Ausbruch in Uganda"Ebola tötet zu schnell, um viele anzustecken"

Eine Impfung gäbe es längst, wenn Pharmafirmen daran verdienen würden, sagt der Virologe Stephan Günther. Doch dafür bricht das aggressive Ebola-Virus zu selten aus. von 

ZEIT ONLINE: Seit Anfang Juli haben sich im Distrikt Kibaale in Uganda mindestens 20 Menschen mit Ebola infiziert. Das örtliche Virenforschungsinstitut UVRI und die US-Seuchenbehörde CDC  melden bislang 14 Todesfälle. Eine Krankenschwester wurde in der Hauptstadt Kampala behandelt, einer Großstadt mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern. Wie gefährlich ist die Lage?

Stephan Günther: Wenn die Erkrankten schnell isoliert werden, bin ich zuversichtlich, dass man die Epidemie in den Griff bekommt. Zu Ebola-Ausbrüchen kommt es in Afrika immer wieder. Die bisher schwerste Ebola-Welle gab es im Jahr 2000 – ebenfalls in Uganda. Damals kamen in der Stadt Gulu 425 Menschen in Krankenhäuser. 224 starben. In Gulu lebten damals aber nur knapp 150.000 Menschen. Dass der Erreger jetzt mit Kampala eine Metropole erreicht hat, ist schon eine neue Dimension.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Das Ebola-Virus gilt als eines der gefährlichsten der Welt. Bis zu 90 Prozent der Erkrankten sterben, je nachdem mit welcher Virus-Variante sie sich angesteckt haben. Kann man da wirklich zuversichtlich sein?

Stephan Günther
Stephan Günther

Der Mediziner leitet die Abteilung für Virologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Zusammen mit Christian Drosten entdeckte er 2003 den Sars-Erreger und wurde dafür mit dem Werner-Otto-Preis und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Heute forscht der Virologie-Professor an Marburg- und Lassa-Viren.

Günther: Die Angaben zur Sterblichkeit reichen von 37 Prozent bei der Ebola-Bundibugyo-Variante bis zu 90 Prozent beim Ebola-Zaire-Virus. Die durchschnittliche Sterblichkeit beim Subtyp Sudan , mit dem wir es derzeit zu tun haben, liegt bei 50 Prozent. Eines muss man aber wissen: Infizierte, die nicht zum Arzt gehen, werden statistisch nicht erfasst. Heute weiß man, dass es durchaus Menschen gibt, die Antikörper gegen Ebola bilden und nicht schwer erkranken. Die Sterblichkeitsrate unter allen Infizierten dürfte also etwas geringer sein als nur unter Krankenhauspatienten, die schon mit Symptomen eingeliefert werden.

ZEIT ONLINE:  Heißt das, es gibt derzeit Infizierte in Uganda, die nicht wissen, dass sie Ebola haben, und die Seuche verbreiten? Vielleicht sogar in der Großstadt Kampala?

Günther: Das ist sehr unwahrscheinlich. Am infektiösesten sind Menschen, bei denen das hämorrhagische Fieber mit Durchfall, Erbrechen und Blutungen schon eingesetzt hat. Denn an diesen Ausscheidungen stecken sich Verwandte, Ärzte und Krankenschwestern bei der Krankenpflege an. Das passiert vor allem in schlecht ausgerüsteten Kliniken, wo es an Handschuhen, Mundschutz und sauberer Bettwäsche fehlt. Infizierte, die keine oder kaum Symptome zeigen, sind auch weniger ansteckend.

ZEIT ONLINE:  Lässt sich leicht prüfen, ob jemand Ebola hat?

Günther: Die frühen Symptome können mit Malaria, Dengue-Fieber oder anderen Tropenerkrankungen verwechselt werden. Da sich Ebola-Viren im Körper aber wahnsinnig schnell vermehren, verschlechtert sich der Zustand der Patienten meist rasant. Dann sollte man an Ebola denken. Es klingt paradox, aber für die Seuchenbekämpfung ist es sogar vorteilhaft, dass die Erkrankung meist sehr schwer verläuft. So können Ebola-Fälle schnell erkannt und die Patienten isoliert werden, was die Seuche effizient eindämmt.

ZEIT ONLINE: Was macht den Ebola-Erreger so aggressiv?

Günther: Filoviren – also Ebola und das Marburg-Virus – können fast alle Arten von Gewebezellen befallen. Sie bleiben also nicht wie ein Herpes an der Lippe oder ein Schnupfen in der Nase, sondern lösen eine Infektion im gesamten Körpers aus. Das Perfide: Sie entern auch Immunzellen und unterdrücken so die körpereigene Abwehr. Ab diesem Zeitpunkt vermehren sich die Viren im Körper exponentiell.

ZEIT ONLINE: Woran sterben die Patienten?

