GrippeforschungWie gefährlich ist das Supervirus?

Wie rasch ein Erreger zum tödlichen Virus mutieren kann, zeigt Ron Fouchiers Grippestudie. ZEIT ONLINE erklärt, was die Daten so brisant macht und was Kritiker fürchten. von  und

Die Sorge war groß, dass Terroristen mit dem Wissen aus einem Hochsicherheitslabor Influenza-Viren zur tödlichen Biowaffe machen könnten. Nach acht Monaten scheint die Debatte um Biosicherheit und Forschungsfreiheit nun entschieden: Die Arbeit der Grippeforscher um Ron Fouchier und Sander Herfst von der Erasmus-Universität in Rotterdam ist mit einem leicht abgespeckten Methodenteil nun veröffentlicht . Zuvor hatten sich darüber das Beratergremium der US-Regierung für Biosicherheit (NSABB), die Chefredakteuren der Magazine Science und Nature , die Weltgesundheitsorganisation WHO und viele Wissenschaftler weltweit gestritten.

Was ist das Gefährliche an dem Experiment der Grippeforscher?

Die Forscher haben in einem Tierversuch an Frettchen ein Grippevirus entstehen lassen, das sich via Tröpfcheninfektion unter Säugetieren überträgt und sehr aggressiv ist. Spezialisierte sich ein solcher Erreger auf Menschen, hätte er das Potenzial – ähnlich wie die Spanische Grippe um das Jahr 1918 – Millionen zu töten. Derzeit sind nur Grippeviren im Umlauf, die für den Menschen entweder hochansteckend aber zu verkraften sind (etwa die irrtümlich als Schweinegrippe bekannt gewordene Influenza A/H1N1) oder solche, die extrem aggressiv, aber nur schwer auf den Menschen übertragbar sind (zum Beispiel die auf Vögel spezialisierte Influenza A/H5N1).

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Wie heißt die Grippe?

Schweinegrippe? Nordamerikanische Grippe? Mexikanische Grippe? Amerikanische Grippe? Unter Experten herrscht noch immer Uneinigkeit wie die Viruserkrankung durch den neuen Erreger vom Typ A/H1N1 denn nun korrekt bezeichnet werden soll.

Bundesregierung und EU-Kommission entschieden sich für die die Bezeichnung "novel flu" (Neue Grippe).

In der Öffentlichkeit hat sich der Begriff Schweinegrippe durchgesetzt. Der ist deshalb irreführend, weil er suggeriert, die Grippe befalle vornehmlich Schweine oder stamme von diesen.

Der Erreger vom Typ A/H1N1 (Subtyp A/California/7/2009) ist allerdings nicht in Tieren isoliert worden. Lediglich das Erbgut des Virus enthält genetisches Material von Erregern, die neben dem Menschen auch Schweine und Vögel befallen.

Richtiger ist im Vergleich der Begriff Vogelgrippe für Erreger, die hauptsächlich Vögel befallen. Allerdings können alle Grippeviren mutieren, um sich stärker an andere Wirte anzupassen und Artgrenzen zu überspringen. So kommt es selten zu einer Übertragung von Vogelgrippeviren auf Menschen, die dann jedoch lebensgefährlich erkranken. Zuletzt wurden erneut Fälle aus Indonesien und Ägypten bekannt, wo sich Menschen mit einem H5N1-Virus angesteckt hatten.

Pandemie 2009/2010

Im Frühjahr 2009 tauchte in Nordamerika der bis dahin unbekannte Grippeerreger A/H1N1 auf. Da die Bevölkerung keine Immunität gegen die neue Influenza-Variante besaß, konnte sich die Schweinegrippe schnell über Amerika bis in weite Teile der Welt ausbreiten.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte die globale Grippewelle zur Pandemie und ließ die nationalen Notfallpläne anlaufen. Die neue Grippe erwies sich als extrem ansteckend.

Da die Infrastruktur zur Erfassung von Grippefällen in vielen Ländern unzureichend ist, sind genaue Abschätzungen zur Zahl der Infektionen und zur Zahl der Toten schwierig. Nach Erhebungen aus dem Juni 2012 verlief die Erkrankung bei bis zu einer halben Million Menschen weltweit tödlich. Diese Zahl ist deutlich höher als die Einschätzung der WHO. Insgesamt erwies sich die Schweinegrippe aber als weniger gefährlich als von den Behörden zunächst befürchtet.

Ab Herbst 2009 stand ein wirksamer Impfstoff gegen den Erreger zur Verfügung, der allerdings in Deutschland kaum angenommen wurde.

Im Sommer 2010 ebbte die Pandemie ab. Im Winter 2009/2010 begann eine normale saisonale Grippewelle, in der A/H1N1 der vorherrschende Erreger war.

Kann ein Supervirus nur im Labor hergestellt werden?

