H1N1-GrippeStudie zählt weit mehr Todesfälle durch Schweinegrippe

Das A/H1N1-Virus könnte mehr Opfer gefordert haben, als von der WHO erfasst. Neuste Berechnungen amerikanischer Forscher gehen von rund einer halben Million aus.

Die 2009 in Mexiko ausgebrochene Grippe von Typ A/H1N1, die unter dem irreführenden Namen Schweinegrippe bekannt wurde, hat weltweit möglicherweise mehr als eine halbe Million Todesfälle verursacht. Das wären deutlich mehr als von der Weltgesundheitsorganisation WHO bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Gesundheitszentrums von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, die in dem Forschungsmagazin The Lancet Infectious Diseases veröffentlicht wurde. Die US-Forscher nehmen erstmals weltweite Schätzungen vor, unter Einbeziehung von Afrika und Asien.

Die WHO bezifferte die Todesfälle infolge einer Infektion mit dem A/H1N1-Virus bislang auf 18.500. Die US-Wissenschaftler kamen hingegen zu dem Schluss, dass weltweit zwischen 151.700 und 575.400 Menschen daran gestorben sein dürften. Die Angaben der WHO basierten ausschließlich auf Laboranalysen, erläutert Fatimah Dawood, die zu der Forschergruppe gehört. Dadurch seien Afrika und Teile Asiens, wo es nur wenig Angaben über Todesfälle durch Grippe-Erreger gebe, kaum berücksichtigt worden.

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Grundlage der Studie ist ein komplexes Rechenmodell, das Angaben aus zwölf Ländern mit niedrigen, mittleren und hohen Pro-Kopf-Einkommen einbezieht. Außerdem wurden drei Altersgruppen untersucht: Kinder und Jugendliche bis zu 17 Jahren, Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren und Menschen älter als 65.

Wie heißt die Grippe?

Schweinegrippe? Nordamerikanische Grippe? Mexikanische Grippe? Amerikanische Grippe? Unter Experten herrscht noch immer Uneinigkeit wie die Viruserkrankung durch den neuen Erreger vom Typ A/H1N1 denn nun korrekt bezeichnet werden soll.

Bundesregierung und EU-Kommission entschieden sich für die die Bezeichnung "novel flu" (Neue Grippe).

In der Öffentlichkeit hat sich der Begriff Schweinegrippe durchgesetzt. Der ist deshalb irreführend, weil er suggeriert, die Grippe befalle vornehmlich Schweine oder stamme von diesen.

Der Erreger vom Typ A/H1N1 (Subtyp A/California/7/2009) ist allerdings nicht in Tieren isoliert worden. Lediglich das Erbgut des Virus enthält genetisches Material von Erregern, die neben dem Menschen auch Schweine und Vögel befallen.

Richtiger ist im Vergleich der Begriff Vogelgrippe für Erreger, die hauptsächlich Vögel befallen. Allerdings können alle Grippeviren mutieren, um sich stärker an andere Wirte anzupassen und Artgrenzen zu überspringen. So kommt es selten zu einer Übertragung von Vogelgrippeviren auf Menschen, die dann jedoch lebensgefährlich erkranken. Zuletzt wurden erneut Fälle aus Indonesien und Ägypten bekannt, wo sich Menschen mit einem H5N1-Virus angesteckt hatten.

Pandemie 2009/2010

Im Frühjahr 2009 tauchte in Nordamerika der bis dahin unbekannte Grippeerreger A/H1N1 auf. Da die Bevölkerung keine Immunität gegen die neue Influenza-Variante besaß, konnte sich die Schweinegrippe schnell über Amerika bis in weite Teile der Welt ausbreiten.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte die globale Grippewelle zur Pandemie und ließ die nationalen Notfallpläne anlaufen. Die neue Grippe erwies sich als extrem ansteckend.

Da die Infrastruktur zur Erfassung von Grippefällen in vielen Ländern unzureichend ist, sind genaue Abschätzungen zur Zahl der Infektionen und zur Zahl der Toten schwierig. Nach Erhebungen aus dem Juni 2012 verlief die Erkrankung bei bis zu einer halben Million Menschen weltweit tödlich. Diese Zahl ist deutlich höher als die Einschätzung der WHO. Insgesamt erwies sich die Schweinegrippe aber als weniger gefährlich als von den Behörden zunächst befürchtet.

