Transplantationsskandal"Patienten mussten nicht einen Cent schmieren"

Die Kontrollen genügten, um den Göttinger Organspende-Skandal aufzudecken, sagt Hans Lilie. Der Chefprüfer im Transplantationswesen spricht über Motive und Konsequenzen. von 

Ärzte während einer Transplantation (Archivfoto)

Ärzte während einer Transplantation (Archivfoto)  |  © Brendan Smialwski/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Lilie, an der Universitätsklinik Göttingen haben mindestens zwei Mediziner womöglich Organspendelisten manipuliert . Der Zustand von Patienten mit Lebererkrankungen soll auf dem Papier schlechter dargestellt worden sein, als er in Wirklichkeit war. So erhielten sie schneller eine neue Leber. Sie haben den Verdacht mit ermittelt. Wie kam die ganze Geschichte heraus?

Hans Lilie: Es gab im vergangenen Jahr einen anonymen Hinweis. Dabei ging es um einen Patienten aus Russland , der über eine private Vermittlungsorganisation für eine Lebertransplanation nach Göttingen gekommen war. Dem sind wir in der Aufsichtskommission für Organtransplantationen nachgegangen. Die Ermittlungen waren anfangs sehr schwierig, weil die betreffenden Ärzte alles andere als kooperativ waren. Nach weiteren Beratungen hat Eurotransplant im Frühjahr nach einem Muster für die Vorgänge in Göttingen gesucht. Die Stiftung, die Spenderorgane in sechs europäische Länder und Deutschland vermittelt, entdeckte schlichte Auffälligkeiten bei der Meldung der Patienten auf der Warteliste für eine Leber.

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ZEIT ONLINE: Was waren das für Auffälligkeiten? Schließlich ermittelt die Staatsanwaltschaft auch, ob die beiden Mediziner sich von Patienten bestechen ließen.

Lilie: Da ging es um medizinische Daten. Geld seitens der Patienten hat in dem Ganzen absolut keine Rolle gespielt.

ZEIT ONLINE: Warum könnte der Hauptbeschuldigte dann manipuliert haben?

Lilie: Er könnte aus zwei Motiven heraus gehandelt haben. Als Mediziner saß er vor schwerkranken Menschen, denen er helfen wollte. Vielleicht hatte er das Gefühl, das System sei in den verdächtigen Fällen ungerecht. Dann passieren Dinge, die für uns unvorstellbar waren.

Erst später haben wir erfahren, dass der Arbeitsvertrag des Arztes neben dem Grundgehalt einen Zuschlag enthält, dessen Höhe sich an der Zahl an Lebertransplantationen bemisst, die er durchführt. Das hatte die elegante Nebenwirkung, dass sein Gehalt mit seinem Handeln steigt. In Göttingen wurden etwa 40 Lebern im Jahr transplantiert. Bei 2.000 Euro pro Operation kann man sich rasch ausrechnen, was das fürs Portemonnaie bedeutet. Da braucht ein Patient nicht einen Cent zu schmieren.

ZEIT ONLINE: Ist der Göttinger Skandal vielleicht ein Hinweis auf einen grundsätzlichen Fehler im Transplantationswesen?

Lilie: Wir halten den Fall nicht für einen Fehler im System, weil es zuvor nie Anhaltspunkte für solche Manipulationen bei den Meldungen an Eurotransplant gegeben hatte. Andere Zentren scheinen nicht betroffen zu sein. Wir werden dennoch reagieren, um derartigem Handeln einen Riegel vorzuschieben.

ZEIT ONLINE:
Was soll das heißen? Welche konkreten Konsequenzen soll es geben?

Hans Lilie
Hans Lilie

Der Rechtsprofessor Hans Lilie leitet die Ständige Kommission Organtransplantation. Das Aufsichtsgremium prüft im Auftrag der Bundesärztekammer die Vergabe und Vermittlung von Organspenden in Deutschland. An der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg hat Lilie den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsvergleichung und Medizinrecht inne.

