Nach dem Organspende-Skandal am Universitätsklinikum Göttingen mehren sich die Rufe nach Konsequenzen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich für Änderungen der Vergütungspraxis für leitende Klinikärzte aus. "Wir haben uns auch zu sehr auf die Selbstkontrolle der Ärzte verlassen", sagte Lauterbach der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ( FAS ) . Die umsatzabhängige Vergütung, bei der mehr Operationen zu mehr Gehalt führen, müsste abgeschafft werden. "Die ökonomischen Anreize für leitende Ärzte sind in Deutschland zu weit gegangen", sagte Lauterbach.

Der Chef der Prüfkommission für Organtransplantation, Hans Lilie, hatte zuvor im Interview mit ZEIT ONLINE bekräftigt, dass die bestehenden Kontrollmechanismen bislang gut funktioniert hätten . Auch er sah aber ein mögliches Motiv des Hauptverdächtigen darin, dass dieser einen Zuschlag für die Zahl erfolgreicher Lebertransplantationen erhalten hatte. "In Göttingen wurden etwa 40 Lebern im Jahr transplantiert. Bei 2.000 Euro pro Operation kann man sich rasch ausrechnen, was das fürs Portemonnaie bedeutet." Lilie bezweifelte hingegen die Vorwürfe, dass Patienten den beschuldigten Ärzten Geld angeboten hätten, um bevorzugt behandelt zu werden.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion , Jens Spahn, forderte in den Ruhr Nachrichten , den betroffenen Ärzten die Zulassung zur Berufsausübung zu entziehen. Auch der Präsident der Bundesärztekammer , Ulrich Montgomery, forderte in der FAS härtere Konsequenzen für die betroffenen Ärzte, bis hin zur Entziehung der Approbation. Zugleich sprach er sich in der Passauer Neuen Presse dafür aus, die Kompetenzen der Kontrollgremien von Deutscher Stiftung Organtransplantation und Bundesärztekammer zu erweitern. Diese müssten "schon bei geringstem Verdacht aktiv werden können".

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Tötungsdelikten

Gesundheitsminister Daniel Bahr ( FDP ) fürchtet durch den Skandal einen Vertrauensverlust. "Wir müssen gemeinsam und schnell das Vertrauen in die Organspende wiederherstellen", sagte er der Bild am Sonntag . Auch die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Christiane Woopen, rief mögliche Spender im Focus auf, sich durch den Skandal nicht irritieren zu lassen.

Der Organspende-Skandal hatte sich zuletzt noch einmal ausgeweitet. Neben dem beschuldigten früheren Oberarzt steht ein weiterer leitender Arzt des Göttinger Klinikums im Verdacht, Patientendaten im Zusammenhang mit Organtransplantationen manipuliert zu haben. Dabei sollen Patienten auf dem Papier kränker gemacht worden sein, als sie es waren. So rückten sie auf den Meldelisten für Organempfänger nach oben, die Erkrankte nach dem Schweregrad ihrer Leiden priorisieren.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen Bestechlichkeit. Parallel dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen wegen des Anfangsverdachts von Tötungsdelikten. Geprüft wird, ob durch die Bevorzugung von Patienten bei der Organtransplantation möglicherweise andere Patienten nicht rechtzeitig eine Spenderleber erhalten haben und deshalb gestorben sind.