BiosicherheitDetails über Supervirus sollen erscheinen – nur nicht jetzt
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Experten fordern ein weltweites Gremium für Biosicherheit

Zudem sollen nun auch Aspekte der Biosicherheit neu überdacht werden. Für letztes ist jedoch nicht die WHO zuständig, sondern ein entsprechender Expertenstab. Wie ein solches Gremium beschaffen sein sollte, skizzieren drei deutsche Virus-Forscher auf FAZ.net . Sie halten die vom NSABB vorgeschlagene Zensur für kurzsichtig und zu sehr von Sicherheitsdenken geprägt. Stattdessen fordern sie ein ausgewogeneres Expertengremium, dass international, interdisziplinär und intellektuell besetzt sein solle. Ein solches Global Health Security Policy Board solle "nicht von den Interessen geprägt sein, nationale sicherheitspolitische Agenden durchzusetzen, sondern vielmehr den Blick öffnen, um neue Antworten auf globale Fragen zu finden", schreiben die Biosicherheits-Expertin Petra Dieckmann und die Virologen Christian Drosten und Stephan Becker.

Supervirus
Die Debatte um die Influenza-Studien
Sommer 2011
Vogelgrippe-Virus unterm Mikroskop

Vogelgrippe-Virus unterm Mikroskop  |  © AFP/Getty Images

Ron Fouchier stellt die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe auf einer Konferenz in Malta vor. Der Virologe berichtet davon, das tödliche, aber nicht sehr ansteckende Vogelgrippevirus H5N1 so ansteckend wie das weniger gefährliche, aber hochansteckende Schweinegrippevirus H1N1 gemacht zu haben.

Oktober 2011
Ein Forscher betrachtet ein Reaktionsgefäß, das eine Lösung mit Viren enthält

Gefäß mit einer Lösung Viren  |  © Dimas Ardian/Getty Images

Zur gleichen Zeit wie Fouchier haben auch japanische Forscher um Yoshihiro Kawaoka ähnliche Forschungsergebnisse erzielt. Beide Studien liegen zur Veröffentlichung bei den Wissenschaftsmagazinen Science und Nature. Science schaltet das Gremium für Biosicherheit (NSABB) ein und bittet um Bewertung der Studien.

November 2011

Amerikanische, britische und deutsche Medien berichten, dass das NSABB eine Veröffentlichung verhindern will. Das NSABB bestätigt offiziell, dass es beiden Magazinen empfohlen hat, die Studien in ihrer jetzigen Form nicht zu veröffentlichen.

Der Teil mit dem genauen experimentellen Vorgehen und der Bauanleitung für das Supervirus sowie die Ergebnisse sollen demnach nicht veröffentlicht werden.

Stattdessen sollen die Forscher ausführlicher beschreiben, dass ihre Forschung dem Gemeinwohl diene und welche Sicherheitsaspekte eingehalten wurden.

Dezember 2011

Es beginnt eine Grundsatzdebatte. Die eine Seite argumentiert, die Ergebnisse dürfen nicht zensiert werden oder müssen zumindest kundigen Forschern  zugänglich gemacht werden, um weiterhin erfolgreiche Virusforschung zu gewährleisten.

Die andere Seite sieht die möglichen Gefahren im Vordergrund: In den falschen Händen könnte die Bauanleitung des Supervirus zur terroristischen Waffe werden. Das NSABB erwägt grundsätzliche Moratorien für diese Forschung, die Wissenschaftswelt diskutiert, ob Forscher sich selbst zensieren müssen.

Januar 2012
Ein Laborant untersucht 2009 auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe Proben von möglichen Infizierten.

Laborant in einem Sicherheitslabor  |  © Jay Directo/AFP/Getty Images

Mittlerweile diskutieren Experten, wie sie einzelnen Wissenschaftlern Details der Arbeiten von Kawaoka und Fouchier zukommen lassen können. Erste Vorschläge sind gesicherte Webserver oder markierte Kopien. Außerdem beschlossen die Forscher der beiden Studien, ihre Arbeit für 60 Tage einzustellen.

