Lebensmittel : Privathaushalte werfen am meisten weg

Jährlich enden etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf deutschen Müllhalden. Eine Wegwerf-Studie der Verbraucherministerin ergab: Vieles davon wäre noch brauchbar.

Druckstellen an Früchten, gerade überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum: Viele Menschen in Deutschland verschmähen Lebensmittel schon wegen kleiner Makel. Im Durchschnitt wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 81,6 Kilogramm weg, ergab eine Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Demnach werden jährlich bundesweit knapp elf Millionen Tonnen als Abfall entsorgt. Bislang war die Menge nur geschätzt worden: auf 6,5 bis 20 Millionen Tonnen pro Jahr.

61 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel stammen aus Privathaushalten, jeweils rund 17 Prozent entfallen auf Großverbraucher – etwa Gaststätten, Schulen und Kantinen – sowie auf die Industrie. Die übrigen 5 Prozent fallen im Einzelhandel an. Privathaushalte vernichten damit jährlich größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro. Pro Kopf der Bevölkerung entspricht das einer Summe von 235 Euro pro Jahr.

Die Autoren der Studie halten etwa zwei Drittel dieser Wertvernichtung für vermeidbar. Sie unterscheiden zwischen vermeidbaren, teilweise vermeidbaren und unvermeidbaren Lebensmittelabfällen. Unvermeidbar sind demnach ungenießbare Reste, etwa Bananenschalen oder Knochen. Teilweise vermeidbar sind Reste, die wegen unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten anfallen – etwa weil ein Restaurantbesucher sein Gericht nicht ganz aufisst.

Als vermeidbare Abfälle gelten Lebensmittel, die uneingeschränkt genießbar wären. Der Studie nach sind das in Privathaushalten vor allem Obst und Gemüse. Sie machen fast die Hälfte (44 Prozent) der dort anfallenden vermeidbaren Speiseabfälle aus.

"Wir leben in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In Deutschland und Europa wird viel zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet", sagte  Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner ( CSU ). Sie kündigte an, noch intensiver als bisher über das Mindesthaltbarkeitsdatum aufzuklären. Dies soll vermeiden, dass Lebensmittel in der Abfalltonne landen, obwohl sie nach diesem Datum noch genießbar sind.

Aigner hatte mehrfach klar gemacht, dass sie da Handlungsbedarf sieht: "Lebensmittel sind kostbar – wir können es uns nicht leisten, dass jährlich viele Millionen Tonnen auf dem Müll landen", sagte die Ministerin schon zu Jahresbeginn.

Am 27. März will sie mit Herstellern, Gastronomie, Landwirtschaft, Verbraucherschützern und Kirchen über Strategien gegen die Lebensmittelverschwendung beraten. Unter anderem die Grünen hatten bereits Vorschläge gemacht: In Schulen und Kindergärten müsse es eine bessere Ernährungsbildung geben, verlangen sie. Diskutiert wird auch darüber, Warenströme besser zu organisieren und kleinere Verpackungsgrößen anzubieten.

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Kommentare

92 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Ja...

...das mit der Mindesthaltbarkeit ist eigentlich auch ein Wissensmangel. Die Leute wissen nicht mehr, woran man ein verdorbenes Essen erkennt.

Dabei schmeckt, riecht und sieht man das fast immer ziemlich eindeutig. Und außer bei Fleisch und Fisch ist das auch nicht sofort gefährlich.

Mich freuts, ich kaufe öfters für einen Bruchteil des Normalpreises die Sachen kurz vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit. Und so gut wie nie wird das Zeug schlecht, bevor ich es verbraucht habe. Ich habe schon Sachen verspachtelt, die mehrere Jahre abgelaufen waren und lebe immer noch :-)

MHD der Nase nach

Aus der kurz vor MHD-Kiste bediene ich mich auch gerne.

Kürzlich auf der Suche nach Essbarem, habe ich in den hinteren Winkeln meines Kühlschranks ein 500g Glas mit Johannisbeerjoghurt gefunden. Er war schon 4 Monate "darüber".
Nachdem ich an ihm gerochen, ihn genau betrachtet und probiert hatte, konnte ich feststellen dass er noch wie frisch war und köstlich schmeckte. (Ich verputzte das ganze Glas ohne Nebenwirkungen;-)

Es lohnt sich in vielerlei Hinsicht seine Nahrung mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Auch wenn es in unserer Lage anachronistisch wirken mag, und vielleicht niemandem damit geholfen ist, so vertrete ich doch die Ansicht, dass man Nahrungsmittel nicht verschwenden darf. (Wer weis wann es wieder etwas gibt) Das habe ich wohl noch von meinen Großeltern gelernt die noch den Hunger im und nach dem 2.WK kannten.

Uns geht es offenbar viel zu gut

Man kann aus diesem Artikel nur eine Schlussfolgerung ziehen: Lebensmittel sind viel zu billig! In einer Marktwirtschaft hat nur das einen Wert, das auch einen - angemessenen und marktfähigen - Preis hat. Was bei der "Geiz ist geil"-, "Kost' nix" oder "Kost' zu wenig"-Kultur heraus kommt, beschreibt der Artikel sehr schön.
Für mich ein klares Plädoyer für mehr Marktwirtschaft und weniger Subventionismus auch (bzw. gerade) im Bereich "Essen und Trinken".

Genau aus diesem Grunde...

...kann man aus diesem Artikel nur eine Schlussfolgerung ziehen: Altenpflegerinnen, Friseusen, Krankenschwestern ... sind viel zu billig! In einer Marktwirtschaft hat nur das einen Wert, das auch einen - angemessenen und marktfähigen - Preis hat.

Ironie aus!

Wer genug verdient, wird auch dann seine Verhaltensweise nicht ändern. Vermutlich gibt es aber ein ganzes Bündel von Ursachen:
Bequemlichkeit, verlorenes Wissen, Müdigkeit und Berufsstress, Planloses Einkaufen und Verführung durch Werbung u.ä.
Bei mir werden Lebensmittel kaum weggeworfen, weil ich meinen Wocheneinkauf nach dem beabsichtigten Speisemenü im voraus plane und auch mal Bestandskontrolle mache.

Nicht nur meine Großmutter,

meine Vorfahren aßen regelmäßig verdorbene Lebensmittel. Auch ich empfand es lange als Vergehen trockenes Brot oder andere Lebensmittel wegzuwerfen. Die eigene Geschichte, wie Indoktrination der Religion hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Wenn wir aber auf die Lebensmittelvernichtungsmaschinerie der Welt schauen, klingt es wahnwitzig unsere Lebensmittelbeschränkungen (in Form von Verfallsdaten z.B.) aufzuweichen. Es wird eine Gewinnmaximierung der Unternehmen sein. Nicht mehr und nicht weniger. Keinen einzigen Hungernden werden wir sättigen. Das Gewissen mancher Politiker vielleicht.

Trocken = Verdorben?

Bitte, trockenes Brot ist keineswegs verdorben! Es ist sogar Grundlage vieler leckerer Gerichte.
Aber ich bezweifle, daß sie vergammeltes Fleisch oder verschimmeltes Obst gegessen haben. Die hätte Ihre Oma sicher auch nicht auf den Tisch gebracht. Und nein, eine kleine Druckstelle am Apfel ist nicht dasselbe wie eine schimmelige, matschige, stinkende Frucht. Letzeres ist ungenießbar.