Sterbehilfe : Ein Lebensende, das nie zum Präzedenzfall taugte

Bis vor Europas Gerichtshof zog ein Witwer, um für den selbstbestimmten Tod seiner Frau zu kämpfen. Ein Grundsatzurteil zum Umgang mit Sterbehilfe erstritt er nicht.

Kein Arzt muss töten, wenn es ausreicht, sterben zu lassen. Diese Erkenntnis hätte einer querschnittgelähmten Braunschweigerin das würdige Lebensende ermöglichen können, auf das sie so sehr gehofft hatte. Doch es kam anders und gipfelte heute darin, dass Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte den Streit über ihren selbstbestimmten Tod beurteilten .

Ein Fall, von dem sich viele grundsätzliche Worte über den Umgang mit Sterbehilfe in Deutschland erhofft hatten – sieben Jahre nachdem die Braunschweigerin sich selbst in der Schweiz eine tödliche Infusion eingeflößt hatte.

Ihr Mann hatte das Straßburger Gericht angerufen, weil deutsche Instanzen seine Klagen abgewiesen hatten. Als sich seine Frau 2004 entschloss zu sterben, da nur noch Beatmungsgeräte ihrem Körper Leben einhauchten, bat das Paar das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) um ein Medikament. Mit einer Natrium-Pentobarbital-Lösung wollte sich die Frau töten. Das BfArM lehnte ab, das Betäubungsmittelgesetz würde so etwas nicht zulassen.

Das Ehepaar wandte sich an die umstrittene Sterbehilfeorganisation Dignitas in der Schweiz. Unter großen Strapazen wurde die Frau in das Nachbarland gebracht, wo sie selbst eine tödliche Infusion auslösen musste. Zusätzlich betätigte sie eine Zeitschaltuhr für ihre Beatmungsgeräte, damit ihre Leiche später nicht weiter mit Sauerstoff versorgt werden würde.

Schon vor dem Tod seiner Frau reichte der Witwer gemeinsam mit ihr Klage ein. Das BfArM hätte den tödlichen Arzneicocktail bereitstellen müssen, meint er. Doch deutsche Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht weigerten sich, den Fall zu prüfen. Der Braunschweiger könne nicht auf ein Recht seiner verstorbenen Frau auf Menschenwürde pochen. Schließlich beschwerte sich der Mann in Straßburg .

Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die europäischen Richter haben seinen Fall nun begutachtet, ein Urteil sprachen sie nicht . Doch bemängelten sie, dass deutsche Gerichte sehr wohl die Klage des Ehepaars und die weiteren Klagen des Witwers hätten prüfen sollen. Der Fall sei außergewöhnlich.

Das Braunschweiger Paar hatte eine sehr enge Beziehung, war 25 Jahre verheiratet. Der Mann pflegte und begleitete seine Frau bis zu ihrem Tod. Auch sein Recht nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention auf Achtung des Privat- und Familienlebens sei dadurch direkt berührt gewesen.

Zudem betreffe der Fall "fundamentale Fragen, die sich aus dem Wunsch eines Patienten ergeben, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, die von allgemeinen Interesse waren."

Zu grundlegenden Fragen der Sterbehilfe und ihren Grenzen äußerten sich die Richter nicht. Dies wäre Aufgabe der deutschen Gerichte gewesen. Besonders, da sich die Mitglieder des Europarates nicht einig seien, ob sie die Beihilfe zur Selbsttötung erlauben sollen oder nicht. Lediglich in vier der 42 Staaten dürften Mediziner Patienten ein tödliches Medikament verschreiben.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Es wird Zeit, dass die Politik

sich sorgfältig um die Einhaltung von Menschenrechten im eigenen Land kümmert.
Im Übrigen eine Frechheit der deutschen Gerichte, nich für Klärung in der Sache sorgen zu wollen, nur weil die Betroffene nicht mehr lebt. Da kommt ja im Grunde immer jeder zu spät bei dem Thema.

Keine "Frechheit der Gerichte", eher Gewissensnot

Der Tod und das Sterben sind eines der letzten großen Tabus in unserer Gesellschaft.

Und jeder ist von diesem Tabu am Ende seines Lebens betroffen, ohne vorab zu wissen wie.
Davon sind auch RichterInnen nicht ausgenommen.

Ich kann mir nichts Schwierigeres vorstellen, als hierzu eine Art Grundsatzurteil in einem aktuellen Fall treffen zu müssen.

