Mutierte Grippeerreger : Entschärftes Supervirus-Rezept wird öffentlich

Aus Angst vor Bioterror sollten sie unter Verschluss bleiben. Nun werden zwei überarbeitete Studien zu mutierten Vogelgrippeviren doch erscheinen.

Wochenlang tobte der Streit zwischen Virologen, den Fachmagazinen Science und Nature und dem Beratergremium der amerikanischen Regierung für Biosicherheit NSABB . Ausgangspunkt sind hochgradig brisante Forschungsergebnisse, die möglicherweise für bioterroristische Zwecke missbraucht werden können.

Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin-Madison hatten in Laborversuchen entdeckt, wie rasch aus dem durchaus gefährlichen Vogelgrippevirus H5N1 ein hochansteckender Superkeim mutieren kann. Einem derartigen Erreger wohnt das Potenzial inne, sich weltweit auszubreiten und zahlreiche Menschen zu töten.

Grund genug für das NSABB Ende 2011 von der Veröffentlichung der Forschungsdaten abzuraten . In falschen Händen könnten die Informationen großen Schaden anrichten oder der mutierte Erreger ungewollt, etwa bei einem Unfall, aus dem Labor gelangen. Zwar relativierte Fouchier später, wie gefährlich die neuen Viren tatsächlich seien, doch die Sorge blieb.

Die Gutachter haben ihre Meinung geändert

Nun vollzieht das NSABB eine Kehrtwende, denn Fouchier und Kawaoka haben ihre Studienmanuskripte überarbeitet. Wie diese sich von den ursprünglichen Arbeiten unterscheiden, blieb offen. Die Empfehlung des NSABB lautet somit nun: "Die beschriebenen Daten scheinen nicht mehr geeignet, derart missbraucht werden zu können, dass die öffentliche Gesundheit oder die nationale Sicherheit gefährdet ist."

Zudem seien "neue Belege aufgetaucht", wonach das Wissen über bestimmte Mutationen von Viren sogar helfe, die internationale Überwachung von Infektionskrankheiten und Gesundheitsrisiken zu verbessern. "Globale Zusammenarbeit, gerade in der Vorbereitung auf eine Influenza-Pandemie, basiere auf dem freien Zugriff auf Informationen."

Damit folgt das NSABB der Argumentation zahlreicher Forscher und auch der Chefredakteure der Fachmagazine Science und Nature . Letztere hatten bereits auf den Abdruck der vollständigen Forschungsergebnisse verzichtet, obwohl die Empfehlungen des NSABB nicht verbindlich sind. Dies hatte zahlreiche Wissenschaftler verärgert, die um die Freiheit der Forschung bangten.

Schließlich schloss sich auch die Weltgesundheitsorganisation WHO im Februar der Auffassung an, dass die Supervirendaten mehr nützen als schaden. Nur wer weiß, wie Viren sich verändern, kann Vorbereitungen für den Ernstfall treffen. Denn was Fouchier und Kawaoka im Labor gelang, vollzieht sich in der Natur ständig. Erreger mutieren rasant, auch ohne dass der Mensch sie gezielt manipuliert.

Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wann genau die Studien nun erscheinen, teilten Science und Nature nicht mit. Man werde sie noch einmal von unabhängigen Wissenschaftlern begutachten lassen, wie es vor Veröffentlichung von Forschungsarbeiten üblich sei.

Unabhängig von der neuen Empfehlung des NSABB ist ein Moratorium, das sich Virenforscher, die an ähnlichen Studien arbeiten, selbst auferlegt hatten . Mittlerweile sind die 60 Tage vorüber, in denen die Wissenschaftler ihre Arbeit eingestellt hatten. Doch wollen die Virologen erst noch weitere Sicherheitsprüfungen und Gutachten der Behörden abwarten, ehe sie die Forschung wieder aufnehmen.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wenn ein Land so einen Virus herstellen kann - Bomben drauf?

Die Vermutung reicht doch dann offensichtlich?
Was bei A Waffen gilt, gilt doch dann auch bei B Waffen?