Lilie: Wir haben mit Eurotransplant besprochen, zu schauen, ob es einen Kontrollmechanismus für derartige Fälle bereits in anderen Ländern gibt, den wir übernehmen können. Wenn nicht, dann könnte ein unabhängiger Laborarzt die Daten, die an Eurotransplant gemeldet werden, noch am gleichen Tag prüfen. Auf seinem Rechner kann dieser Mediziner auf alle Daten aus der Behandlung eines Patienten zugreifen, der als Organempfänger gemeldet wurde. Gibt es Ungereimtheiten, kann er Alarm schlagen.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie davon, unabhängige Prüfteams unangemeldet in Transplantationszentren zu schicken?

Lilie: Das ist extrem teuer und aufwendig. Da müssten Prüfer kreuz und quer durch Deutschland reisen. Wir haben mit einem solchen Verfahren schon Erfahrungen gemacht. Vor einigen Jahren haben wir die deutschen Herzzentren überprüft, weil es auf einmal mehr Hochdringlichkeitsmeldungen für Patienten gab als in anderen Ländern. Immer drei Prüfer sind daraufhin überraschend erschienen und haben kontrolliert, ob Patienten, die als höchst dringlich gemeldet wurden, den Richtlinien entsprechend auch auf der Intensivstation lagen. Das wäre in diesem Fall eine der Voraussetzung für hohe Dringlichkeit. Wir konnten keine Verstöße feststellen.

ZEIT ONLINE: Die bisherigen Kontrollmechanismen sind also ausreichend?

Lilie:
Wir haben über Jahre alles aufgedeckt, was es aufzudecken gab, darüber berichtet und die zuständigen Institutionen informiert. Jeden Verdacht auf eine falsche Zuordnung von Organen öffentlich zu machen, halte ich nicht für sinnvoll. Erst muss feststehen, dass tatsächlich etwas entdeckt wurde. Oft finden wir nichts. Wir besuchen einmal im Jahr als Überwachungs- und Prüfungskommission die Deutsche Stiftung Organtransplantation , die die Organvergabe in Deutschland koordiniert. Dort lassen wir uns unvorbereitet Akten und Vorgänge zeigen. Genau das Gleiche machen wir bei Eurotransplant. Zusammen mit einem Sachverständigen werden dann einzelne Fälle noch einmal genau geprüft.

Leserkommentare
  1. "Bei 2.000 Euro pro Operation kann man sich rasch ausrechnen, was das fürs Portemonnaie bedeutet." Soviel zum Thema Organspende. Es gibt ein weiters Thema, bei dem sich tieferes Interesse lohnen könnte: Chemotherapie

  2. Provisionen bei Ärzten für bestimmte Operationen?

    Muss ich damit rechnen, wenn ich mit einem entzündeten Blinddarm ins Krankenhaus eingeliefert werde, dass mir die Gebärmutter entfernt wird, weil diese OP dem Arzt mehr ins Portemonnaie spült?

    Oder muss ich damit rechnen, dass an mir Behandlungen und Therapien durchgeführt werden, die den Aktionären einer Privaten Klinik etwas einbringen, aber nicht unbedingt meiner Gesundheit zuträglich sind?

    Das Gesundheitssystem gehört in öffentliche Hände und nicht in private.

    Europlant würde ich da auch nicht trauen. Es ist auch eine private Stiftung.

    Ich glaube, das entdeckte Horrorszenario ist nur die Spitze des Eisberges.

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    daß solche Gedanken, wie Sie sie aussprechen, nicht abwegig sind. - Das gesamte Gesundheitssystem gehört ganz klar in die öffentliche Hand; was ehrlich an Gewinn erzielt werden kann, läßt sich auch im öffentlichen Interesse bestens wieder investieren. -

    Und warum glauben Sie, dass nicht auch ein öffentlicher Träger so denken könnte?

    1. Transplantationen sind hochkomplexe Operationen und werden daher meistens an Universitätskliniken durchgeführt. Der in diese nun in den Medien diskutierte Fälle involvierte Arzt war tatsächlich auch an der Uniklinik Regensburg und dann an der Uniklinik Göttingen tätig. Unikliniken sind nun aber Teile der Universität und damit in öffentlicher Hand. Mit privat vs. öffentlich hat das also nun nichts zu tun.