Februar 2012

Auf einem Forschertreffen nehmen die Chefredakteure der Magazine Science und Nature Stellung zu der Debatte. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) äußert sich. Sie war es, die beide Forschergruppen mit Proben des Virus versorgt hatte. Behörden hatten die Experimente genehmigt.

Nachdem sich das WHO-eigene Expertengremium mit dem Thema befasst hat, fordert die Organisation als erste offizielle Stelle die komplette Veröffentlichung der Studien mit allen Details – allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Juni 2012
Ron A.M. Fouchier

© Levien Willemse/Science

Das Magazin Science veröffentlicht schließlich Ron Fouchiers Studie.

Januar 2013

Der Virologe Fouchier und seine Mitarbeiter erklären das Ende des Moratoriums in einem offenen Brief in Nature und Science. Sie hätten die Sicherheitsstandards der Labore eingehend prüfen lassen und nun zu dem Schluss gekommen, dass diese hoch genug sein. 

August 2013

Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka kündigen im Fachmagazin Nature an, "gain-of-function"-Experimente mit dem Vogelgrippeerreger A/H7N9 durchzuführen, um dessen krank machenden Eigenschaften besser zu verstehen.

Ob die Forschungsgemeinschaft der Forderung der WHO folgen wird, ist unklar. Zuletzt hatten sich die Virusforscher um Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka selbst ein 60-tägiges Moratorium auferlegt. In einem Interview mit dem Science Insider zeigte sich Kawaoka zuversichtlich, dass die Denkpause ausreiche, um die Probleme zu lösen . "Wir sollten in der Lage sein, eine Lösung zu finden, wenn die Menschen bereit sind einander zuzuhören und ihre Entscheidung basierend auf Fakten, und nicht auf Angst zu treffen."

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Leserkommentare
    • redslug
    • 20. Februar 2012 16:35 Uhr

    Mir erschließt sich leider immer noch nicht der Sinn an der Erschaffung eines sog. 'Supervirus'.
    Vielleicht die Entwicklung von möglichen Gegenmitteln, falls die bereits bekannten Grippeviren zu einer ähnlich gefährlichen Art mutieren? Kann mir da irgendwer mehr zu erzählen? Ansonsten seh' ich da nur einen unnötigen Gefahrenherd in einer Großstadt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser redslug,

    die Wissenschaftler verfolgen mit ihrer Forschung zwei Ziele: Einerseits wollen sie verstehen, welche Elemente des Virus genau dafür verantwortlich sind, dass es ansteckend wird und sich ausbreitet. Andererseits geht es (langfristig) darum - wie Sie auch schon vermutet haben - mithilfe dieses künstlich erschaffenen Virus Gegenmittel zu entwickeln. Argument der Forscher ist, dass sich das, was sie künstlich im Labor erschaffen haben, durchaus auch von allein in der Natur entwickeln könnte.

    Beste Grüße,
    Gianna Grün

  1. Redaktion

    Lieber Leser redslug,

    die Wissenschaftler verfolgen mit ihrer Forschung zwei Ziele: Einerseits wollen sie verstehen, welche Elemente des Virus genau dafür verantwortlich sind, dass es ansteckend wird und sich ausbreitet. Andererseits geht es (langfristig) darum - wie Sie auch schon vermutet haben - mithilfe dieses künstlich erschaffenen Virus Gegenmittel zu entwickeln. Argument der Forscher ist, dass sich das, was sie künstlich im Labor erschaffen haben, durchaus auch von allein in der Natur entwickeln könnte.

    Beste Grüße,
    Gianna Grün

    Antwort auf "Was ich nicht verstehe"
  2. Gibt es nicht einen halb-öffentlichen Modus, bei dem nur etwa Universitäten, die einem adäquaten Sicherheitsstandard entsprechen, Informationen oder Bewilligung zu praktischer Forschung erhalten? Natürlich kann es auch da Lücken zu Missbrauch geben, jedoch wäre die Risiko/Nutzen-Bilanz weit besser.