Günther: Viele denken, dass die Ebola-Kranken verbluten, doch genau genommen passiert das Gegenteil. Die Blutungen in den Gefäßen sind das Ergebnis einer Kettenreaktion: Infizierte Fresszellen (Makrophagen) der Immunabwehr setzen Botenstoffe in hoher Konzentration frei. Dadurch verklumpt das Blut und die winzigen Gefäße verstopfen, sodass Organe und Gehirn nicht mehr genug Sauerstoff bekommen. Am Ende versagen die Organe, was zum Tod führt.

ZEIT ONLINE: Und wieso bluten die Patienten dann trotzdem?

Günther: Bei den ausgelösten Gerinnungsprozessen werden die Gerinnungsfaktoren verbraucht – so kann es zusätzlich zu Blutungen kommen. Die Botenstoffe und auch die Viren selbst greifen auch die Wände der kleinen Blutgefäße an, die dadurch durchlässig für Blut oder Flüssigkeit werden. Wenn beispielsweise im Gehirn die Flüssigkeit aus den Gefäßen austritt, erhöht sich der Druck im Gehirn, woran Patienten ebenfalls sterben können. Paradoxerweise haben Studien an Affen sogar gezeigt, dass Medikamente, die die Gerinnung hemmen und damit eigentlich Blutungen fördern können, die Sterblichkeit nach einer Ebola-Infektion verringern könnten. Das Mittel kam aber nie auf den Markt.

Leserkommentare
  1. zum Pentagon glaubhaft versichern, gibt es diesen Impfstoff bereits

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • brazzy
    • 02. August 2012 16:43 Uhr

    ist Ebola sehr selten und breitet sich nie besonders weit aus.

    Mit dem gleichen Geld, das man bräuchte um in Afrika die ganze Bevölkerung gegen Ebola zu impfen könnte man ein vielfaches an Menschenleben retten wenn man es in die HIV- oder Malariaprävention steckt.

    • Elite7
    • 17. September 2012 13:38 Uhr

    dass er gut oder besonders nützlich ist. Sie müssen das ja in einem gewissen Verhältnis sehen: Ist es nützlich Tonnen des Impfstoffes zu produzieren für Milliarden, wenn kaum Menschen an dem Virus erkranken? Dagegen von dem Grippeimpfstoff werden jedes Jahr Tonnen entsorgt, weil die Leute es nicht für nötig halten sich impfen zu lassen! Und die tötet auch in Deutschland jedes Jahr tausende.

    • brazzy
    • 02. August 2012 16:43 Uhr

    ist Ebola sehr selten und breitet sich nie besonders weit aus.

    Mit dem gleichen Geld, das man bräuchte um in Afrika die ganze Bevölkerung gegen Ebola zu impfen könnte man ein vielfaches an Menschenleben retten wenn man es in die HIV- oder Malariaprävention steckt.

    7 Leserempfehlungen
    • rsi99
    • 02. August 2012 18:00 Uhr

    "Eine Impfung gäbe es längst, wenn Pharmafirmen daran verdienen würden" ... das sagt doch sicherlich einer, der Gehalt bekommt und dies auch erwartet. Und da fast alle so sind wie er, müssen Pharmafirmen Geld verdienen, um die Leute mit dem Thema beschäftigen zu können.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meines Wissens verdienen sie zumindest soviel, dass es einmal in der Woche für Fleisch in der Suppe reicht.

    Natuerlich, medizinische Versorgung kostet Geld, aber ob die derzeitige Form des Marktes eine effiziente Versogung sicherstellt darf bezweifelt werden. Nehmen wir an, jemand in einem dieser Pharmaunternehmen oder selbst in einer Uniklinik ein Mittel kreiert wuerde, dass bspw. Dialysebehandlungen ueberfluessig macht, glauben Sie ernsthaft dieses Medikament kaeme jemals auf den Markt, auf dem Mrd mit dem Leid von Nierenkranken verdient werden? Und genau deshalb ist die Aerzteschaft auch gegen eine Widerspruchsloesung bei Organspenden, zuviele Organe machen den Markt kaputt. Wer sollte also ausser den Patientenein Interesse an der Einfuehrung eines solchen Medikamentes haben? Das gleiche Argument gilt immer, wenn ein billigeres ein teureres Arzneimittel ersetzen koennte. Wer sollte solch ein Medikament entwickeln und genau deshalb fuehrt der technische Fortschritt nict etwa zu geringeren Kosten wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen sondern zu hoeheren Kosten. Was glauben Sie macht es so attraktiv fuer Pharmaunternehmen mehr Geld in Werbung zu investieren als in Forschung?

  2. Meines Wissens verdienen sie zumindest soviel, dass es einmal in der Woche für Fleisch in der Suppe reicht.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Typisch"
    • DerDude
    • 02. August 2012 19:03 Uhr

    sind in der Regel die Kosten für die klinischen Studien.

