Die Diagnose ist ein Schock. Wer zwischen 20 und 40 Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, hat noch viele Pläne. Viele wünschen sich Kinder. Doch verträgt sich das mit der chronischen Krankheit , die oft in Schüben daherkommt, sich im Laufe der Jahre aber auch so verschlimmern kann, dass man einen Rollstuhl braucht? Noch vor wenigen Jahren war sich die Fachwelt einig: Lieber nicht!

Dabei gibt die Krankheit zeitweise klein bei, wenn eine MS-Patientin ein Kind erwartet. "Eine Schwangerschaft wirkt besser als die besten Medikamente", sagt die Neurologin Kerstin Hellwig vom St.-Joseph-Hospital der Universität Bochum . Dass die Schübe dann drastisch abnehmen, ist nicht nur Erfahrungswissen, es wurde Ende der 90er Jahre durch Studien belegt.

Und es bestätigt sich durch die Daten, die in Bochum gesammelt werden. Dort hat Hellwig eine weltweit einzigartige Datensammlung gestartet, das deutschsprachige MS- und Kinderwunschregister .

Daten zu Schwangerschaft und MS fehlen schon deshalb, weil Studien mit schwangeren oder möglicherweise schwangeren Frauen heikel sind. Dabei wäre es wichtig, über die Sicherheit von Medikamenten Bescheid zu wissen. Als Kerstin Hellwig im Jahr 2006 damit begann, ihr Register aufzubauen, hat sie zunächst rückblickende Daten gesammelt. Inzwischen werden die Frauen bereits zu Beginn der Schwangerschaft einbezogen und ihr Wohlergehen verfolgt. Ungefähr 150 sind es in jedem Jahr, aus ganz Deutschland.

Symptome verschwinden während einer Schwangerschaft

So soll zum Beispiel dokumentiert werden, ob die Medikamente, mit denen MS-Patienten einem Schub vorbeugen und die die Frauen oft jahrelang nehmen, dem Ungeborenen schaden. "Glücklicherweise können 98 Prozent der Frauen ihre Medikamente im Verlauf der Schwangerschaft absetzen", sagt Hellwig. Doch was ist mit den ersten Wochen, in denen manche Frau noch nicht weiß, dass sie ein Kind erwartet? Die MS-Spezialistin hat noch eine gute Nachricht: Die Medikamente, die in den allermeisten Fällen eingesetzt werden, schädigen das Ungeborene nicht.

"Das Kinderwunschthema ist heute auch für Frauen mit MS wichtig", sagt die Spezialistin. Viele ermutigt es, dass die Symptome der chronischen Krankheit während einer Schwangerschaft oft verschwinden – auch wenn in den ersten drei Monaten nach der Geburt die Schubrate deutlich steigt, um anschließend wieder das Niveau von vorher zu erreichen.

Warum das so ist, ist noch nicht genau bekannt. Dass es einen Zusammenhang mit den weiblichen Geschlechtshormonen gibt, ist aber so gut wie ausgemacht. Auch, dass kinderlose Frauen häufiger an MS erkranken. Die guten Erfahrungen der Schwangeren wiederum legen es nahe, den Östrogenpegel medikamentös dauerhaft auf das Schwangerschaftsniveau zu erhöhen. "Einige Studien, in denen das versucht wird, auch in Kombination mit den vorbeugenden Medikamenten, laufen derzeit", berichtet Hellwig.