    Gibt es für wissenschaftliche Ergebnisse eigentlich Lizenzformen ähnlich für das Internet, mit denen die offizielle Anwendung auf bestimmte (prozessorientiert) menschenfreundliche Ziele beschränkt oder gar gefördert werden kann?

  3. Ich habe mal vor grob 30 Jahren "Die weiße Pest" von Rrank Herbert gelesen. In gewisser weise bin ich zu diesem Thema vorsensibilisiert.

    Dieser Artikel trifft die richtige und notwendige Tonlage. Es war nur eine Frage der Zeit, dass potenziell tödliche Seuchen heruntergebrochen "machbar" sind.

    Ich halte es für richtig dieses Problem offensiv anzugehen um es möglichst bald durch Therapierbakeit zu deckeln.

    Bleibt nur die ungewisse Zukunft. Wie befriedet man jeden einzelnen Menschen?

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

  5. Ihr Name laesst schon ungute schluesse zu... Unpassender Kommentar! Redaktion?

    via DIE ZEIT-App

    • gquell
    • 20. Februar 2012 19:58 Uhr

    Als ich den Artikel las, fiel mir ein Science Fiction ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte.
    Dort wird die Bevölkerung eines Planeten in Angst und Schrecken vor einer angeblich hochansteckenden Krankheit versetzt. Wunderbarerweise tritt ein Biotec-Konzern auf, der angeblich einen Impfstoff entwickelt. Die Regierung kauft für viel Geld diesen Impfstoff und zwingt die Bevölkerung sich impfen zu lassen. Der angebliche Impfstoff wird mit Hilfe menschlicher Krebszellen unter Verwendung hochgiftiger Quecksilberverbindungen hergestellt. Schon kurz nach der Impfung wird verkündet, daß die gefährliche Krankheit von dem Biotec-Konzern besiegt wurde und dieser wird als Lebensretter gefeiert. Einige Zeit später kommt es zu einer Häufung von Krebserkrankungen. Auch hier etabliert der Lebensretterkonzern eine ganze Wirtschaft um die neuen Krebspatienten. Es werden komplizierte und teure Strahlengeräte gebaut, neue Medikamente geschaffen und auch die Zahl von Krankenhäusern und Ärzten steigt steil an, um diesen Krebs zu bekämpfen. Jahrzehntelang steigt die Zahl der Krebserkrankungen. Es werden Erfolge bei der Behandlung erzielt, die den Krebs um Jahre verzögern können.
    Nachdem eine milliardenschwere neue Industrie, ein Geflecht aus Biotec-, Pharmazie-, Chemie- und Technikkonzernen, entstanden ist, deren Aufgabe die Bekämpfung der neuen Krankheiten ist, werden immer Gelder des Planeten in das Gesundheitswesen investiert.

    • gquell
    • 20. Februar 2012 19:59 Uhr

    Das Ganze geht so lange gut, bis plötzlich Unterlagen gefunden werden, die belegen, daß die erste Krankheit überhaupt nicht existierte und mit Hilfe des Impfstoffes, der teuer verkauft wurde, die Menschen vorsätzlich mit Krebs infiziert wurden. Um die Infektion zu erleichtern wurde der Impfstoff mit hochgiftigen Quecksilberverbindungen versehen. Da die Vertreter der Konzerne auch in den Arzneizulassungsbehörden ein und aus gingen, konnten sie dafür sorgen, daß diese Gifte nicht deklariert wurden. So konnte ein ganzer Planet ausgeplündert werden. Nachdem das aber bekannt wurde, wurden die Konzerne liquidiert und ihre Vermögen zur Forschung und Heilung der Menschen eingesetzt. Die Verantwortlichen Manager wurden für Jahrzehnte ins Gefängnis geschickt.

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