil der Nutzen daraus die Risiken überwiege. "Die Ergebnisse dieser Forschung haben deutlich gezeigt, dass der H5N1-Virus das Potenzial hat, einfacher zwischen Menschen übertragen zu werden. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, die Forschung mit diesem Virus weiterzuführen", sagte Keiji Fukuda, der ranghöchste Berater der WHO für Fragen der Gesundheitssicherheit.

Jedoch sollen die Virus-Forscher ihr selbst auferlegtes Moratorium verlängern und die Fachmagazine die Studien jetzt noch nicht drucken . Der zeitliche Aufschub solle nun genutzt werden, um die Öffentlichkeit über Relevanz und Nutzen derartiger Forschung aufzuklären und so Ängste zu mindern. "Derzeit verlieren wir die Unterstützung der Öffentlichkeit. Dabei soll sie eigentlich von unserer Forschung profitieren", sagte auch der Leiter der japanischen Forschergruppe, Yoshihiro Kawaoka im Science Insider . Er äußerte sich erstmals zu der seit Monaten anhaltenden Debatte auch um seine Forschungsergebnisse.

Leserkommentare
    • redslug
    • 20. Februar 2012 16:35 Uhr

    Mir erschließt sich leider immer noch nicht der Sinn an der Erschaffung eines sog. 'Supervirus'.
    Vielleicht die Entwicklung von möglichen Gegenmitteln, falls die bereits bekannten Grippeviren zu einer ähnlich gefährlichen Art mutieren? Kann mir da irgendwer mehr zu erzählen? Ansonsten seh' ich da nur einen unnötigen Gefahrenherd in einer Großstadt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser redslug,

    die Wissenschaftler verfolgen mit ihrer Forschung zwei Ziele: Einerseits wollen sie verstehen, welche Elemente des Virus genau dafür verantwortlich sind, dass es ansteckend wird und sich ausbreitet. Andererseits geht es (langfristig) darum - wie Sie auch schon vermutet haben - mithilfe dieses künstlich erschaffenen Virus Gegenmittel zu entwickeln. Argument der Forscher ist, dass sich das, was sie künstlich im Labor erschaffen haben, durchaus auch von allein in der Natur entwickeln könnte.

    Beste Grüße,
    Gianna Grün

  1. Redaktion

    Lieber Leser redslug,

    die Wissenschaftler verfolgen mit ihrer Forschung zwei Ziele: Einerseits wollen sie verstehen, welche Elemente des Virus genau dafür verantwortlich sind, dass es ansteckend wird und sich ausbreitet. Andererseits geht es (langfristig) darum - wie Sie auch schon vermutet haben - mithilfe dieses künstlich erschaffenen Virus Gegenmittel zu entwickeln. Argument der Forscher ist, dass sich das, was sie künstlich im Labor erschaffen haben, durchaus auch von allein in der Natur entwickeln könnte.

    Beste Grüße,
    Gianna Grün

    Antwort auf "Was ich nicht verstehe"
  2. Gibt es nicht einen halb-öffentlichen Modus, bei dem nur etwa Universitäten, die einem adäquaten Sicherheitsstandard entsprechen, Informationen oder Bewilligung zu praktischer Forschung erhalten? Natürlich kann es auch da Lücken zu Missbrauch geben, jedoch wäre die Risiko/Nutzen-Bilanz weit besser.

    Gibt es für wissenschaftliche Ergebnisse eigentlich Lizenzformen ähnlich für das Internet, mit denen die offizielle Anwendung auf bestimmte (prozessorientiert) menschenfreundliche Ziele beschränkt oder gar gefördert werden kann?

  3. Ich habe mal vor grob 30 Jahren "Die weiße Pest" von Rrank Herbert gelesen. In gewisser weise bin ich zu diesem Thema vorsensibilisiert.

    Dieser Artikel trifft die richtige und notwendige Tonlage. Es war nur eine Frage der Zeit, dass potenziell tödliche Seuchen heruntergebrochen "machbar" sind.

    Ich halte es für richtig dieses Problem offensiv anzugehen um es möglichst bald durch Therapierbakeit zu deckeln.

    Bleibt nur die ungewisse Zukunft. Wie befriedet man jeden einzelnen Menschen?

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

  5. Ihr Name laesst schon ungute schluesse zu... Unpassender Kommentar! Redaktion?

    via DIE ZEIT-App

    • gquell
    • 20. Februar 2012 19:58 Uhr

    Als ich den Artikel las, fiel mir ein Science Fiction ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte.
    Dort wird die Bevölkerung eines Planeten in Angst und Schrecken vor einer angeblich hochansteckenden Krankheit versetzt. Wunderbarerweise tritt ein Biotec-Konzern auf, der angeblich einen Impfstoff entwickelt. Die Regierung kauft für viel Geld diesen Impfstoff und zwingt die Bevölkerung sich impfen zu lassen. Der angebliche Impfstoff wird mit Hilfe menschlicher Krebszellen unter Verwendung hochgiftiger Quecksilberverbindungen hergestellt. Schon kurz nach der Impfung wird verkündet, daß die gefährliche Krankheit von dem Biotec-Konzern besiegt wurde und dieser wird als Lebensretter gefeiert. Einige Zeit später kommt es zu einer Häufung von Krebserkrankungen. Auch hier etabliert der Lebensretterkonzern eine ganze Wirtschaft um die neuen Krebspatienten. Es werden komplizierte und teure Strahlengeräte gebaut, neue Medikamente geschaffen und auch die Zahl von Krankenhäusern und Ärzten steigt steil an, um diesen Krebs zu bekämpfen. Jahrzehntelang steigt die Zahl der Krebserkrankungen. Es werden Erfolge bei der Behandlung erzielt, die den Krebs um Jahre verzögern können.
    Nachdem eine milliardenschwere neue Industrie, ein Geflecht aus Biotec-, Pharmazie-, Chemie- und Technikkonzernen, entstanden ist, deren Aufgabe die Bekämpfung der neuen Krankheiten ist, werden immer Gelder des Planeten in das Gesundheitswesen investiert.

    • gquell
    • 20. Februar 2012 19:59 Uhr

    Das Ganze geht so lange gut, bis plötzlich Unterlagen gefunden werden, die belegen, daß die erste Krankheit überhaupt nicht existierte und mit Hilfe des Impfstoffes, der teuer verkauft wurde, die Menschen vorsätzlich mit Krebs infiziert wurden. Um die Infektion zu erleichtern wurde der Impfstoff mit hochgiftigen Quecksilberverbindungen versehen. Da die Vertreter der Konzerne auch in den Arzneizulassungsbehörden ein und aus gingen, konnten sie dafür sorgen, daß diese Gifte nicht deklariert wurden. So konnte ein ganzer Planet ausgeplündert werden. Nachdem das aber bekannt wurde, wurden die Konzerne liquidiert und ihre Vermögen zur Forschung und Heilung der Menschen eingesetzt. Die Verantwortlichen Manager wurden für Jahrzehnte ins Gefängnis geschickt.

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