ZEIT ONLINE: Herr Lilie, an der Universitätsklinik Göttingen haben mindestens zwei Mediziner womöglich Organspendelisten manipuliert . Der Zustand von Patienten mit Lebererkrankungen soll auf dem Papier schlechter dargestellt worden sein, als er in Wirklichkeit war. So erhielten sie schneller eine neue Leber. Sie haben den Verdacht mit ermittelt. Wie kam die ganze Geschichte heraus?

Hans Lilie: Es gab im vergangenen Jahr einen anonymen Hinweis. Dabei ging es um einen Patienten aus Russland , der über eine private Vermittlungsorganisation für eine Lebertransplanation nach Göttingen gekommen war. Dem sind wir in der Aufsichtskommission für Organtransplantationen nachgegangen. Die Ermittlungen waren anfangs sehr schwierig, weil die betreffenden Ärzte alles andere als kooperativ waren. Nach weiteren Beratungen hat Eurotransplant im Frühjahr nach einem Muster für die Vorgänge in Göttingen gesucht. Die Stiftung, die Spenderorgane in sechs europäische Länder und Deutschland vermittelt, entdeckte schlichte Auffälligkeiten bei der Meldung der Patienten auf der Warteliste für eine Leber.

ZEIT ONLINE: Was waren das für Auffälligkeiten? Schließlich ermittelt die Staatsanwaltschaft auch, ob die beiden Mediziner sich von Patienten bestechen ließen.

Lilie: Da ging es um medizinische Daten. Geld seitens der Patienten hat in dem Ganzen absolut keine Rolle gespielt.

ZEIT ONLINE: Warum könnte der Hauptbeschuldigte dann manipuliert haben?

Lilie: Er könnte aus zwei Motiven heraus gehandelt haben. Als Mediziner saß er vor schwerkranken Menschen, denen er helfen wollte. Vielleicht hatte er das Gefühl, das System sei in den verdächtigen Fällen ungerecht. Dann passieren Dinge, die für uns unvorstellbar waren.

Erst später haben wir erfahren, dass der Arbeitsvertrag des Arztes neben dem Grundgehalt einen Zuschlag enthält, dessen Höhe sich an der Zahl an Lebertransplantationen bemisst, die er durchführt. Das hatte die elegante Nebenwirkung, dass sein Gehalt mit seinem Handeln steigt. In Göttingen wurden etwa 40 Lebern im Jahr transplantiert. Bei 2.000 Euro pro Operation kann man sich rasch ausrechnen, was das fürs Portemonnaie bedeutet. Da braucht ein Patient nicht einen Cent zu schmieren.

ZEIT ONLINE: Ist der Göttinger Skandal vielleicht ein Hinweis auf einen grundsätzlichen Fehler im Transplantationswesen?

Lilie: Wir halten den Fall nicht für einen Fehler im System, weil es zuvor nie Anhaltspunkte für solche Manipulationen bei den Meldungen an Eurotransplant gegeben hatte. Andere Zentren scheinen nicht betroffen zu sein. Wir werden dennoch reagieren, um derartigem Handeln einen Riegel vorzuschieben.

ZEIT ONLINE:
Was soll das heißen? Welche konkreten Konsequenzen soll es geben?

Lilie: Wir haben mit Eurotransplant besprochen, zu schauen, ob es einen Kontrollmechanismus für derartige Fälle bereits in anderen Ländern gibt, den wir übernehmen können. Wenn nicht, dann könnte ein unabhängiger Laborarzt die Daten, die an Eurotransplant gemeldet werden, noch am gleichen Tag prüfen. Auf seinem Rechner kann dieser Mediziner auf alle Daten aus der Behandlung eines Patienten zugreifen, der als Organempfänger gemeldet wurde. Gibt es Ungereimtheiten, kann er Alarm schlagen.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie davon, unabhängige Prüfteams unangemeldet in Transplantationszentren zu schicken?

Lilie: Das ist extrem teuer und aufwendig. Da müssten Prüfer kreuz und quer durch Deutschland reisen. Wir haben mit einem solchen Verfahren schon Erfahrungen gemacht. Vor einigen Jahren haben wir die deutschen Herzzentren überprüft, weil es auf einmal mehr Hochdringlichkeitsmeldungen für Patienten gab als in anderen Ländern. Immer drei Prüfer sind daraufhin überraschend erschienen und haben kontrolliert, ob Patienten, die als höchst dringlich gemeldet wurden, den Richtlinien entsprechend auch auf der Intensivstation lagen. Das wäre in diesem Fall eine der Voraussetzung für hohe Dringlichkeit. Wir konnten keine Verstöße feststellen.

ZEIT ONLINE: Die bisherigen Kontrollmechanismen sind also ausreichend?

Lilie:
Wir haben über Jahre alles aufgedeckt, was es aufzudecken gab, darüber berichtet und die zuständigen Institutionen informiert. Jeden Verdacht auf eine falsche Zuordnung von Organen öffentlich zu machen, halte ich nicht für sinnvoll. Erst muss feststehen, dass tatsächlich etwas entdeckt wurde. Oft finden wir nichts. Wir besuchen einmal im Jahr als Überwachungs- und Prüfungskommission die Deutsche Stiftung Organtransplantation , die die Organvergabe in Deutschland koordiniert. Dort lassen wir uns unvorbereitet Akten und Vorgänge zeigen. Genau das Gleiche machen wir bei Eurotransplant. Zusammen mit einem Sachverständigen werden dann einzelne Fälle noch einmal genau geprüft.