Zehntausende Freiwillige klopfen an jede Tür. Sie ziehen von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte, in 20 Ländern gleichzeitig. Am Freitag startete in Afrika ein gewaltiger Impfmarathon: Innerhalb von nur vier Tagen sollen 111 Millionen Kinder unter fünf Jahren gegen Polio immunisiert werden.

Allein in Nigeria , dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, sollen 57,7 Millionen Kinder gegen die Virusinfektion geschützt werden. Dort werden gleich zwei Tröpfchen der Vakzine verabreicht, weil es eines der wenigen Länder ist, in denen die Seuche sich noch verbreitet. In weiteren 19 Ländern in West- und Zentralafrika wurden bis heute, Montag, 53,3 Millionen Kinder besucht.

"Wir wollen hundert Prozent der Kinder erreichen und schützen", sagt Halima Dao, Polio-Expertin von Unicef im Senegal . "Dann haben wir Chancen auf Erfolg gegen die Seuche." Die Kinder würden durch die Immunisierung erstens geschützt, zweitens wisse man danach auch, wo Kinder wohnen. In abgelegenen Regionen haben die Mitarbeiter noch eine dritte Aufgabe: "Dort geht es auch darum, die Familien über die gefährliche Krankheit aufzuklären", sagte Dao ZEIT ONLINE.

Regelmäßig finden Aktionen statt, doch ein Umfang wie an diesem Wochenende ist ungewöhnlich. Bei der aktuellen Immunisierungsaktion arbeiten Gesundheitsministerien und die Vereinten Nationen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen. Koordiniert wird der Einsatz gegen Kinderlähmung von der Global Polio Eradication Initiative . 1988 wurde die Initiative gegründet, seither wurde nach eigenen Angaben die Zahl der Polio-Fälle weltweit um 99 Prozent gesenkt, von 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf rund 2.000 im Jahr 2009.

Im Frühsommer ist die Gefahr durch den Erreger am größten

Mit der Kampagne setzt die Initiative nun an, neue Ausbrüche der Kinderlähmung zu verhindern. In wenigen Wochen im Frühsommer beginnt laut Polio Eradication Initiative die Polio-Saison. Deshalb drängt die Zeit. Eigentlich waren Kampagnen zwischen März und Juli geplant. Dafür allerdings steht nicht genug Geld zur Verfügung. Rund 405 Millionen US-Dollar fehlen der Anti-Polio-Initiative für Impfungen. Ohne den Einsatz an diesem Wochenende würden viele Länder in diesem Sommer vor neuen Polio-Ausbrüchen stehen, befürchtet die Initiative. Es geht also um alles oder nichts: "Entweder wir schaffen es heute, Polio auszurotten. Oder die Zahl der Polio-Fälle wird wieder explodieren", sagt David Gressly, Unicef-Direktor für die Region West- und Zentralafrika .

Heute tritt Poliomyelitis, kurz Polio, noch in Afghanistan , Nigeria und Pakistan auf. In anderen Entwicklungsländern, wie in Angola , dem Kongo , Kenia oder Niger , taucht das Virus sporadisch wieder auf, beispielsweise wenn es eingeschleppt wird. In den vergangenen Jahren wurde die Krankheit immer weiter zurückgedrängt , zuletzt kamen aus Indien gute Nachrichten: Früher galt das Land als Epizentrum von Polio.

Seit Anfang dieses Jahres gilt Indien als poliofrei, weil seit einem Jahr kein neuer Fall der Kinderlähmung mehr gemeldet worden ist. Die WHO feiert das als Durchbruch, der vor allem auf die Impfkampagnen der indischen Regierung zurückgehe. Weltweit ausgerottet werden konnte Polio aber noch nicht.

Sebastian Dietrich, Experte bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen , ist zuversichtlich, dass dies gelingen kann: "Weil die Krankheit nur von Mensch zu Mensch übertragen wird, kann man sie besser eindämmen als beispielsweise Malaria." Wichtig dafür sei Regelmäßigkeit. Drei Impfungen über einen Zeitraum von mehreren Wochen sind nötig für einen zuverlässigen Schutz. "Es müssen deshalb mehrere solche Aktionen hintereinander gestartet werden", sagt Dietrich. Wenn es irgendwann keine Krankheitsfälle mehr gebe, könne sich das Virus auch nicht mehr verbreiten.

Der Schutz gegen Kinderlähmung gehört auch hierzulande weiterhin zu den von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen Standardimpfungen für Säuglinge und Kleinkinder. Auch wenn die Erkrankung seit den neunziger Jahren in Deutschland nicht mehr aufgetreten ist, warnen Epidemiologen des Robert Koch-Instituts davor, dass es wieder zu Ausbrüchen kommen könnte, sollte die Impfrate der Bevölkerung unter 95 Prozent sinken. Es bestehe weiterhin ein Risiko durch eingeschleppte Polio-Viren.