Wenn ein Land mit A Waffen angegriffen wird und es schlägt mit B Waffen zurück, dürfen die Reste der Menscheit sich dann darüber aufregen oder haben sie gar keine Zeit mehr dazu?

Sehr bedenklich ...

... wenn man so etwas liest und 3 Enkel hat. So etwas sollte auf jeden Fall geheim gehalten werden. Bomben drauf? Ebenfalls sehr bedenklich. Man sollte sich aber auch um das Bienensterben kümmern. Bienen sind die 3.-wichtigsten Tiere (ich nenne sie mal so) auf der Welt. Das hat zwar nichts mit dem Artikel selbst zu tun, jedoch MUSS hier etwas getan (geforscht) werden, denn sonst wird es eng mit den Nahrungsmitteln auf der Erde! Und wie sagte einst Oliver Kahn: "Aber ... wer will das schon".

Viren leisten auch einen Beitrag zum Überleben

Hmmm... es stellt sich doch letztlich die Frage, ob das langfristige Überleben der Menschheit nicht eher gewährleistet ist, wenn es etwas weniger Menschen auf der Erde hätte. Immerhin hatte dies die Natur über viele Millionen Jahre so gehandhabt und es ist ganz gut gegangen. Ich habe mal gelesen, dass es reicht, wenn von einer Spezie 5% überleben und soweit wird es auch eine schlimme Grippe kaum bringen. Für den Moment sind solche Viren also durchaus eklig, aber langfristig gesehen ... was soll ich sagen ... notwendig. Bitte nicht falsch verstehen!

Für die Nachentwicklung

braucht es die Publikation vermutlich gar nicht mehr. Im Grunde zirkuliert die grobe Bauanleitung schon seit Monaten in den Medien. Jeder Wissenschaftler, der in der Materie drin steckt (und über die notwendige Laborinfrastruktur verfügt), könnte diesen neuen Virus nachbauen. Mit Veröffentlichung ginge es bloß vielleicht etwas einfacher und schneller.

Im übrigen - alle Mutationen, die den neuen Virus so gefährlich machen, sind isoliert in freier Natur schon aufgetreten. Das Hochsicherheitslabor ist da draußen... Sie müssen bloß aus dem Fenster sehen.

Bitte nicht falsch verstehen

Kommt darauf an aus welcher Sicht man es betrachtet.

In der Natur schadet jede Spezies sich selbst, wenn sie überhand nimmt. Dabei limitieren sich viele Spezies nicht selber, sondern werden limitiert. Das kann durch das Mitwachsen der Population des Räubers geschehen oder durch die höhere Wahrscheinlichkeit, dass eine Population durch Pilze, Bakterien oder Viren dezimiert wird. Würde es solche Bottom up kontrollen nicht geben, würden erfolgreiche Spezies, wie eben der Mensch, ihre Umwelt so schädigen, dass ihre Lebensgrundlagen erschöpft sind und sie letztendlich ausstirbt.

Aus der Sichtweise des denkenden, emotionellen Menschen ist es natürlich Menschenverachtend.

Es kann natürlich auch sein, dass die Natur eines Tages ein Supervirus erfindet. "5 Mutationen sind notwendig um ein Virus Hochansteckend zu machen" Stellen sie sich Vor das HIV-Virus Mutiert so, dass es durch Tröpfchen übertragen werden kann.

Es braucht keinen Grippevirus

um die Menschen durch Bioterrorismus in Angst und Schrecken zu versetzen. Wer Viren als Waffe einsetzen will, kann das auch mit schon erforschten und bekannten Viren tun. Das ist nicht so schwierig, wie man vor Jahren mit dem Milzbrandvirus in Amerika schon Erfahrung gemacht hat.
Es ist wichtig die Viren zu erforschen und die Ergebnisse zu veroeffentlichen um mit entsprechende Gegenmaßnahmen im Falle einer Epedemie oder Pandemie gewappnet zu sein. Der Grippevirus ist alles andere als harmlos und schwappt jedes Jahr über die Welt, mal mehr oder weniger stark.

Bedrohung durch Terrorismus droht von vielen Seiten. Atomwaffen in den falschen Händen ist mindestens genauso gefährlich.