Aids-ForschungEin Mittel lockt das HI-Virus endlich aus seinem Versteck

Aids-Erreger verschanzen sich derart im Körper, dass eine Heilung bisher unmöglich ist. Eine Krebsarznei, die ruhende HI-Viren weckt, könnte das ändern. von 

"Die Hindernisse könnten sich als unüberwindbar herausstellen", schrieb die Entdeckerin des Aids-Erregers noch kürzlich. Die Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi kommentierte im Magazin Nature , wovon Virologen seit Kurzem wieder sprechen: die künftige Heilung von HIV-Infizierten. Eines der Hindernisse könnte der Wissenschaftler David Margolis und sein Team nun überwunden haben. Das Ziel der Forscher: Die Menschen, in denen das Virus schlummert, endgültig davon zu befreien.

"HIV-Therapeutika erreichen ein neues Stadium", schreibt der Mediziner Steven Deeks über die Studie von Margolis, die nun in Nature erschienen ist . Seit 25 Jahren konzentriere sich die Forschung fast ausschließlich darauf, den Erreger in Schach zu halten, der derzeit rund 34 Millionen Menschen weltweit befallen hat. Mit beispiellosem Erfolg: Wer sich heute mit HIV ansteckt, hat gute Chancen, mit der Infektion sehr alt zu werden. Vorausgesetzt, er gehört zu der weltweiten Minderheit, die eine Kombination von meist drei antiretroviralen Medikamenten bekommt. Insgesamt sind rund 20 verschiedene auf dem Markt. Mit einer solchen Therapie lebt es sich mit HIV wie mit einer chronischen Krankheit.

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"Das Ansinnen, mehr zu erreichen als HIV nur zu unterdrücken, gibt es seit Langem", sagt Johannes Bogner. Der Leiter der Infektionsabteilung am Münchener Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität forscht selbst daran, wie sich der Erreger im Körper Infizierter auslöschen lassen könnte. Sein Kollege Margolis ist diesem Ziel bisher am nächsten gekommen. Ihm und seinem Team ist es gelungen, HI-Viren aus ihren Verstecken zu locken.

Das Erbgut der Erreger infiltriert weiße Blutkörperchen des Immunsystems, die Forscher CD4 + -T-Zellen nennen. Darin verschanzen sich die HI-Viren, allein ihre Vermehrung können die heutigen antiretroviralen Medikamente verhindern. Nur wer die Mittel regelmäßig und eine Leben lang einnimmt, kann darauf hoffen, dass die Immunschwächekrankheit nicht ausbricht. Zu gewieft tarnt sich der gefährliche Eindringling in den CD4 + -T-Zellen, nistet sich ein in Lymphknoten, der Milz und sogar im Hirn – und niemand weiß, wo noch alles. Dort ruht er jahrelang, unerkannt von der körpereigenen Abwehr.

Noch ist keine rasche Therapie in Sicht

Das Team um Margolis von der Universität von North Carolina im amerikanischen Chapel Hill konnte diese latenten HIV-Reservoire nun mit dem Wirkstoff Vorinostat knacken. Das Mittel ist in den USA als Krebsmedikament unter dem Namen Zolinza zugelassen. Mediziner verschreiben es meist an Patienten mit seltenen Hauttumoren. Vorinostat weckt die Viren auf, die ihre Ruhestätte im Genom der CD4 + -T-Zellen verlassen und schädliche Proteine produzieren.

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das Immunsystem erkennt die vom Erreger gekaperten Zellen und bekämpft sie. Klassische antiretrovirale Medikamente verhindern schließlich neue Übergriffe des Aids-Erregers auf gesunde Körperzellen. Sind alle HIV-Reservoire vernichtet, ist es vorbei: Der Körper wäre geheilt.

"Erstmals wurde nachgewiesen, dass es wirklich gelingt, die HIV-Latenz zu durchbrechen", sagt der klinische Infektiologe Bogner. Auch der Mediziner Deeks ist sich sicher: "Damit gibt es ein Grundprinzip, um HIV-Infektionen völlig neu anzugehen."

Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass sich mit diesem Ansatz eines Tages eine Methode zur HIV-Heilung finden lässt.

Für ihre Studie wählten die Forscher anfangs 16 HIV-Patienten aus. Sie alle waren bisher nicht an Aids erkrankt, da antiretrovirale Arzneien ihre Infektion kontrollierten. Bei fünf Studienteilnehmern hatte das Mittel schon in ersten Labortests nicht den gewünschten Effekt und konnte keine verborgenen HI-Viren hervorlocken. Am Ende nahmen noch acht Personen an der Erprobung des Mittels teil, das in einigen Fällen schwere Nebenwirkungen haben und das Erbgut schädigen kann. Bei acht Testpersonen klappte der Versuch. Es brachte HI-Viren dazu, ihr Versteck zu verlassen. So konnten die Medikamente auch diese Erreger zurückdrängen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie das Thema sachlich. Danke, die Redaktion/lv

  2. klaffen Aussage in der Ueberschrift und Inhalt des Titels weit auseinander ...

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie trotz Kritik sachlich. Danke, die Redaktion/lv

  3. ...kann man mit all den anderen fiesen chronischen Viren gleich weiter machen: Papilloma, Herpes und was weiß ich noch.