Nein. Hochansteckende und aggressive Influenza-Erreger können jederzeit auf natürliche Weise entstehen. Vor und während der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 (die sich daraufhin zu einer neuen saisonalen Grippe entwickelte) haben Virologen genau davor gewarnt. Viren sind extrem wandlungsfähig, sie mutieren und tauschen dabei Erbgut aus. Auf diese Weise können sie neue Fähigkeiten erwerben und Artgrenzen überwinden. Um dieses Gefahrenpotenzial genauer zu ergründen, haben Fouchier und seine Kollegen die Experimente an Frettchen gemacht. Die Überraschung dabei: Nur fünf Mutationen reichten im Tierversuch aus, damit aus einem kaum ansteckenden A/H5N1-Erreger ein tödliches Supervirus wurde. Zwar heißt das nicht, dass mit nur fünf Mutationen aus der Vogelgrippe ein Humangrippe-Virus mit Killer-Qualitäten wird – aber das Prinzip wird klar.

Was hat die Arbeitsgruppe genau gemacht?

Ron Fouchier
Ron Fouchier

Der Mikrobiologe von der Erasmus-Universität Rotterdam wurde durch seine Arbeit zum Supervirus – genau genommen durch deren Geheimhaltung – weltberühmt. Er erforscht, durch welche Mutationen Grippeviren aggressiver oder ansteckender werden und wie sie sich neuen Wirten anpassen.

Unter höchsten Sicherheitsbedingungen veränderten die Forscher das Erbgut eines bestimmten Vogelgrippe-Erregers. Sie pflanzten ihm gezielt drei Mutationen aus anderen Viren ein, die es befähigen sollten, sich auch innerhalb von Säugetieren zu vermehren. Als die Virologen damit Frettchen infizierten, wurden die Tiere schwer krank. Anstecken konnten sie sich untereinander zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In einem nächsten Schritt simulierten die Wissenschaftler den natürlichen Evolutionsprozess, den Viren durchlaufen: Sie steckten gesunde Frettchen an und warteten ab, bis sich die Erreger vermehrten. Dann isolierten sie die Erreger wieder und steckten mit der weiter entwickelten Variante noch gesunde Versuchstiere an. Nach zehn Durchläufen hatte sich der H5N1-Stamm genetisch so verändert, dass er über die Luft von Tier zu Tier übertragbar war. Ron Fouchier betonte im Laufe der Debatte um seine Arbeit, dass der Erreger nicht tödlich gewesen sei. Keines der Frettchen sei durch die Infektion gestorben.

Sind die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar?

Darüber streitet die Wissenschaft. Frettchen sind jedenfalls typische Modellorganismen in der Virologie, weil ihr Immunsystem ähnlich auf Erreger reagiert wie das des Menschen. "Frettchen sind aber keine Menschen", sagte Peter Palese, ein Influenza-Experte am Mount Sinai Medical Center in New York City, dem New Scientist . "A/H5N1 kursierte lange und mutierte währenddessen nicht in eine Form, in der es von Mensch zu Mensch übertragbar gewesen wäre." Einige Forscher verweisen im Science Insider darauf, dass das Vogelgrippevirus H5N1 unter Menschen keine Pandemie auslösen kann, weil es sich in einem menschlichen Wirt nicht reproduzieren kann. Andere halten eine Anpassung an den Menschen über einen Zwischenwirt – etwa das Schwein – für denkbar.

Leserkommentare
  1. Es ist wieder Zeit, Angst zu schüren und mit der Angst Geschäfte zu machen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Vielleicht sollte man sich die Ergebnisse mal durchlesen.
    "... via Tröpfcheninfektion unter Säugetieren überträgt und sehr aggressiv ist. Spezialisierte sich ein solcher Erreger auf Menschen, hätte er das Potenzial – ähnlich wie die Spanische Grippe um das Jahr 1918 – Millionen zu töten"

    Das stimmt so nicht! Durch die Mutationen ist eine Tröpfeninfektion möglich geworden, ja. Aggressiv oder tötlich war der Virus allerdings nicht mehr! Zu Beginn sind die Frettchen noch gestorben, als die Tröpfcheninfektion "einsetze" starb kein einziges mehr daran.

    Und neue Erkenntnisse brachte der Test auch nicht. Natürlich mutieren Viren. So überleben sie. Das war schon immer so und natürlich können die sich auch so verändern, dass sie gefährlicher werden. Das der Test aber so aufgebauscht wird, dass wir plötzlich alle mit den Tod bedroht sind ist vollkommener Unsinn.

    Wer war eigentlich der Geldgeber der Untersuchungen? Vielleicht ein spezieller Industriezweig?

    3 Leserempfehlungen
  3. Im Artikel heißt es zunächst "Nur fünf Mutationen reichten im Tierversuch aus, damit aus einem kaum ansteckenden A/H5N1-Erreger ein tödliches Supervirus wurde." Weiter unten allerdings "Ron Fouchier betonte im Laufe der Debatte um seine Arbeit, dass der Erreger nicht tödlich gewesen sei. Keines der Frettchen sei durch die Infektion gestorben."

