KinderwunschMultiple Sklerose muss die Mutterschaft nicht vereiteln

Trotz MS Kinder bekommen? Viele erkrankte Frauen fürchten sich davor. Doch die Schwangerschaft kann Symptome lindern und Medikamente schaden dem Ungeborenen meist nicht. von 

Die Diagnose ist ein Schock. Wer zwischen 20 und 40 Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, hat noch viele Pläne. Viele wünschen sich Kinder. Doch verträgt sich das mit der chronischen Krankheit , die oft in Schüben daherkommt, sich im Laufe der Jahre aber auch so verschlimmern kann, dass man einen Rollstuhl braucht? Noch vor wenigen Jahren war sich die Fachwelt einig: Lieber nicht!

Dabei gibt die Krankheit zeitweise klein bei, wenn eine MS-Patientin ein Kind erwartet. "Eine Schwangerschaft wirkt besser als die besten Medikamente", sagt die Neurologin Kerstin Hellwig vom St.-Joseph-Hospital der Universität Bochum . Dass die Schübe dann drastisch abnehmen, ist nicht nur Erfahrungswissen, es wurde Ende der 90er Jahre durch Studien belegt.

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Und es bestätigt sich durch die Daten, die in Bochum gesammelt werden. Dort hat Hellwig eine weltweit einzigartige Datensammlung gestartet, das deutschsprachige MS- und Kinderwunschregister .

Ursachen der Krankheit

Die Ursachen für die multiple Sklerose (MS) sind noch nicht endgültig geklärt. Im Gehirn und im Rückenmark entstehen offenbar Entzündungsherde, die zu einem langsamen Abbau des Gewebes führen, das die Nerven umgibt und schützt, die Nervenscheiden. Je nachdem, welcher Nerv betroffen ist, kommt es zu Ausfällen und Problemen in den entsprechenden Körperteilen, häufig beginnen sie in den Beinen oder Armen.

Verlauf

Der Verlauf der multiplen Sklerose hängt von der Ausprägungder Krankheit ab. In manchen Fällen kommt es zu einer plötzlichen Verschlechterung bei Ausbruch der Erkrankung, anschließend nehmen die Beschwerden nur allmählich zu, man spricht dann vom sogenannten progredienten Verlauf. Andere Betroffene hingegen erleiden direkt nach dem ersten Schub weitere Anfälle.

Behandlung

In der Schulmedizin wird die MS mit Medikamenten behandelt, die das körpereigene Immunsystem beeinflussen. Es gilt als mitverantwortlich für den Abbau der Nervenscheiden. Bei akuten Schüben wird Kortison gegeben, das die Entzündungsreaktion abschwächt. Langfristig haben sich sogenannte Interferone bewährt, obwohl deren Wirkmechanismus noch ungeklärt ist. Grundsätzlich können alle Therapien das Fortschreiten der Erkrankung nur verlangsamen und nicht heilen.

Forschung

Die Forschung konzentriert sich darauf, das Voranschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Im Idealfall findet man Medikamente, die den Verlauf der Krankheit stoppen. Versuche, die Nervenscheiden wieder wachsen zu lassen, etwa mithilfe von Stammzellen, stehen noch am Anfang und werden auf absehbare Zeit keine Therapien hervorbringen.

Daten zu Schwangerschaft und MS fehlen schon deshalb, weil Studien mit schwangeren oder möglicherweise schwangeren Frauen heikel sind. Dabei wäre es wichtig, über die Sicherheit von Medikamenten Bescheid zu wissen. Als Kerstin Hellwig im Jahr 2006 damit begann, ihr Register aufzubauen, hat sie zunächst rückblickende Daten gesammelt. Inzwischen werden die Frauen bereits zu Beginn der Schwangerschaft einbezogen und ihr Wohlergehen verfolgt. Ungefähr 150 sind es in jedem Jahr, aus ganz Deutschland.

Symptome verschwinden während einer Schwangerschaft

So soll zum Beispiel dokumentiert werden, ob die Medikamente, mit denen MS-Patienten einem Schub vorbeugen und die die Frauen oft jahrelang nehmen, dem Ungeborenen schaden. "Glücklicherweise können 98 Prozent der Frauen ihre Medikamente im Verlauf der Schwangerschaft absetzen", sagt Hellwig. Doch was ist mit den ersten Wochen, in denen manche Frau noch nicht weiß, dass sie ein Kind erwartet? Die MS-Spezialistin hat noch eine gute Nachricht: Die Medikamente, die in den allermeisten Fällen eingesetzt werden, schädigen das Ungeborene nicht.

"Das Kinderwunschthema ist heute auch für Frauen mit MS wichtig", sagt die Spezialistin. Viele ermutigt es, dass die Symptome der chronischen Krankheit während einer Schwangerschaft oft verschwinden – auch wenn in den ersten drei Monaten nach der Geburt die Schubrate deutlich steigt, um anschließend wieder das Niveau von vorher zu erreichen.

