ZEIT ONLINE: Was macht so ein Gehirn-Gewitter mit dem Menschen?

Mayer: Das geht von kaum merklichen Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Krämpfen im ganzen Körper. Bekannt ist in der Bevölkerung meist nur der schwere generalisierte Anfall, den Mediziner auch als Grand mal bezeichnen. Diese Form lässt sich gut diagnostizieren, weil die Fremdbeschreibung sehr charakteristisch ist. Wann der nächste Anfall droht, können Ärzte mit einem EEG aber nicht messen.

ZEIT ONLINE: Dann können Verkehrsmediziner doch kaum einschätzen, wie fahrtauglich ein Epilepsie-Patient ist?

Mayer: Das ist ein Dilemma, das sich auch im Fall Caesar S. gezeigt hat. Um die Fahrtauglichkeit zu begutachten, muss der Arzt wissen, wie häufig jemand Anfälle hat, in welchen Situationen sie auftreten und wie schwer sie sind. Dazu sind Neurologen auf die Angaben des Patienten und seiner Angehörigen angewiesen. Wenn jemand häufig den Arzt wechselt, vielleicht sogar aktiv Informationen zurückhält, wird es schwierig.

ZEIT ONLINE: Haben Psychiater, die Schizophrene behandeln, oder Kardiologen mit Herzinfarkt-Patienten dieselben Probleme? Auch diese Menschen könnten eine Gefahr auf der Straße darstellen.

Mayer: Absolut. Auch diese Risikogruppen müssten von verkehrsmedizinisch ausgebildeten Medizinern beraten werden, wenn es ums Autofahren geht. Für sie gelten die gleichen Begutachtungsleitlinien des Bundesverkehrsministeriums . Diese werden aber sehr oft nicht angewandt. Die Epilepsie-Kranken sind die Gruppe von Menschen, die meist sehr drastisch aufgeklärt wird über ein Fahrverbot. Die Ärzte sind aber wegen ihrer Schweigepflicht nicht verpflichtet, den Behörden ihre Fälle zu melden.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die richtige Erste Hilfe im Fall eines epileptischen Anfalls aus?

Mayer: Wer in der U-Bahn, auf der Straße oder anderswo auf einen krampfenden Menschen trifft, sollte hingehen und Erste Hilfe leisten. Das Wichtigste ist, den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen. Das heißt: Gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen, vielleicht eine Jacke oder ein Kissen unter den Kopf legen. Und unbedingt für freie Atemwege sorgen. Optimal ist die stabile Seitenlage. Dann einen Arzt rufen. Fast immer ist der akute Anfall nach zwei Minuten schon vorbei.

ZEIT ONLINE: Ist die Gefahr dann gebannt?

Mayer: Nein, der Ersthelfer sollte so lange bleiben, bis derjenige seine Orientierung wieder erlangt hat, bei chronisch Erkrankten ist dann auch kein Notarzt notwendig. Bis Menschen selbstverständlich und ohne Angst auf Epilepsie-Kranke zugehen, haben wir aber noch einen weiten Weg vor uns. Dass das unverantwortliche Verhalten eines Einzelnen vier Menschen das Leben gekostet hat, macht diesen Weg noch steiniger.