Ab Herbst 2009 stand ein wirksamer Impfstoff gegen den Erreger zur Verfügung, der allerdings in Deutschland kaum angenommen wurde.

Im Sommer 2010 ebbte die Pandemie ab. Im Winter 2009/2010 begann eine normale saisonale Grippewelle, in der A/H1N1 der vorherrschende Erreger war.

Im Gegensatz zu anderen Grippe-Erregern starben infolge einer Infektion mit dem A/H1N1-Virus vor allem Menschen unter 65 Jahren. Experten vermuten, dass viele Ältere im Laufe ihres Lebens bereits Kontakt mit eng verwandten Viren-Stämmen hatten und dadurch eine gewisse Immunität entwickelt hatten. Dadurch hatten sie einen gewissen Schutz, als der mutierte Virenstamm 2009 erstmals auftrat.

Jährlich sterben weltweit zwischen 250.000 und 500.000 Menschen an der vorherrschenden saisonalen Grippe. Da Grippeviren sich ständig weiterentwickeln, rasch mutieren und ihr Erbgut auf diese Weise ständig verändern, geht jedes Jahr ein anderer Stamm um. Entsprechend werden die Impfstoffe immer wieder angepasst. Nachdem sich die Schweinegrippe 2009 aus dem mexikanischen Raum weltweit ausgebreitet hatte, war sie zwischenzeitlich zum Haupterreger der Grippesaison geworden. Derzeit ist ein Erreger vom Typ A/H3N2 auf dem Vormarsch.

Die WHO war in die Kritik geraten, weil sie nach der rasanten Ausbreitung des neuen Erregers eine weltweite Pandemie ausgerufen hatte, woraufhin zahlreiche Länder, darunter Deutschland und Frankreich, große Summen für Massenimpfungen ausgegeben hatten. Kritiker mutmaßten, die WHO sei von der Pharma-Lobby beeinflusst worden, nachdem sich A/H1N1 zwar als hoch ansteckend, nicht aber als sehr aggressiv herausgestellt hatte. Wissenschaftler warnen hingegen weiterhin vor dem Mutationspotenzial von Grippeviren insgesamt.

 
Leserkommentare
  1. > Dadurch seien Afrika und Teile Asiens, wo es nur wenig Angaben über Todesfälle durch Grippe-Erreger gebe, kaum berücksichtigt worden.

    >Die WHO war in die Kritik geraten, weil sie nach der rasanten Ausbreitung des neuen Erregers eine weltweite Pandemie ausgerufen hatte, woraufhin zahlreiche Länder, darunter Deutschland und Frankreich, große Summen für Massenimpfungen ausgegeben hatten.

    Mit anderen Worten: Jetzt werden zusätzlich ermittelte Opfer aus Afrika und Asien derart in die globale Rechnung eingebracht, dass es bei oberflächlichem Lesen so aussieht, als ob die Warnungen für Europa irgendwie doch berechtigt gewesen werden, und die Kritiker der Angstkampagne doch noch ins Unrecht gesetzt werden.

    5 Leserempfehlungen
  2. Wir hatten dieses Jahr auch die "Schweinegrippe". Allerdings wird der konkrete Erreger ja nicht ermittelt, nur bei unserem 3 Monate alten Sohn wurde er nachgewiesen - er hat's locker überlebt und weniger Symptome gehabt, als wir Eltern.

    Fakt ist: So kleine Babys kann man nicht impfen und für gesunde Menschen stellte die Schweinegrippe keine größere Gefahr dar, als andere Erreger, entgegen den weitverbreiteten Warnungen.

    Was auch nicht erwähnt wurde: Im Erstimpstoff waren Adjuvanzien drin, die nicht hätten sein müssen und die bei der derzeitigen Impfung, die den Schweinegrippeerreger enthält auch nicht enthalten sind.

    Warum nicht gleich so?

    Eine Leserempfehlung
  3. Jährlich sterben bis zu 500.000 Menschen an der Grippe und selbst wenn die Forscher mit ihrer jetzigen Studie recht haben, dann war die "Schweinegrippe" nicht mortaler als jede andere Grippewelle auch.

    Es sollte nicht vergessen werden, dass erhebliche wirtschaftliche Anreize für eine Hysterie bestehen, genau so wenig wie die Tatsache das die Grippe zu den häufigsten Todesursachen überhaupt zählt.

