Die Sorge war groß, dass Terroristen mit dem Wissen aus einem Hochsicherheitslabor Influenza-Viren zur tödlichen Biowaffe machen könnten. Nach acht Monaten scheint die Debatte um Biosicherheit und Forschungsfreiheit nun entschieden: Die Arbeit der Grippeforscher um Ron Fouchier und Sander Herfst von der Erasmus-Universität in Rotterdam ist mit einem leicht abgespeckten Methodenteil nun veröffentlicht . Zuvor hatten sich darüber das Beratergremium der US-Regierung für Biosicherheit (NSABB), die Chefredakteuren der Magazine Science und Nature , die Weltgesundheitsorganisation WHO und viele Wissenschaftler weltweit gestritten.

Was ist das Gefährliche an dem Experiment der Grippeforscher?

Die Forscher haben in einem Tierversuch an Frettchen ein Grippevirus entstehen lassen, das sich via Tröpfcheninfektion unter Säugetieren überträgt und sehr aggressiv ist. Spezialisierte sich ein solcher Erreger auf Menschen, hätte er das Potenzial – ähnlich wie die Spanische Grippe um das Jahr 1918 – Millionen zu töten. Derzeit sind nur Grippeviren im Umlauf, die für den Menschen entweder hochansteckend aber zu verkraften sind (etwa die irrtümlich als Schweinegrippe bekannt gewordene Influenza A/H1N1) oder solche, die extrem aggressiv, aber nur schwer auf den Menschen übertragbar sind (zum Beispiel die auf Vögel spezialisierte Influenza A/H5N1).

Kann ein Supervirus nur im Labor hergestellt werden?

Nein. Hochansteckende und aggressive Influenza-Erreger können jederzeit auf natürliche Weise entstehen. Vor und während der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 (die sich daraufhin zu einer neuen saisonalen Grippe entwickelte) haben Virologen genau davor gewarnt. Viren sind extrem wandlungsfähig, sie mutieren und tauschen dabei Erbgut aus. Auf diese Weise können sie neue Fähigkeiten erwerben und Artgrenzen überwinden. Um dieses Gefahrenpotenzial genauer zu ergründen, haben Fouchier und seine Kollegen die Experimente an Frettchen gemacht. Die Überraschung dabei: Nur fünf Mutationen reichten im Tierversuch aus, damit aus einem kaum ansteckenden A/H5N1-Erreger ein tödliches Supervirus wurde. Zwar heißt das nicht, dass mit nur fünf Mutationen aus der Vogelgrippe ein Humangrippe-Virus mit Killer-Qualitäten wird – aber das Prinzip wird klar.

Was hat die Arbeitsgruppe genau gemacht?

Unter höchsten Sicherheitsbedingungen veränderten die Forscher das Erbgut eines bestimmten Vogelgrippe-Erregers. Sie pflanzten ihm gezielt drei Mutationen aus anderen Viren ein, die es befähigen sollten, sich auch innerhalb von Säugetieren zu vermehren. Als die Virologen damit Frettchen infizierten, wurden die Tiere schwer krank. Anstecken konnten sie sich untereinander zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In einem nächsten Schritt simulierten die Wissenschaftler den natürlichen Evolutionsprozess, den Viren durchlaufen: Sie steckten gesunde Frettchen an und warteten ab, bis sich die Erreger vermehrten. Dann isolierten sie die Erreger wieder und steckten mit der weiter entwickelten Variante noch gesunde Versuchstiere an. Nach zehn Durchläufen hatte sich der H5N1-Stamm genetisch so verändert, dass er über die Luft von Tier zu Tier übertragbar war. Ron Fouchier betonte im Laufe der Debatte um seine Arbeit, dass der Erreger nicht tödlich gewesen sei. Keines der Frettchen sei durch die Infektion gestorben.

Sind die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar?

Darüber streitet die Wissenschaft. Frettchen sind jedenfalls typische Modellorganismen in der Virologie, weil ihr Immunsystem ähnlich auf Erreger reagiert wie das des Menschen. "Frettchen sind aber keine Menschen", sagte Peter Palese, ein Influenza-Experte am Mount Sinai Medical Center in New York City, dem New Scientist . "A/H5N1 kursierte lange und mutierte währenddessen nicht in eine Form, in der es von Mensch zu Mensch übertragbar gewesen wäre." Einige Forscher verweisen im Science Insider darauf, dass das Vogelgrippevirus H5N1 unter Menschen keine Pandemie auslösen kann, weil es sich in einem menschlichen Wirt nicht reproduzieren kann. Andere halten eine Anpassung an den Menschen über einen Zwischenwirt – etwa das Schwein – für denkbar.