Täglich melden Tierärzte in Deutschland neue Fälle von Infektionen mit dem Schmallenberg-Virus. In Deutschland sind inzwischen 1.000 Betriebe von der Tierseuche betroffen. Das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) auf der Insel Riems meldete hierzulande zuletzt 160 Rinder-, 799 Schaf- und 41 Ziegenhaltungen, in denen der Erreger nachgewiesen wurde. Mit einer weiteren Zunahme der Fälle sei zu rechnen, da weiter Lämmer und Kälber geboren würden, deren Mütter sich im vergangenen Jahr angesteckt hatten, sagte FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. Betroffen sind alle Bundesländer bis auf Bremen .

Auch andere Länder Europas sind betroffen. Nach Informationen der  EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC  sind seit November 2011 in den Niederlanden , Belgien , Großbritannien , Frankreich und Spanien Nutztiere daran erkrankt.

Im November 2011 war der bis dahin unbekannte Erreger entdeckt worden , der Schafe, Ziegen und Rinder befällt. Bei infizierten Tieren löst er Fieber und Durchfall aus. Übertragen wird er durch Insektenstiche. Erstmals isoliert wurde das für den Menschen harmlose Virus von einer Kuh aus einem Betrieb in der Kleinstadt Schmallenberg, die damit zum vorläufigen Namensgeber für den Erreger wurde. Nach Ansicht der Forscher zählt er zum Genus der Orthobunyaviren.

Meldepflicht soll ab 30. März gelten

Die Entwicklung eines Impfstoffes werde noch mindestens bis 2013 dauern, sagte Mettenleiter, denn für eine Zulassung muss dieser auch an trächtigen Tieren getestet werden. Schon dieser Termin sei ein "sehr ehrgeiziges Ziel." Fortschritte gebe es bei der Diagnose und der Erforschung des Virus. "Ein massentauglicher Test für den Nachweis von Antikörpern wird wohl in Kürze zur Verfügung stehen."

Mit dem von französischen Forschern entwickelten Test werde der Nachweis erleichtert. Bisher konnte das Virus nur bei akut erkrankten Tieren nachgewiesen werden – diese Phase dauert etwa eine Woche – oder über Fehlbildungen beim Nachwuchs.

Noch müssen Tierärzte Fälle des Schmallenberg-Virus nicht melden, am 30. März soll eine Meldepflicht im Bundesrat formal beschlossen werden. In der Praxis gingen aber schon jetzt tagesaktuelle Meldungen von Ländern und Behörden beim FLI ein, wie ein Sprecher des Bundesagrarministeriums in Berlin sagte.

Überträger-Mücken identifiziert

Belgische Forscher konnten kürzlich drei Mückenarten identifizieren, die das Schmallenberg-Virus übertragen. Es handelt sich um Arten, die auch die Blauzungenkrankheit übertragen. Anfang März präsentierten deutsche Forscher erste hochauflösende Bilder des Erregers. Damit könne der Vermehrungszyklus des Erregers in befallenen Zellen genauer analysiert werden, Rückschlüsse auf die Ausbreitung im trächtigen Tier sowie die Übertragung auf den Fötus seien möglich, sagte Mettenleiter.

Betreiber von Schafställen berichten, dass sie durch den Erreger bis zu 50 Prozent der neugeborenen Lämmer verlieren. Auch Rinderzüchter beklagen finanzielle Einbußen – diese seien im Moment aber vor allem auf Exportbeschränkungen zurückzuführen. Mehrere Staaten haben Importverbote für Rinder, Ziegen und Schafe aus den betroffenen Ländern verhängt. Russland geht dabei besonders weit: Moskau verhängte auch ein Importverbot für Schweine aus der Europäischen Union. Das Verbot soll vom 20. März an gelten. Aus wissenschaftlicher Sicht sei ein Einfuhrverbot für Schweine nicht nachvollziehbar, sagte Mettenleiter, da diese vom Erreger nicht betroffen seien.

Sollte das Schmallenberg-Virus auch in diesem Jahr wieder massiv Tiere infizieren, können die Landwirte ihren Bestand kaum schützen. Die Befruchtung der Schafe und Rinder könne verschoben werden, sodass die Tiere nicht gerade dann trächtig sind, wenn es besonders viele Mücken gibt, erklärte eine FLI-Sprecherin. Zusätzlich könne ein Insektenschutzmittel eingeschränkten Schutz vor Mückenstichen bieten.