Selten sprechen Mediziner von einem Durchbruch oder einem Meilenstein. Doch vor 30 Jahren gelang deutschen Reproduktionsärzten erstmals, wofür jahrzehntelange Forschung nötig gewesen war: Sie erfüllten einen Hoffnungsschimmer für viele ungewollt kinderlose Frauen .

Am 16. April 1982 wurde in der Erlanger Frauenklinik das erste deutsche Retortenbaby geboren, künstlich gezeugt außerhalb des Mutterleibs. Mit einem Kaiserschnitt holten die Ärzte Oliver auf die Welt, einen gesunden Jungen von 4.150 Gramm.

Wie Oliver seinen Geburtstag begehen wird, darüber hüllt sich der junge Mann in Schweigen. Auch in den zurückliegenden Jahren hat der in einem kleinen oberfränkischen Dorf lebende Mann jeden Medienkontakt strikt abgelehnt, so dass wenig über ihn an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Wenn man in seinem Ort nach dem ersten deutschen Retortenbaby fragt, weiß aber fast jeder der knapp 3.000 Einwohner, wer gemeint ist. Aber von wegen Baby: "Oliver? Das ist inzwischen ein Trumm von Mann", heißt es in der kleinen Ortschaft.

Eine Methode, die zu den größten Streitpunkten der Medizin führte

Dass Oliver überhaupt geboren wurde, ist das Verdienst des Arztes Siegfried Trotnow. Der inzwischen verstorbene frühere Leiter des Forschungsteams war mit seinem Vorhaben damals selbst in Fachkreisen auf Widerstand gestoßen. Schon bei der Geburt des weltweit ersten Retortenbabys Louise Brown in England 1978 hatte eine lebhafte Debatte über die ethische Vertretbarkeit der künstlichen Befruchtung eingesetzt.

Der englische Biochemiker Robert Edwards hatte die Methode zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe entwickelt. Ihr Ziel, Menschen das Bedürfnis nach Nachwuchs zu erfüllen, die auf natürlichem Wege keine Kinder zeugen konnten, veränderte die Welt für immer. Edwards erhielt dafür 2011 den Medizinnobelpreis . Ihm war bewusst, dass seine Technik die größten Streitpunkte der Medizin berührt.

Ob Präimplantationsdiagnostik , die Forschung an Stammzellen oder gar das Klonen: Die Befruchtung im Reagenzglas ("in vitro") bedeutet auch die Möglichkeit, am Lebensbeginn in menschliches Leben einzugreifen, es zu untersuchen und zu manipulieren.

"Die Frauen wollen schwanger werden", sagte Olivers damaliger Arzt Trotnow einmal. "Dafür lassen sie sich rädern und vierteilen." Tatsächlich kann das Wissen um die eigene Unfruchtbarkeit Studien zufolge Stress verursachen, der sich mit dem Verlust des Partners oder dem Tod eines Kindes vergleichen lässt.