    Ich wünschte der Staat würde sich in dieser Forschungs-Richtung mehr engagieren und nicht alles irgendwelchen Privatkonzernen überlassen. Die schaffen zwar auch einiges, aber manche Sachen scheinen denen einfach nicht lohnend und das Hauptbudget wird am Ende verplempert, um das Produkt breit in den Markt zu drücken (Werbung, Arztgeschenke...)

    4 Leserempfehlungen
  4. Was ist denn nun mit den acht Probanden, bei denen der Wirkstoff die Viren aus ihren Verstecken lockte? Sind die jetzt geheilt?

    Wie kann man dieses vl. wichtigste Detail einfach weglassen?!

    3 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Marcus Aurelius,

    wie Outside_Observer schon schreibt. Die Studie sollte lediglich untersuchen, ob der Ansatz funktioniert. Eine langfristige Vorinostat-Therapie war nie geplant. Daher wurden die acht Studienteilnehmer auch nicht geheilt. Allerdings sind sie medikamentös so eingestellt, dass sie mit HIV leben können, wie mit einer chronischen Krankheit.

    Erst weitere Studien müssen nun etwa untersuchen, wie etwa eine Dosierung des Krebsmittel aussehen könnte, wie sichergestellt werden kann, dass auch alle Reservoirs geweckt wurden und so weiter.

    Die Ergebnisse sind allerdings schon jetzt sehr vielversprechend und ein guter Anreiz für weitere Studien.

  5. "...Wer sich heute mit HIV ansteckt, hat gute Chancen, mit der Infektion sehr alt zu werden...."

    Wie alt man wirklich wird, wenn man sein Leben lang 3 Hammermedikamente nimmt ist fraglich. Es ist auch bloss eine Frage der Zeit, bis HIV auch gegen diese Wrikstofffe resistent wird.

    @Marcus Aurelius:
    Geheilt wurde niemand, es ging in der Studie bloss darum, das Virus aus seiner Latenzphase hervorzulocken.

    Eine Leserempfehlung
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    ... macht das Virus doch angreifbar? Dem Artikel zufolge konnte das Immunsystem dann die betroffenen Zellen identifizieren und angreifen, das klingt für mich doch sehr nach möglicher Heilung, oder?

  6. ... macht das Virus doch angreifbar? Dem Artikel zufolge konnte das Immunsystem dann die betroffenen Zellen identifizieren und angreifen, das klingt für mich doch sehr nach möglicher Heilung, oder?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Geheilt? Nein!"
  7. Sie schreiben von ursprünglich 16 Personen wobei 5 schon in Laborstadium aussortiert wurden. Bleiben bei mir 11, in Ihrem Text heisst es später:

    "Am Ende nahmen noch acht Personen an der Erprobung des Mittels teil, das in einigen Fällen schwere Nebenwirkungen haben und das Erbgut schädigen kann. Bei acht Testpersonen klappte der Versuch."

    Die Frage hat sich ein Tippfehler bei den Zahlen eingeschlichen?

    Oder wurden weiter 3 noch aus anderen Gründen aus dem Programm genommen?

    Vorab schon mal Danke, auch für den interessanten Artikel.

    3 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Lothar Schepers,

    Sie haben Glück, ich bin noch wach. Letztlich entschieden sich von den elf HIV-Patienten, die für eine Erprobung infrage kamen, acht dafür Vorinostat zu nehmen. Diese Entscheidung sollten sie selbst treffen, schließlich war trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nicht klar, was genau passieren würde.

    Zunächst bekamen die acht dann eine Dosis von 200mg Vorinostat, um zu schauen, ob Ihre Körper sie vertragen. Zwei bis vier Wochen später erhielten die acht Studienteilnehmer dann eine 400mg-Dosis.

    Letztere führte innerhalb von sechs Stunden dazu, dass sich in den CD4+-T-Zellen der Patienten bis zu 4,8 Mal mehr HIV RNA fand, ein Zeichen, dass die Reservoirs aufgewacht waren.

    Anschließend wurden die Studienteilnehmer noch einige Monate beobachtet. Dann wurde der Versuch beendet.

  8. Redaktion

    Lieber Lothar Schepers,

    Sie haben Glück, ich bin noch wach. Letztlich entschieden sich von den elf HIV-Patienten, die für eine Erprobung infrage kamen, acht dafür Vorinostat zu nehmen. Diese Entscheidung sollten sie selbst treffen, schließlich war trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nicht klar, was genau passieren würde.

    Zunächst bekamen die acht dann eine Dosis von 200mg Vorinostat, um zu schauen, ob Ihre Körper sie vertragen. Zwei bis vier Wochen später erhielten die acht Studienteilnehmer dann eine 400mg-Dosis.

    Letztere führte innerhalb von sechs Stunden dazu, dass sich in den CD4+-T-Zellen der Patienten bis zu 4,8 Mal mehr HIV RNA fand, ein Zeichen, dass die Reservoirs aufgewacht waren.

    Anschließend wurden die Studienteilnehmer noch einige Monate beobachtet. Dann wurde der Versuch beendet.

    5 Leserempfehlungen
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    Versteh ich das wirklich richtig 8 von 8 also 100% Erfolg?

    Klar eine Gruppe von 8 Personen hat keine statistische Aussagekraft und 5 wurden "ausgesiebt" aber, - ja da kann ich nach voll ziehen warum die Forscher so diesmal so optimistisch sind.

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  • Schlagworte Erbgut | HIV | Heilung | Immunsystem | Körper | Medikament
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