    2. Prämien sind im Gesundheitssystem sowohl bei öffentlichen wie auch privaten Trägern Usus. Prinzipiell ist daran auch nichts verwerflich. Gerade die Transplantationsmedizin ist da ein gutes Beispiel. Diese hochkomplexen Eingriffe können nur wenige Spezialisten, die daher natürlich international begehrt sind. Was hätte ein Gesundheitssystem für einen Wert, welches keine Prämien bezahlt und dann high-end-Operationen gar nicht mehr anbieten kann, weil die entsprechenden Spezialisten in der Schweiz, in Österreich etc. sind und ihr Wissen dort weitergeben? Zudem: für die Wirtschaftlichkeit sowohl öffentlicher wie privater Häuser ist eine Mindestauslastung der Abteilungen entscheidend. Auch da können Prämienverträge mit den Chefärzten sinnvoll sein.

    3. Problematisch wird es nur dann, wenn tatsächlich Eingriffe durchgeführt werden, die nicht medizinisch indiziert sind. Dass dies aber sowohl standes- wie auch strafrechtlich und relevant ist und ethisch verwerflich wäre, brauche ich hoffe ich nicht zu erklären...

    Ich stimme Ihnen völlig zu, das Gesundheitswesen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, dem vielbschworenen "Markt" unterzuordnen, kann nur zum Nachteil des Patienten sein.

    Und zur Gefahr unnötiger Operationen hier ein Bericht über eine Studie der Krankenkassen. Der Anreiz "OP = relativ viel Geld in kurzer Zeit" ist vorhanden, und sorgt für entsprechende Resultate. http://www.welt.de/wirtsc...

    Ist doch ganz normal, dass Ärzte für einzelne Tätigkeiten bezahlt werden. Da findet sich übrigens überall! Wenn Sie beispielsweise einen Handwerker für ihren defekten Wasserhahn engagieren, wird dieser jetzt ja auch nicht einen Pool bei Ihnen im Garten installieren weil er damit mehr verdienen kann.
    Die Patienten haben die Leber ja gebraucht, nur nach den Vergabekriterien gab es andere Patienten die diese Leber eben eher benötigt hätten. Und das dies aus einem monetären Interesse heraus geschehen ist wird zwar vermutet, ist aber nicht sicher. Die betroffenen Ärzte könnten auch aus Mitleid gehandelt haben (was natürlich falsch ist ohne Frage).
    Und zum Schluss noch eine Frage an Sie: Wie sollten Ärzte denn bezahlt werden, wenn nicht nach Leistung? Festgehalt, egal was sie machen/wie viele Patienten sie versorgen?

  3. Wenn Geld in diesem Falle keine Rolle gespielt hat und die verantwortlichen Ärzte sich nicht an die Regeln gehalten haben, scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass sie auf Grund ihres Glaubens die Wertigkeit der ihnen anvertrauten Patienten entsprechend beurteilt haben.

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    daß Geld eine Rolle gespielt hat, sehen Sie doch schon an der vereinbarten Provision von 2.000 Euro pro Lebertransplantation. -

  4. Der Arzt hat sich beim Fälschen "ungeschickt" angestellt, heißt es. Hätte er das nicht, hätte man das dann vielleicht ein weiteres Mal nicht entdeckt?

    Ärzte verdienen also ordentlich Provision am Transplantieren, das Geld für wirklich effiziente Überwachung ist aber nicht da. Dazu kommt, dass ja bei der Diskussion um die neue gestzliche Regelung offenbart wurde, dass die DSO ein von niemandem kontrollierter privater Verein mit merkwürdigen Sitten ist.

    Das Unmögliche ist eben doch möglich und das Misstrauen vieler offenbar gerechtfertigt.

  5. Den Armen werden die Organe entnommen und den Reichen eingepflanzt, damit diese noch länger leben können.

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    https://www.youtube.com/p...

    NSFW

    @Thema
    Warum der Aufschrei, wer geglaubt hat, dass es so etwas in D nicht gibt glaubt auch an den Weihnachstmann.
    Wie kann übrigens jemand der vom Fachlichen anscheinend Nullahnung hat, denn sonst bräuchte er keine Sachverständigen
    " Zusammen mit einem Sachverständigen werden dann einzelne Fälle noch einmal genau geprüft."

    eine solche Position bekleiden?

