ZEIT ONLINE: Für das Gericht in Hamburg steht fest : Der Unfall am 12. März 2011, durch den vier Menschen in Hamburg-Eppendorf starben, wäre nicht passiert, wenn Caesar S. seine Erkrankung ernst genommen und sich nicht ans Steuer gesetzt hätte. Herr Mayer, Sie behandeln seit mehr als 25 Jahren Menschen mit Epilepsie. Wie beurteilen Sie diesen Fall?

Thomas Mayer: Caesar S. hat nachweislich fahrlässig gehandelt. Das Urteil halte ich für gerechtfertigt. Mir ist aber wichtig, dass Epilepsie-Kranke durch diesen entsetzlichen Unfall und die Berichterstattung darüber nicht unter Generalverdacht geraten. Der Großteil der Betroffenen geht verantwortungsvoll mit dem Risiko um. Die meisten sind sogar übervorsichtig. Dass Josef Joffe den Unfallfahrer Caesar S. in einem Artikel der ZEIT mit dem Terroristen von Toulouse verglichen hat, habe ich als diskriminierend gegenüber Menschen mit Epilepsie empfunden. Ich habe dazu viele empörte Zuschriften von Betroffenen erhalten.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet ein Leben mit Epilepsie?

Mayer: Es ist ein Leben mit der Angst vor dem nächsten Anfall. Dass das Gehirn jederzeit aus heiterem Himmel wie ein abstürzender Computer hängen bleiben kann, schränkt die Freiheit ein. Nicht immer stürzt der ganze Computer ab: Fokale Anfälle in begrenzten Hirnregionen sind vergleichbar mit dem Ausfall nur eines Programms. Nicht immer reicht – um im Computer-Bild zu bleiben – ein kurzer Druck auf die Reset-Taste, um wieder in den Alltag zurückzufinden. Wer häufige und schwere Anfälle hat, verliert nicht selten seine Arbeit.

ZEIT ONLINE: Wie stark leiden Menschen unter den Anfällen, die von außen bedrohlich aussehen können?

Mayer: Die Angst, in der Öffentlichkeit die Kontrolle über die Funktionen des eigenes Körpers zu verlieren und bewusstlos zu werden, belastet viele Betroffene seelisch sehr. Schmerzen haben sie während der Anfälle nicht, das Problem sind vor allem Verletzungen durch Stürze. Ein Drittel aller Epilepsie-Erkrankten hat außerdem psychische Probleme, zumeist depressive Beschwerden.

ZEIT ONLINE: Es gibt in Deutschland etwa so viele Epileptiker wie Diabetiker. Warum hört und liest man vergleichsweise wenig darüber?

Mayer: Tatsächlich haben fünf Prozent aller Menschen in ihrem Leben einmal einen Krampfanfall. Nur etwa 0,7 Prozent leiden dauerhaft unter Epilepsie . Da sich die wenigsten von ihnen outen, ist das Thema in unserer Gesellschaft noch immer kaum präsent.

ZEIT ONLINE: Warum sprechen die Betroffenen nicht darüber?

Mayer: "Geistig behindert", "verrückt", "fallsüchtig" – solche Stigmata sind noch heute verbreitet. Noch immer verbieten Eltern oder Lehrer epilepsiekranken Kindern zum Teil, am Sportunterricht teilzunehmen. Und das, obwohl Studien zeigen, dass Bewegung ihnen eher guttäte . Jugendliche dürfen nicht in die Disco, aus Sorge, dass das Stroboskop-Licht einen Anfall auslöst. Dabei reagieren nur etwa fünf Prozent aller krampfanfälligen Menschen auf Flackerlicht. All das trägt zur Stigmatisierung bei und verhindert einen offenen Umgang.

ZEIT ONLINE: Könnte das auch eine Erklärung sein, warum Caesar S. selbst im Gerichtssaal noch seine Erkrankung verleugnete, obwohl er bereits vor dem 12. März 2011 mehrere Unfälle verursacht hatte, ihm zwischenzeitlich die Fahrerlaubnis entzogen worden war und Ärzte ihn aufgefordert hatten, das Auto stehen zu lassen?

Mayer: Zumindest sind derartige Verdrängungsprozesse nicht selten. Bis zu einem gewissen Grad ermutigen wir Ärzte Patienten sogar dazu, nicht ständig an das zu denken, was alles passieren kann. Nur so haben sie die Chance auf ein einigermaßen angstfreies Leben. Mit dem Thema, zeitweise oder langfristig nicht Autofahren zu dürfen, wird aber jeder Epilepsie-Patient während der Syndrom-Diagnose konfrontiert. Daran führt kein Weg vorbei.

ZEIT ONLINE: Gesetzlich ist genau geregelt, unter welchen Umständen Epilepsie-Kranke Auto fahren dürfen. Wie gut kann man das Risiko eines Anfalls vorhersagen?

Mayer: Unfallopfer, die nach einer leichten Kopfverletzung direkt Anfälle haben, oder Kinder mit Fieberkrämpfen werden häufig völlig gesund und zeigen nie wieder epileptische Anfälle. Werden während der Elektro-Enzephalographie (EEG) typische Potenziale gemessen oder wird durch bildgebende Verfahren eine dauerhafte Hirnschädigung sichtbar, etwa nach einem Schlaganfall, dann ist das Risiko schon deutlich größer. Studien zeigen, dass Epilepsie-Kranke nicht häufiger Verkehrsunfälle verursachen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Und wenn sie doch Unfälle verursachen, wie Caesar S.?

Mayer: Dann sind die Folgen leider oft verheerend. Sicherlich gibt es auch eine gewisse Dunkelziffer. Wenn Retter zur Unfallstelle gerufen werden und es keinen Anfangsverdacht auf Epilepsie gibt, denken sie oft nicht an einen Anfall als Ursache. Auch der Fahrer selbst weiß hinterher häufig nicht, was passiert ist. So kommt er nicht darauf, sich vom Neurologen untersuchen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Was würde ein Neurologe im Gehirn eines Epileptikers finden?

Mayer: Neurone, die dazu neigen, unkontrolliert elektrische Impulse zu generieren. Erbliche Faktoren, Hirnverletzungen , der Einfluss von Drogen oder Alkohol spielen eine Rolle. Medikamente hemmen die Übertragung von Signalen dieser Epilepsie-Zellen.