    'Orphan drugs' (das sind Medikamente gegen seltene Krankheiten, die bisher nicht therapierbar sind) durchlaufen zwar bereits heute ein vereinfachtes und damit schnelleres und billigeres Zulassungsverfahren, aber man muss sich die Frage stellen, ob nicht die von staatlicher Seite aufgebauten Hürden in Einzelfällen wie diesem immer noch zu hoch sind. Bei einer Sterblichkeit von bis zu 90% dürfte die Frage nach Nebenwirkungen wohl eher nachrangig sein.

    Außerdem ist es, nebenbei bemerkt, ein sehr weit verbreitetes Missverständnis unter Wissenschaftlern zu glauben, sie täten der Menschheit etwas gutes, wenn sie auf die Patentierung von Ansätzen, die in medizinische Therapien münden könnten, verzichten. Nachdem die Ergebnisse nämlich einmal publiziert sind, ist in Deutschland beispielsweise keine Patentierung mehr möglich (in den USA ist das etwas anders), und ein eigentlich erfolgversprechender Ansatz damit für die Pharmaindustrie verbrannt.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bei einem Impfstoff. Gerade in so einem Falle: Es müssten Massen von Menschen durchgeimpft werden, deren Erkrankungswahrscheinlichkeit auch ohne Impfung sehr gering ist. Wenn Sie da einen Impfstoff einsetzen, der auch nur gelegentlich zu Komplikationen führt, handeln Sie wie der Jäger, der sich den schmerzenden Zahn rausschiesst.

  3. ...überall und vor allem auch von der US-Gesundheitsbehörde CDC besonders beachtet.

    Das mag mit einer amerikanischen Angst vor Krankheitserregern und einer globalen Seuche zu tun haben, vielleicht aber auch mit militärischen Interessen.

    Wenn jedenfalls angeblich kein Impfstoff entwickelt wird, weil er keinen Gewinn verspreche, dann ist das wirtschaftlich nachvollziehbar.

    Übern GANZ dicken Daumen kostet sowas 100Mio (der Dicke des Daumens wegen egal ob $ oder €) und die müssen erstmal wieder zurück in die Kasse, bevor die Investitionen zu Verlusten werden und das Verdienen anfängt.

    Einen Ausweg böte nur eine alternative Finanzierung von Pharmaforschung, die ja auch bei uns in Deutschland nicht unumstritten ist.

    Ganz staatlich? Vermutlich recht träge, wie die Alltagserfahrung in solchen Dingen zeigt.
    Zuschüsse? Auf Antrag? Wer entscheidet darüber? "Brüssel-Bürokraten" um ein wohlfeiles Feindbild zur plastischen Verdeutlichung zu verwenden?

    Es ist und bleibt schwierig!

  4. Jedes aus einer solchen Krankheit bedingt verlorene Menschenleben ist eine Tragödie, aber man kann es auch trotz moderner Medizin nicht verhindern..

    Genau so wie die Menschen Gegenmittel entwickeln, entwickeln auch Viren und Bakterien immer neue Wege, sich zu verbreiten.

    Wurden nicht schon Ende des vorletzten Jahrhunderts bestimmte Krankheiten dank moderner Medizin als ausgerottet erklärt? Zum Beispiel die Pest, oder Lepra. Erst kürzlich hat man wieder Menschen gefunden, die an abgeänderten Formen dieser Krankheiten erkrankt waren. Genau so wie Grippe und Fieber.

    Viren und Bakterien bauen Resistenzen gegen die eingesetzte Medizin auf. Das beste Beispiel ist Antibiotika.

    Der Mensch wird auch in zweihundert Jahren über die gleiche Sache diskutieren wie wir jetzt. Und was kann man dagegen tun? Nichts!

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • brazzy
    • 07. August 2012 10:19 Uhr

    Pest und Lepra galten nie als ausgerottet. Sie denken vermutlich an die Pocken. Und die sind tatsächlich komplett verschwunden.

    Prinzipiell lassen sich nur solche Krankheiten ausrotten, die ausschließlich den Menschen befallen, denn (z.B. bei der Pest) auch noch alle Ratten der Welt impfen zu wollen ist in der Tat illusorisch.

    • brazzy
    • 07. August 2012 10:19 Uhr
    8. Falsch

    Pest und Lepra galten nie als ausgerottet. Sie denken vermutlich an die Pocken. Und die sind tatsächlich komplett verschwunden.

    Prinzipiell lassen sich nur solche Krankheiten ausrotten, die ausschließlich den Menschen befallen, denn (z.B. bei der Pest) auch noch alle Ratten der Welt impfen zu wollen ist in der Tat illusorisch.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Uganda | Affe | Ebola | Epidemie | Gehirn | Virus
Service