    In der öffentlichen Wahrnehmung ist so einiges verrutscht.

    Fliegen gilt als gefährlich, obwohl die Fahrt zum Flughafen weit gefährlicher ist.

    Terroristen bedrohen unsere westlichen Gesellschaften und vor lauter Angst vor dieser Bedrohung werfen wir die Werte, auf denen wir sie aufgebaut haben, selber über Bord.

    Vielleicht sollten sich Medienmanager einmal überlegen ob es nicht eine kluge Strategie wäre, dass tägliche Rennen um die schlimmere Katastrophenschlagzeile nicht mehr mit zu machen und sich dafür wieder einem reflektierenden Journalismus zu zu wenden.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser,

    meinen Sie mit "Medienmanagern, die sich einmal überlegen (sollten), ob es nicht eine kluge Strategie wäre, dass tägliche Rennen um die schlimmere Katastrophenschlagzeile nicht mehr mit zu machen und sich dafür wieder einem reflektierenden Journalismus zuzuwenden" uns?

    Hier in der Wissenschaftsredaktion von ZEIT ONLINE arbeiten nur Journalisten, keine Medienmanager. Es gibt hier kein Rennen nach Katastrophenmeldungen, sondern nur (und das ist viel) den täglichen sehr ernst gemeinten Anspruch, sachlich und wissenschaftlich fundiert über Themen, wie die Grippe zu berichten.

    Diesen Anspruch können Sie auch an der obigen Meldung deutlich erkennen. Der von Ihnen erwähnte Hinweis, dass die sogenannte Schweinegrippe nicht gefährlicher sei als andere Grippe-Erreger, steht im Text. Die Berechnungen der Forscher werden sehr klar eingeordnet. Es wird auch erklärt, dass H1N1 sich zwischenzeitlich zum saisonalen Haupterreger entwickelt hatte.

    Ihre Vergleiche mit den Risiken des Flugverkehrs und ähnlichen Dingen hinken, denn in der Meldung steht ja gar nicht, dass die Schweinegrippe so gefährlich sei.

    Herzliche Grüße.

    aufgefasst wurde.

    Nein ich dachte nicht an Ihren obigen Artikel als ich von den Medienmanagern sprach und ja die Artikel im Wissenschaftsressort heben sich nicht nur bei der Zeit angenehm von anderen Ressorts ab.

    Mir standen die unsäglichen Schlagzeilen zum Thema Schweinegrippe vor Augen und der Fakt das man mit dem Thema Gesundheit leicht Aufmerksamkeit bekommt.

    Nochmals sorry für die offensichtlich ungeschickte Formulierung und bitte bleiben sie weiterhin bei ihrer sachlichen Art der Bericht Erstattung.

    Redaktion

    Lieber Leser,

    meinen Sie mit "Medienmanagern, die sich einmal überlegen (sollten), ob es nicht eine kluge Strategie wäre, dass tägliche Rennen um die schlimmere Katastrophenschlagzeile nicht mehr mit zu machen und sich dafür wieder einem reflektierenden Journalismus zuzuwenden" uns?

    Hier in der Wissenschaftsredaktion von ZEIT ONLINE arbeiten nur Journalisten, keine Medienmanager. Es gibt hier kein Rennen nach Katastrophenmeldungen, sondern nur (und das ist viel) den täglichen sehr ernst gemeinten Anspruch, sachlich und wissenschaftlich fundiert über Themen, wie die Grippe zu berichten.

    Diesen Anspruch können Sie auch an der obigen Meldung deutlich erkennen. Der von Ihnen erwähnte Hinweis, dass die sogenannte Schweinegrippe nicht gefährlicher sei als andere Grippe-Erreger, steht im Text. Die Berechnungen der Forscher werden sehr klar eingeordnet. Es wird auch erklärt, dass H1N1 sich zwischenzeitlich zum saisonalen Haupterreger entwickelt hatte.

    Ihre Vergleiche mit den Risiken des Flugverkehrs und ähnlichen Dingen hinken, denn in der Meldung steht ja gar nicht, dass die Schweinegrippe so gefährlich sei.

    Herzliche Grüße.

    aufgefasst wurde.