Ich fürchte, hier wird es immer einen Graubereich geben, in dem ich von Richtern und Staatsanwälten erhoffe, im Einzelfall die Intention der Beteiligten zu berücksichtigen und nicht die strenge Gesetzeslage.

Dem Sterben das Grauen zu nehmen ist von Gerichten zu viel verlangt.

k.

Gewissensnot

Nein, die Richter haben ja (auch imn dem Einzelfall) nicht zu entscheiden, ob XY eine Pille nimmt oder nehmen darf, sondern ob die Pille da liegen soll, falls XY sie nehmen will.
Im Grunde geht es auch um Gleichberechtigung, wer nach 5 Jahren Bettlägerigkeit nicht mehr kann, der kann halt nicht einmal mehr selbstständig ein Ende finden.
Gewissensnot sollte man bekommen, wenn man (und sei es durch Nichthelfen) erzwingt, dass der XY dann noch 5 Jahre, meinetwegen "gutgepflegt", dahinsiechen soll und jeden Tag davon hasst.

Über WER und WIE kann man ja reden,

"Für Putz gehört die Sterbehilfe in die Hände von Ärzten und nicht in jene von Vereinen wie Dignitas"

Es muss aber unsteitig sein, dass ich über mein Lebensende selbst entscheiden darf. Niemand, kein Gericht, kein Arzt, kein Staat, der mir dieses Recht nehmen kann.

Und wenn man es mir vorenthält, dann werde ich es mir schlicht nehmen.

Es tut mir ja Leid für den Lokführer, die Feuerwehrleute, die ... den Unfallort säubern müssen, die unvorbereiteten Passanten, wer auch immer mich wie auch auffindet, aber daran kann ich leider nichts ändern.

Freuen wir uns also, dass es Dignitas gibt und wir auch den letzten Schritt in Würde und komplokationslos abwickeln können.

Warum reichen die Möglichkeiten einer Patientenverfügung nicht?

Freuen wir uns also, dass es Dignitas gibt und wir auch den letzten Schritt in Würde und komplokationslos abwickeln können.

Was für einen Fall stellen Sie sich denn vor indem Sie die Hilfe von Dignitas brauchen könnten? In allen Situation in denen ich mir spontan vorstellen könnte, sterben zu wollen, reicht es aus die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten um innerhalb kurzer Zeit zu sterben. Auf eine Schmerzbehandlung muss man dabei nicht verzichten.

Naja, wenn dann das Personal der entsprechenden Einrichtung sich

weigert, das zu tun, dann kommt es zu solchen Geschichten wie vor einiger Zeit, wo es einen Gerichtsbeschluss und die Zustimmung des Arztes gab, aber die Einrichtung sich weigerte, dem zu folgen. Dann taten es die Kinder, das Personal "rettete" die Frau usw.usw, so unwürdig und qualvoll wie es nur geht. Endeffekt, auch einer der Söhne, der im Laufe dieser Quälerei auch armamputierten Frau, nahm sich das Leben.
http://www.dradio.de/dkul...
Da gab es zwar keine Patientenverfügung, aber die Kinder wussten um den Willen der Mutter, so nie "leben" zu wollen.
Mal abgesehen davon, wer hält denn wirklich ein solches Leben für wert zu leben? Wohl niemand!

A propos Tibet!

Diese Religion beschäftigt sich besonders intensiv mit dem Tod. Dem Geist des Menschen wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Kein Wunder, dass die Vorstellungen, was mit dem Körper passiert, der ja nach dem Austreten der Seele als rein materielle Substanz dem bestmöglichen Recycling (Füttern edler Vögel) zugeführt wird, nur dann auf uns abschreckend wirkt, wenn wir dem Leichnam noch Persönlichkeit zubilligen, nachdem der Geist sie verlassen hat.

Auf dieser Vorstellung beruht auch der Gedanke, dass der Geist weiterhin seinen karmischen Tendenzen folgt. Es ist also keineswegs alles vorbei, wenn der Körper stirbt, Leiden kann weitergehen; und das ist der krasse Unterschied zu unseren Vorstellungen: Der Tod ist keine Erlösung!

Wenn es so ist -- und nehmen wir es halt mal so an --, dann sehen wir Sterbehilfe unter einem völlig anderen Blickwinkel und werden alles tun, um Leiden zu lindern, solange das Leben andauert, es aber auf keinen Fall verkürzen.