    Denn hiermit outet sich der Interviewte.

    "Jeden Verdacht auf eine falsche Zuordnung von Organen öffentlich zu machen, halte ich nicht für sinnvoll. "

    Schlüsse aus diesem Satz kann jeder selber ziehen.

  6. https://www.youtube.com/p...

    NSFW

    @Thema
    Warum der Aufschrei, wer geglaubt hat, dass es so etwas in D nicht gibt glaubt auch an den Weihnachstmann.
    Wie kann übrigens jemand der vom Fachlichen anscheinend Nullahnung hat, denn sonst bräuchte er keine Sachverständigen
    " Zusammen mit einem Sachverständigen werden dann einzelne Fälle noch einmal genau geprüft."

    eine solche Position bekleiden?

    Denn hiermit outet sich der Interviewte.

    "Jeden Verdacht auf eine falsche Zuordnung von Organen öffentlich zu machen, halte ich nicht für sinnvoll. "

    Schlüsse aus diesem Satz kann jeder selber ziehen.

  7. Das Transplantation Gesetz wurde über Jahrzehnte von verschiedenen Regierungen in Deutschland "vor sich her geschoben". Mit dem Hinweis auf "unsere Vergangenheit" hat die Politik auf der ganzen Linie versagt.

    Der Skandal bezieht sich auf "Urkunden Fälschung" einzelner Ärzte. Dabei wird es wahrscheinlich auch bleiben. Der Schaden für die betroffenen Patienten ist Allerdings sehr groß.

    Hätte man, wie in unseren Nachbarländern Aufklärung betrieben würde sich das Problem der Organspende nach dem Tod gar nicht so drastisch darstellen. Es regt sich doch niemand auf wenn über die Zentrale Meldestelle eine Belgische Niere in einen Deutschen Patienten verpflanzt wird. Wieso eigentlich nicht? Über Jahrzehnte haben Deutsche Regierungen, egal welcher Konstellation dieses Problem ignoriert - Der Skandal ist eine Folge dieser Ignoranz.

    Jeden kann es treffen und jeder den es trifft erwartet Hilfe. Spenden tun nur Wenige.

  8. war wohl die Berichterstattung der letzten Tage von unseren aufklärenden Medien eine "Hatz" und es wurde nur ein wenig "neben der Spur" des investigativen Journalismus betrieben, um den Leser ein wenig zu unterhalte?!...

    Ein schrecklicher Irrtum - oder vielleicht doch nicht...

    Mein Fazit:

    Allen Menschen, die auf ein Organ warten kann man nur wünschen, dass sie genug Kraft haben und von einem Arzt/Ärzte- und Pflegerteam versorgt werden, der/die wirklich vertrauenswürdig ist/sind...

    Konkret müsste sich jede/r Arzt/Ärztin diesem Grundsatz verpflichtet fühlen (aber wie immer gehen Theorie und Praxis nicht zwingend Hand in Hand):

    Aegroti salus suprema lex!

    Bedauerlicherweise ist dies im Eid des Hippokrates nicht zu finden (..."Schaden abwenden"... hm - das unterliegt dann wohl dem sogenannten "Ermessensspielraum" oder der/dem jeweiligen "Diagnosevermögen")...

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    Fälschlicherweise denken viele, Ärzte müssten den Eid des Hippokrates schwören.
    Das müssen sie nicht. Und das ist auch gut so. Eventuell würden dann nämlich einige, die meine Zeilen hier lesen, schon tot sein. Der Eid des Hippokrates enthält nämlich unter anderem ein Verbot der Chirurgie!

    "Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben."

    Dies ist natürlich der Medizinhistorie geschuldet, da zu dieser Zeit Ärzte keine Chirurgie betrieben haben.

    Daneben verbietet der Hippokratische Eid Sterbehilfe und Abtreibung. Auch das scheint mir ziemlich anachronistisch...(oder anders: in seinem Absolutismus der Komplexität der modernen ethischen Debatte nicht angemessen).

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  • Schlagworte Arbeitsvertrag | Mediziner | Göttingen | Russland
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