    Nein ich dachte nicht an Ihren obigen Artikel als ich von den Medienmanagern sprach und ja die Artikel im Wissenschaftsressort heben sich nicht nur bei der Zeit angenehm von anderen Ressorts ab.

    Mir standen die unsäglichen Schlagzeilen zum Thema Schweinegrippe vor Augen und der Fakt das man mit dem Thema Gesundheit leicht Aufmerksamkeit bekommt.

    Nochmals sorry für die offensichtlich ungeschickte Formulierung und bitte bleiben sie weiterhin bei ihrer sachlichen Art der Bericht Erstattung.

    • FranL.
    • 26.06.2012 um 18:44 Uhr

    Warum hört/ sieht/ liest man in westlichen Medien so gut wie nie etwas über Malaria? Diese Krankheit ist bei weitem gefährlicher als die sogenannte "Schweinegrippe", daran starben und sterben weitaus mehr Menschen, es gibt noch immer keine wirksamen Impfungen dagegen. Aber die Malaria fordert die meisten Opfer in der sogenannten Dritten Welt. Nur wenn eine Krankheit Europäer und Amerikaner, also jene die sich teure Medikamente leisten können, zu bedrohen scheint, wird das Katastrophenszenario ausgerufen und die Pharmaunternehmen stellen freundlicherweise gleich die passenden Impfstoffe und Medikamente zur Verfügung.

    Eine Leserempfehlung
  4. Nun sind 500.000 natuerlich weit mehr als 18.500. Aber auch mit 500.000 Toten weltweit war die A/H1N1 wohl nicht die von Vielen erwartete Pandemie.

    Aber mit 18.500 nur Toten waere die A/H1N1 ja wesentlich weniger gefaehrlich gewesen als eine normale saisonale Grippe. Das konnte man wohl kaum fuer wsl. halten.

    Eigentlich sagen die Zahlen doch wohl nur, dass die A/H1N1 weltweit betrachtet wohl eine ziemlich normale Grippesaison gebracht hat.

    Eine Leserempfehlung
  5. ............das ich nicht lache. Aber klar, die nächste Grippe-Saison kommt bestimmt und die Pharmakonzerne wollen noch einmal gut verdienen. Sogar die WHO musste seinerzeit zugeben, dass die ganze Euphorie um eine mögliche Pandemie absoluter Quatsch und einzig und allein von den Pharmakonzernen ins Leben gerufen war um Ängste zu schüren und damit viel Geld zu verdienen. Da kann man nur sagen Pfui!!!

  6. ... will wieder jemand den Impfstoff-Absatz ankurbeln.

    Wir kennen das in Deutschland von der Ständigen Impfkommission des Robert Koch Instituts. Da hieß es auch: In Deutschland jeden Winter geschätzt 30.000 Grippe-Tode.

    Bis dann anlässlich der Schweinegrippe tatsächlich mal korrekt gezählt wurde, da waren's plötzlich nur noch 300.

    Haltet die Agenten der Pharmaindustrie aus den Kommissionen raus, dann sinken die Todesopferzahlen schneller, als es je eine Impfung bewirken konnte.

  7. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Sicherheit Leute Annahmen treffen, ohne über belastbare Daten zu verfügen, deren Auswertung eine langjährige Ausbildung benötigt. Es wurde doch ganz deutlich gesagt, dass das Gefahrenpotential der "Schweinegrippe" in der ausgeprägten Mutationsfähigkeit liegt. Die saisonale Grippe hingegen bewegt sich in relativ bekannten Parametern. Der Vergleich ist daher absoluter Unfung. wie gefährlich eine besimmte Variante ist und welchen Wirkmechanismen sie unterliegt, können sie doch garnicht beurteilen. Es ist weitaus besser der Pandemie so gut es geht Einhalt zu gebieten, als das Risiko einzugehen, eine hoch ansteckende mutierte Variante ohne Eindämmung vorzufinden. Übrigens gehen jedes Jahr Zehntausende Grippetote auf das Konto jener, die sich nicht impfen wollen und damit mutwillig bei einer Infektion andere anstecken. Es gibt einfach bestimmte Personengruppen für die eine Grippeinfektion tödlich ist. Daraus aber abzuleiten, die Grippe sei harmlos, ist ein Affront für den gesunden Menschenverstand.

    3 Leserempfehlungen

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