Eines ist die Psychoanalyse sicher nicht: kurz. Bei alten Menschen habe sich im Lauf ihres langen Lebens so viel seelisches Material angehäuft, dass die Dauer der Therapie sich "ins Unabsehbare verlängern" würde, urteilte Sigmund Freud . Schon deshalb habe sie keinen Zweck, meinte der Meister. Ein zweites Argument spreche dagegen: Bei Menschen über 50 pflege "die Plastizität der seelischen Vorgänge zu fehlen".

Diese Lehrmeinung hat inzwischen reichlich Patina angesetzt. "Freud hatte eine Altersphobie", sagte Hartmut Radebold, Gründer des Lehrinstituts für Alternspsychotherapie in Kassel. "Heute weiß man, dass bei 60 Prozent der psychischen Störungen Älterer eine Psychotherapie helfen kann." Falls die seelischen Probleme schon länger bestünden und nicht erst infolge eines Altersleidens, etwa einer Demenz , auftreten, seien die Erfolgschancen deutlich besser. Das berichtete der Pionier der Forschungsrichtung auf dem Symposium Psychotherapie in einer älter werdenden Gesellschaft der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung in Berlin.

Höchstens zwölf Prozent der Älteren sucht Hilfe

Besonders viele Ältere quält eine Depression . Mehr oder weniger stark wirft sie ihren düsteren Schatten über das Leben von 20 bis 25 Prozent aller Menschen über 65. Forscher der Universität Zürich ermittelten, dass allenfalls zwölf Prozent der betroffenen über 65-Jährigen irgendeine Form der Hilfe suchen. Laut einer repräsentativen deutschen Studie aus dem Jahr 2008 ist der Rat der Hausärzte entscheidend. Die Psychologin Heide Glaesmer von der Universität Leipzig befragte über 3.000 Personen. Für die allermeisten von ihnen war der Hausarzt der erste Ansprechpartner.

"Jeder Zehnte über 60-Jährige würde eine Psychotherapie brauchen, nur ein bis zwei von 100 nehmen sie in Anspruch", sagte die Psychologin Ursula Lehr , Bundesfamilienministerin a.D. Während viele von den "jüngeren Alten" im Verlauf ihres bisherigen Lebens Therapieerfahrungen gesammelt haben, habe die Generation der über 75-Jährigen oft Vorbehalte gegenüber Psychotherapien. Nach wie vor werde sie mit "Verrücktsein" assoziiert. Andere fänden, das habe bei ihnen "doch keinen Zweck mehr".

Dass das nicht stimmt, zeigte ein im Jahr 2009 veröffentlichter Cochrane-Report . Das Ergebnis: Kognitive Verhaltenstherapie – die am besten erforschte Richtung der Psychotherapie – wirkt bei älteren Menschen mit Depressionen. Kontrollpersonen, die zum Beispiel auf der Warteliste für eine Therapie standen, ging es deutlich schlechter als den Behandelten. Die Stärke des Effekts entsprach dabei der bei jüngeren Erwachsenen.

In einer Metaanalyse von 112 Studien konnte die Arbeitsgruppe um Pim Cuijpers von der Universität Amsterdam das bestätigen. Bei Menschen über 60 mit einer milden bis moderaten Depression wirkte eine kognitive Verhaltenstherapie genauso gut wie bei jüngeren Erwachsenen zwischen 25 und 50. Die niederländischen Forscher betonen allerdings, dass sie keine Daten über Hochbetagte und über Patienten mit schweren Depressionen vorlegen können.

Die Meinung, dass Ältere länger brauchen, bis die Behandlung "anschlägt", konnte entkräftet werden. Nur knapp ein Viertel nimmt mehr als zwölf Stunden in Anspruch, bei den Jüngeren sind es ein Drittel. "Es muss keine Endlosgeschichte werden",sagte Andreas Maercker , Psychopathologe an der Universität Zürich. Neueste Untersuchungen zeigen, dass im Alter Therapien besonders gut wirken, die mit der historisch-biografischen Perspektive arbeiten. Offensichtlich kann das auch in internetbasierten Beratungen und Behandlungen funktionieren, die das Schreiben am eigenen "Lebensbuch" oder "Lebenstagebuch" beinhalten.

Die Entwicklungspsychologen Martin Pinquart und Simon Forstmeier von der Universität Marburg haben für ihre Metaanalyse in der Zeitschrift Aging and Mental Health insgesamt 128 Studien durchforstet. Sie kommen zu dem Schluss, dass eine Lebensrückblicktherapie Menschen mit Depressionen und chronischen körperlichen Krankheiten besonders gut hilft. Sie kann das Gefühl für die Integrität der eigenen Person und den Sinn des Lebens stützen. Zudem verbessert sie das Wohlbefinden. Und es hat sich gezeigt, dass die Therapie auch im letzten Lebensabschnitt wirkt, weil sie die Vorbereitung auf den Tod erleichtert.

Traumatische Erlebnisse prägen diese Generation

Das Einbeziehen der Lebenserinnerungen – die gerade bei der Generation der heute über 75-Jährigen oft auch traumatische Kriegserlebnisse beinhalten – führt nicht zuletzt zu einem bewussten Umgang mit einer heiklen Konstellation: In der Psychotherapie alter Menschen verkehrt sich oft das Altersverhältnis, ein Älterer sucht bei einem Jüngeren Rat. "Für die Älteren ist es oft schwer, Deutungen und Hilfestellungen von Jüngeren anzunehmen", sagte Radebold. Die Angehörigen der Kriegsgeneration erzählten nicht unbedingt von sich von schlimmen Erlebnissen in der Vergangenheit. Der Therapeut könne das Gespräch aber anstoßen, indem er zum Beispiel sagt: "Ich sehe, Sie sind Jahrgang 1938. Da müssen Sie viel erlebt haben!"

"Die" Älteren sind keine einheitliche Gruppe, das wurde auf der Tagung deutlich. "Im Alter sind die Unterschiede zwischen den Menschen besonders groß", sagte Radebold. Einige Menschen brauchen auch im Alter einen Psychotherapeuten, zu dem sie in einem gewissen zeitlichen Abstand wiederkommen können; viele sind gleichzeitig auf Psychopharmaka angewiesen.

Alle werden nach und nach von körperlichen Einschränkungen und von der Trauer um geliebte Menschen betroffen sein. "Doch das Alter beinhaltet nicht nur Verluste, das zeigt die Forschung", versicherte Maercker. Als psychologischer Gewinn erweise sich vor allem die Lebenserfahrung. Sie hilft beim Bewältigen von Krisen und bei der Kompensation von Einbußen. Und sie ist es wohl auch, die dafür sorgt, dass Ältere das eigene Wohlbefinden nachweislich besser regulieren können.

Erschienen im Tagesspiegel