KörperhaltungSitzriesen, erhebt euch!

Der kommende Aufstand. Sitzen war bisher Ausdruck hoheitlicher Würde. Australische Forscher fanden nun heraus: Wer viel sitzt, stirbt früher. Schade. von 

Es ist Zeit, über das Sitzen nachzudenken. Über das Zwiegespräch zwischen Gesäß und Gestühl, Popo und Polster, der liebsten Tätigkeit des modernen Menschen. Da haben die meisten sofort Elias Canetti im Ohr, nämlich dass "die Würde des Sitzens" ganz besonders "in seiner Dauer enthalten" sei. Heißt: Je länger, desto hoheitlicher.

Canetti, allein von Berufs wegen ein Vielsitzer der Moderne, beschreibt diese Körperhaltung als elementare Form der Machtausübung. Und jahrhundertelang war dieses Konzept sowohl eine mit Denkerstaub beschwerte Weltanschauung als auch Geschäftsstrategie der Könige und Kanzler. Nun erreicht uns eine irritierende Nachricht aus Australien: Wir sitzen zu viel.

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Forscher des Sax Instituts fanden heraus: Das Risiko für Über-45-Jährige in drei Jahren zu sterben, erhöhe sich um 40 Prozent, wenn sie ihren Tag sitzend verbringen. Mehr als 200.000 Testpersonen haben sie untersucht , die Ergebnisse sind verheerend. Besonders betroffen seien Bürohengste und andere Sitzriesen, die sich täglich nur alle elf Stunden aus der Pfühle ihres Stuhls erheben. Erschreckend. Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass Australien für Regungslose ja mit Verlaub ein viel schlimmeres Pflaster sei als Chemnitz oder Baden-Baden, wo uns keine Trichternetzspinnen und Giftschlangen namens Inlandtaipan nach dem Leben trachten, wie man nachts auf N24 immer hören kann. Leider blieben Flora und Fauna in der Studie unberücksichtigt.

Mithin gilt ab jetzt weltweit: Sitzen, ob vornehm, ergonomisch oder gekrümmt, gefährdet die Gesundheit. Das trifft auch ins Herz deutscher Gemütlichkeit, ihre Barockfauteuils und Bauhaussofas. Der zuständige Minister wird hoffentlich baldigst Warnungen auf Sitzgelegenheiten diktieren und jedes Möbelhaus in Alarmbereitschaft versetzen, mit Horrorbildern von Bauchfettrollen und nässenden Kratzbuckeln. Auf Bahnhöfen werden die Bänke künftighin in gelbumrahmte Schämzonen verfrachtet und wie die Raucher angemessen angeschnaubt. Und was kann der Bürger tun?

Gegen den weiteren Verfall verordnen die Forscher wie üblich mehr Bewegung. Verblüffenderweise auch statt Schreibtisch ein Stehpult. An so einem Ding dichtet und denkt, das muss jetzt gesagt werden, seit Äonen auch Günter Grass, worüber wir angesichts der drängenden Lage ausnahmsweise nicht länger nachsinnen möchten. Lieber noch einmal schnell Canetti! "Die Gleichheit innerhalb einer bestimmten Gesellschaftsgruppe (…) wird besonders betont, wenn alle die Vorteile des Stehens haben." Salopp gesagt, ohne den kommenden Aufstand sind wir bald alle dort, wo uns bislang nur der Sessel klebt: am Arsch.

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Leserkommentare
  1. ... ich bin auch ein gebürtiger Schneidersitzer und manch einer würde mich sicherlich als gelenkig bezeichnen, dafür sind aber andere Muskelpartien sehr stark verkürzt, z.B. kann ich meine Zehen nicht annähernd mit meinen Fingern berühren.

  2. Der übliche Wissenschaftsquatsch. Gestern hieß es, drei Liter Flüssigkeit am Tag seien gesund. Heute wird gesagt, mehr als zwei Liter pro Tag wären problematisch. Nächstes Jahr heißt es dann wieder: Wer viel sitzt, lebt länger. Kennen wir alles schon.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Elias Canetti | Günter Grass | Bahnhof | Gesundheit | Australien | Baden-Baden
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