Warum das so ist, ist noch nicht genau bekannt. Dass es einen Zusammenhang mit den weiblichen Geschlechtshormonen gibt, ist aber so gut wie ausgemacht. Auch, dass kinderlose Frauen häufiger an MS erkranken. Die guten Erfahrungen der Schwangeren wiederum legen es nahe, den Östrogenpegel medikamentös dauerhaft auf das Schwangerschaftsniveau zu erhöhen. "Einige Studien, in denen das versucht wird, auch in Kombination mit den vorbeugenden Medikamenten, laufen derzeit", berichtet Hellwig.

Leserkommentare
  1. Wie hoch ist das Risiko, dass die geborenen Kinder eine Veranlagung zur Entwicklung einer MS von der Mutter erben können?

    • KyraB
    • 06. Juli 2012 10:40 Uhr

    Ich habe im engsten Familienkreis zwei an MS erkrankte Frauen, die beide jeweils zwei Kinder bekommen haben, und bei denen jede Schwangerschaft zu einer rapiden Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes führte. Wenn Sie 37-jährig, stark pflegebedürftig im Rohlstuhl sitzen, haben Sie wenig von Ihrer Mutterrolle und die Kinder noch weniger.

    Ich halte es für fahrlässig mit derartigen Zeitungsbeiträgen MS-erkrankte Frauen zu animieren, ihrem Kinderwunsch nachzukommen. Die Risiken sind einfach zu groß und Statistiken helfen im Ernstfall herzlich wenig.

  2. nämlich die zu produzierenden Kinder.
    Aha, das könnte also der Mutter gut tun, die Medikamente schädigen das Kind höchstens evtl. nur ein bisschen. Und was ist danach?
    Schöne Grüße an die Zeit-Redaktion: Übernehmt ihr eigentlich auf eurer Website alles von Partnerblättern, ohne den Kram zu lesen? Und evtl. mal eine Sekunde nachzudenken, was da drin steht?
    Ich erwarte eigentlich mehr. Von der Zeit. Hier gibt es doch eine relativ qualifizierte Wissenschaftsredaktion...
    Es gibt seit geraumer Zeit Forschungsprojekte darüber, was seelisch mit Kindern passiert, die in solche Umstände hineingeboren werden, die darin aufwachsen. Die heranwachsende Pflegekräfte sind, die größte Probleme haben, eigene Glücksfähigkeit zu entwickeln, viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen müssen, die ihr Leben lang daran zu tragen haben, dass sie ganz jung gelernt haben, das Leben als eine Krankheit zum Tode anzusehen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte eine Mutter mit MS.
    Ja,MS ist heute besser behandelbar. Aber es gibt es ein nicht geringes Risiko, dass der Zustand eben nicht erträglich bleibt.
    Ja, ein Kind gibt das Gefühl, dass das Leben weiter geht,dass es noch etwas Schönes gibt, worauf man sich freuen kann, dass es eine gute Zukunft gibt. Für die Erkrankten. (Fortsetzung in Kommentar 2)

    Eine Leserempfehlung
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    Ich hatte als Heranwachsende vom Bettpfannenwechsel nach der Schule bis zum Streit mit den Krankenkassen um neue Rollstühle einige Aufgaben. Und war oft restlos überfordert. Mittelpunkt war die Kranke, ich wuchs irgendwie auf. Und in dem Kontext hatte ich auch mit der Deutschen MS-Gesellschaft zu tun. Da hatte ich interessante Begegnungen mit sich sozial engagierenden Frauen wohlhabender Geschäftsleute und jungen Sozialarbeitern, die mir mein Leben erklärten und dann nach Hause gingen. Für diese völlig auf ihr ganz persönliches Gutmenschentum und die Kranke fokussierten Herrschaften war ich Hintergrundrauschen. Die forderten schon damals in ihren Infoblättchen dazu auf, bloß nicht wegen der Krankheit auf Kinder zu verzichten. Und als ich denen meine Seite der Sache, meine Gefühle erklären wollte, wurde ich schon mal Nazi genannt.
    Verzicht kann gelebte Verantwortung sein. Das erfordert Mumm, von denen die ihn leisten - und von denen, die sich trauen, einer Kranken mit Kinderwunsch diese Zusammenhänge zu erklären. Denn wer möchte sich schon mit der Aussicht auf Schübe, auf den Verlust der Kontrolle über den Körper - und ja, auch über die eigenen Gefühle -, näher befassen? Es geht ja ums Mutmachen,ums nicht Aufgeben...
    PS.: Wer macht denn dieses Forschungsprojekt? Ein katholisches Krankenhaus. Die Katholiken kümmern sich ja sehr engagiert um Kinder. Bis sie geboren sind. Und Fortpflanzung muss sein, egal wie die Umstände aussehen.

  3. Sie sprechen aus persönlicher Betroffenheit ein wichtiges Thema an - dem ich mich in meinem Beitrag nicht widmen konnte. Ich mache das gern bei anderer Gelegenheit! Heute nur so viel: Studien und Register zu MS und Schwangerschaft wie die,über die ich berichtet habe, wollen nicht einfach alle Frauen mit MS ermuntern, schwanger zu werden. Es geht auch darum, Informationen zu sammeln, nicht zuletzt über das Leben der betroffenen Familien.

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