ReproduktionsmedizinReifung in der Petrischale

Ärzte erproben schonende Alternativen der künstlichen Befruchtung. Ein Ziel ist es, den Frauen weniger Hormone verabreichen zu müssen.

"Routine in jeder Kinderwunschsprechstunde wird das so schnell nicht werden", dämpft Thomas Strowitzki überzogene Erwartungen. Der Gynäkologe von der Uni Heidelberg spricht von einem Verfahren, das einer begrenzten Gruppe unter den 60.000 Frauen helfen könnte, die in Deutschland in jedem Jahr die Prozeduren einer künstlichen Befruchtung (IVF) auf sich nehmen.

Diese Behandlung beginnt üblicherweise mit der Gabe von Hormonen, die die Eizellen zur Reifung anregen. Bei zwei bis fünf Prozent der Therapien werden die Eierstöcke jedoch zu stark stimuliert. Das unerfreuliche, bisweilen auch gefährliche Ergebnis ist ein Ovarielles Überstimulationssyndrom mit Vergrößerung der Eierstöcke und Ansammlung von Wasser im Bauchraum.

Anzeige

In Einzelfällen kann das Überstimulationssyndrom schlimme Folgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen nach sich ziehen. Frauen, die ein Polyzystisches Ovarialsyndrom haben, sind besonders häufig vom Überstimulationssyndrom betroffen. Bei ihnen reifen in jedem Zyklus gleichzeitig besonders viele Eibläschen heran, die aber oft keine reifen Eizellen enthalten. Störungen der Fruchtbarkeit sind deshalb besonders häufig. Durch die übliche Hormonbehandlung in einer IVF werden allerdings noch mehr Eibläschen gebildet als sonst. Das Procedere belastet diese Frauen deshalb ganz besonders.

Von der schonenden Alternative, die Kongresspräsident Strowitzki beim 55. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Mannheim vorstellte, könnten Frauen mit polyzystischen Ovarien deshalb besonders profitieren. Die Behandlung beginnt damit, dass Hormone kürzer und niedriger dosiert gegeben werden als sonst üblich.

Die künstliche Befruchtung

Die künstliche Befruchtung ist ein Überbegriff für verschiedene medizinische Methoden, eine Schwangerschaft herbeiführen. Sie kann Paaren der Kinderwunsch erfüllen, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können.

Die gängigste Methode ist die Insemination, bei das Sperma des Mannes mit medizinischen Instrumenten in die Gebärmutter der Frau eingeführt wird.

Eine weitere Möglichkeit ist die von Robert Edwards und Patrick Steptoe entwickelte In-vitro-Fertilisation – also die Befruchtung im Reagenzglas. 

Die In-vitro-Fertilisation

Die In-vitro-Fertilisation findet außerhalb des Körpers der Frau in einer Glasschale statt – deswegen in-vitro (Lateinisch: "im Glas"). Die Eizelle wird noch vor dem Eisprung aus dem Eierstock entnommen. Anschließend wird sie mit einer Nährlösung und den Spermien des Mannes vermischt. Die Umgebungsbedingungen aktivieren den Samen – ein notwendiger Schritt für die künstliche Befruchtung, den der Reproduktionsmediziner Robert Edwards entwickeln konnte. Er erhielt 2010 für seine Methode den Nobelpreis.

Nach der Befruchtung beginnt die Eizelle sich zu teilen. Zweieinhalb Tage und einige Zellteilungen später wird dieser noch winzige Embryo mit einer dünnen Nadel in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt. Hier verdoppelt er seine Zellen weiter bis er ein bestimmtes Stadium (Blastula) erreicht hat. Dann vereinigt sich der Embryo mit dem Gewebe der Mutter und wächst weiter – genau wie ein natürlich gezeugtes Kind.

Eine Sonderform der In-vitro-Fertilisation ist die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), bei der ein einzelnes Spermium mit einer sehr feinen Pipette unter dem Mikroskop in die Eizelle injiziert wird.

Die Frauen bekommen drei Tage in niedriger Dosis follikelstimulierendes Hormon, das die Eibläschen anregt, anschließend unterstützende Hormone in ebenfalls niedriger Dosis. Dann entnimmt der Fortpflanzungsmediziner Eibläschen mit kleinen, noch unreifen Eizellen durch die Scheide.

Die Eizellen – im Durchschnitt können neun entnommen werden – reifen einen Tag unter penibel kontrollierten Bedingungen in einem speziellen Nährmedium im Labor nach. In-vitro-Maturation (IVM), Reifung "im Glas" der Petrischale, so der Name des Verfahrens, das noch mehr Behandlungsschritte als zuvor ins Labor verlagert. An den Unikliniken in Heidelberg und Lübeck wurde die IVM bisher 251 Mal vor einer künstlichen Befruchtung angewandt, 208 Mal konnte eine der so gewonnenen Eizellen befruchtet und in die Gebärmutter übertragen werden.

Da unreife Eizellen sich besser tiefgefroren konservieren lassen, könnte die IVM theoretisch auch jungen Krebspatientinnen zugutekommen, die für einen späteren Kinderwunsch vorsorgen wollen: Sie könnten sich vor der eingreifenden Behandlung solche Eizellen entnehmen lassen, die später, wenn sie schwanger werden wollen, vor der Befruchtung noch nachreifen würden.

Leserkommentare
  1. Die Methode ist schwieriger, langwieriger und weniger erfolgversprechend, aber: sie ist neu. Prima! Ideale Voraussetzungen, um verzweifelten Paaren noch mehr Geld aus der Tasche ziehen zu können.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service