Auf einem Markt im indonesischen Medan versprüht ein Arbeiter Desinfektionsmittel. Im Februar 2012 war zuletzt ein Mensch in der Gegend an den Folgen der Vogelgrippe gestorben. © Sutanta Aditya/AFP/Getty Images

Das Vogelgrippe-Virus A/H5N1 ist einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zufolge für den Menschen weniger tödlich als bislang angenommen. Zugleich könnten weit mehr Menschen daran erkrankt sein, als von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) registriert wurden. Das schreiben US-Forscher nach einer Auswertung von 20 Studien im Fachjournal Science . Sie weisen darauf hin, dass überraschend viele Menschen Spuren einer überstandenen Vogelgrippe im Blut haben.

Taia T. Wang und Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine in New York stellen die WHO-Kriterien zum Nachweis einer Infektion mit dem Erreger infrage. Diese berücksichtigten möglicherweise nur schwere Fälle von Vogelgrippe, bei denen Patienten im Krankenhaus landen und eine schlechtere Prognose haben, die Krankheit zu überleben.

Bei der neuen Auswertung hatten schätzungsweise ein bis zwei Prozent von mehr als 12.500 Studienteilnehmern Nachweise für eine vorausgegangene Vogelgrippeinfektion im Blut. Im Großen und Ganzen zeigten sie davor keine Symptome von Atemwegs- oder fieberhaften Erkrankungen, schreiben Wang und Palese.

Nach Auskunft der Science -Autoren treten die Vogelgrippeviren vor allem bei Menschen – und Geflügelbeständen – in ärmeren Gegenden auf, in denen es keine gute Gesundheitsversorgung gibt. Die Forscher stellen die These auf, dass viele Menschen mit der Infektion – gerade in solchen Regionen – nicht untersucht werden und die Erkrankung deshalb nicht bestätigt werden kann. Darüber hinaus berichteten Menschen mit Spuren einer Vogelgrippeinfektion im Blut häufig, dass sie keine grippeähnlichen Symptome hätten, schreiben Wang und Kollegen. Milde Verläufe würden nicht von der WHO berücksichtigt.

Wären tatsächlich ein bis zwei Prozent in gefährdeten Bevölkerungsgruppen betroffen, so könnten Millionen von Menschen schon einmal Kontakt mit den Vogelgrippeviren gehabt haben, folgern die Forscher. Bisher war man davon ausgegangen, dass sich Menschen nur bei sehr engem Kontakt zu infizierten Geflügelbeständen mit dem Tiervirus anstecken. Die Voraussetzungen dafür sind vor allem in Ländern wie Bangladesch , Pakistan , Indonesien , China und anderen Ländern Asiens gegeben, wo die arme Landbevölkerung auf engem Raum mit frei laufendem Geflügel lebt.

Bisher waren die Gesundheitsexperten der WHO davon ausgegangen, dass die Vogelgrippe für Menschen in aller Regel nicht sehr ansteckend ist, erst recht nicht direkt von Mensch zu Mensch. Nach bisherigen Berechnungen der WHO liegt die Todesrate unter den Infizierten allerdings bei 50 bis 60 Prozent. Haben Wang und Palese recht, müsste diese Zahl nach unten korrigiert werden.

Die Tierseuche könnte Menschen häufiger infizieren als gedacht

Es könnte ebenso sein, dass die Zahl der Todesfälle durch Vogelgrippeviren unterschätzt wird. Weil sie dies aber nicht anhand der Daten beweisen können, rufen die Forscher zu groß angelegten Untersuchungen auf, um Klarheit über die Gefährlichkeit des Erregers zu erhalten. Nach den jüngsten Zahlen der WHO sind seit 2003 weltweit 584 Menschen an H5N1 erkrankt, 345 davon starben.

Seit Wochen streiten Experten darüber, ob Forschungsergebnisse zu einer möglichen gefährlichen Virus-Variante aus der Schweinegrippe genannten humanen Grippe H1N1 und dem Vogelgrippeerreger H5N1 veröffentlicht werden sollten. Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der amerikanischen Universität von Wisconsin-Madison hatten in Experimenten herausgefunden, dass wenige Mutationsschritte reichen, damit ein hochansteckendes Supervirus entsteht. Eine derartige Grippe könnte sich weltweit verbreiten und viele Menschen töten.

US-Behörden hatten Bedenken geäußert, dass ein derartiges Supervirus als Biowaffe eingesetzt werden könne. Ein WHO-Symposium unter Beteiligung der betreffenden Wissenschaftler kam zu dem Schluss, dass die Forschung an der Virenvariante erst einmal weiterhin eingestellt und die Bauanleitung dafür – vorerst – nicht veröffentlicht werden sollte.