    War das Virus also nicht tödlich oder war es nach der 10. Mutation, als sich andere Tiere gegenseitig anstecken konnten, nicht mehr tödlich? Wieso dann also Supervirus und was sollte uns daran mehr beunruhigen als eine normale Grippewelle?

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    • gquell
    • 22. Juni 2012 14:32 Uhr

    Es gibt sehr viel Erfahrungen mit Grippeimpfstoffen. Wenn also ein "Supervirus" festgestellt wird, dann müssen eben Zwangsimpfungen für die Bevölkerungen her. Für die Pharmaindustrie ein wunderbar einträgliches Geschäft und die Politiker beweisen Handlungsaktionismus. Wenn ich solche Nachrichten lese, habe ich grundsätzlich die Frage: "Und wer profitiert davon?".

    Denn eine Zwangsimpfung muß sein, denn sonst ist die Bevölkerung wieder so intelligent und verweigert vielleicht erst krankmachende Impfungen wie bei der Schweinegrippe 2009.

    In einer Welt wie der unsrigen mit ihrer Sauberkeit, warmen Wohnungen und genügend Nahrung ist der Ausbruch einer tödlichen Epedemie/Pandemie sehr unwahrscheinlich. Erst wenn unsere Immunsysteme geschwächt sind, wäre eine Epedemie möglich.

    Eine Leserempfehlung
  4. Dieser Artikel enthält genau wie
    „Die Natur ist gefährlicher als der Terror“ vom 21.06.12
    Spekulationen und falsche Darstellungen.

    1) "Forscher haben ... ein Grippevirus entstehen lassen... (mit dem) ...Potenzial ... wie die Spanische Grippe um das Jahr 1918 ... Millionen zu töten"

    Wiederholt reine Spekulation!

    Denn, was war 1918?

    Kam denn da ein Virus-Ungeheuer aus dem Hinterhalt und hat gut versorgte Menschen gemeuchelt?
    Oder war es nicht eher so, dass seit Jahren Krieg herrschte, die Menschen mit Vitaminen und Nahrung unterversorgt waren, unter Ängsten und Auszehrung litten?

    Das gleiche Virus, dem Mio Tote von 1918 zugeschrieben wurden, erwies sich in jüngster Vergangenheit als vergleichsweise harmlos.

    Also – ist es das (Super)Virus oder eher das Immunsystem?

    2) „... dass der Erreger nicht tödlich gewesen sei. Keines der Frettchen sei durch die Infektion gestorben.“

    Wieso schreiben dann die Autoren gleich in der ersten Zeile:

    „Wie rasch ein Erreger zum tödlichen Virus mutieren kann, zeigt Ron Fouchiers Grippestudie“ ???

    3) „Derzeit sind nur Grippeviren im Umlauf,
    die für den Menschen ... zu verkraften sind (etwa ... A/H1N1) "

    Warum wohl ist A/H1N1 heute verkraftbar, aber war es nicht 1918?

    Was hat sich verändert?

    Solche Artikel wie dieser ändern nichts mehr an der zunehmenden Aufklärung darüber, dass die pharmaziegesteuerte Grippe-„Forschung“ völlig an der Ursache vorbei „forscht“.

    Harald Münzhardt
    Gesundheits- und Ernährungsberatung

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Diesen Lobbyisten geht es doch nicht um Forschung. Und schon gar nicht um die Gesundheit der Menschen. Es geht darum Ängste zu schüren. Leider permanent unterstützt von einer Medienlandschaft, die meint immer reißerische Berichte über vermeintlich wissenschaftliche Themen veröffentlichen zu müssen und von einer Politikerkaste, die meint beim Thema "Volksgesundheit" gut beraten zu sein Und vor lauter Aktionismus und Lobbyhörigkeit längst den Überblick verloren hat.
    Schade nur, dass so viele Menschen aus Bequemlichkeit dem Herdentrieb folgen und sich von diesem Unsinn beeinflussen lassen.

    • Aluni
    • 28. Juni 2012 1:06 Uhr

    or dual harm? Who has an interest in new threats?
    Oder auf deutsch, wem nutzt eigentlich diese ganze genetische Mixerei? Und sind die Forschungs-Labore sichere Orte dafür?

  5. Diesen Lobbyisten geht es doch nicht um Forschung. Und schon gar nicht um die Gesundheit der Menschen. Es geht darum Ängste zu schüren. Leider permanent unterstützt von einer Medienlandschaft, die meint immer reißerische Berichte über vermeintlich wissenschaftliche Themen veröffentlichen zu müssen und von einer Politikerkaste, die meint beim Thema "Volksgesundheit" gut beraten zu sein Und vor lauter Aktionismus und Lobbyhörigkeit längst den Überblick verloren hat.
    Schade nur, dass so viele Menschen aus Bequemlichkeit dem Herdentrieb folgen und sich von diesem Unsinn beeinflussen lassen.

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  • Schlagworte Weltgesundheitsorganisation | Erbgut | Grippevirus | H5N1 | Pandemie | Säugetier
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