TransplantationenStaatliche Organaufseher können Mauscheleien nicht verhindern

Sollen Spenderorgane künftig von Ämtern verteilt werden? Das hilft nicht. Eher sollten gute Transplantationszentren gefördert und miese bestraft werden, meint H. Wewetzer von Hartmut Wewetzer

Wenn man nicht mehr weiterweiß, ruft man in Deutschland nach dem Staat. So auch im Fall des Organspendeskandals. Ein Oberarzt der Göttinger Uniklinik fälschte Laborergebnisse, um seinen Patienten Organe zu verschaffen, dabei hatte er offenbar einen Mittäter. Auch gegen die Regensburger Uniklinik werden Vorwürfe laut . Jetzt ermitteln Staatsanwälte, Haftstrafen werden gefordert – und eine Verstaatlichung der Organspende. Künftig soll eine Behörde die Vergabe von Spenderorganen regeln, dann gibt’s ein Organ mit Brief und Siegel vom Staat, und Schluss ist’s ein für alle Mal mit der Mauschelei. Eine Illusion. Wer kriminelle Energie mitbringt, wird auch den amtlichen Organaufseher übers Ohr hauen. Trotzdem müssen Konsequenzen gezogen werden.

Welchem Patienten ein Organ zusteht und wem nicht, diese Frage entscheidet angesichts des Mangels an Spendern über Leben und Tod. Es ist eine Frage, die sich niemals mit letzter Gerechtigkeit beantworten lassen wird. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei Patienten, die eine Spenderleber brauchen. Da gibt es jene, deren Leber durch eine Knollenblätterpilzvergiftung ausgefallen ist. Sie brauchen sofort ein neues Organ, sonst sterben sie. Bei anderen Patienten zerfrisst eine chronische Entzündung unaufhaltsam das Organ. Viren, Tumoren oder Alkohol sind weitere Ursachen eines irreversiblen Leberschadens.

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Hinter jeder Krankheit steht ein anderes menschliches Schicksal, ein anderer Krankheitsverlauf, eine andere Lebenserwartung. Trotzdem entscheidet seit 2006 ein vergleichsweise simpler Maßstab hauptsächlich darüber, welcher Patient eine rettende Leber bekommt. Der aus den USA importierte Messwert mit Namen Meld-Score kombiniert drei Laborergebnisse und reicht von sechs (am besten) bis 40 (am schlechtesten). Wer einen Score von 40 hat, wird ohne Spenderleber die nächsten drei Monate nicht überleben. Er bekommt zuerst ein Organ. Man kann sich fragen, wie fair das ist – vielleicht gibt es andere, nicht ganz so kranke Patienten, denen das Organ viel mehr helfen würde. Erfolgsaussichten und Dringlichkeit der Transplantation können im Widerspruch zueinander stehen.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Lebertransplantationen bringen einer Klinik Geld, Prestige, Fördermittel. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen. Aber es sollte sichergestellt sein, dass unter der Masse nicht die Klasse leidet. In den USA wird überprüft, wie gut die Langzeitergebnisse nach einer Organverpflanzung sind, also die Überlebenschancen der Patienten. Sind sie zu schlecht, wird die Vergütung gekürzt. Miese Qualität bedeutet weniger Geld – klingt brutal, funktioniert aber als Mittel gegen unfähige Chirurgen. Das sollte auch bei uns Schule machen.

Es ist nur zu verständlich, dass ein Arzt für "seine" Patienten ein Organ ergattern will. Das altruistische Prinzip der Organspende funktioniert jedoch nur, wenn sich alle an die Regeln halten. Kontrolle von außerhalb kann das erleichtern. Bei der Frage, welcher Patient auf die Warteliste für ein Organ kommt, könnte zukünftig ein Kollege eines anderen Transplantationszentrums als Gutachter hinzugezogen werden. Erst wenn dieser die Entscheidung abnickt, ist sie gültig.

Der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hat gute Gründe, um verärgert zu sein. Er hat eine Niere gespendet und das neue Transplantationsgesetz gefördert. Sein Vorschlag lautet, Transplantationszentren die Lizenz zu entziehen, wenn sie in illegale Praktiken verwickelt sind. Das könnte ein heilsamer Schock sein. Einen Kandidaten gibt es schon.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Wir haben Verbrechen trotz Polizei und Justiz. Schaffen wir deshalb Polizei und Justiz ab? Natürlich gibt es keine perfekte Kontrolle, aber mehr Kontrolle als jetzt ist möglich und wünschenswert.

  2. 2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mk

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    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/mk

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/mk

  3. Ich frage mich ernsthaft wer in der Presse eigentlich die Debatte nach MEHR staatlicher Aufsicht losgetreten hat. Niemand, ob Politiker, Ärzte oder Patiennten fordert eine größere staatliche Aufsicht. Zumal das ganze Geschreie nach dem Staat sowie sagen wir "unlogisch" ist, da es sich in beiden Fällen um vom Staat betriebene Krankenhäuser handelt! Das heißt ein vom Staat angestellter Oberarzt wurde von einem vom Staat angestellten Chefarzt beaufsichtigt. Wie geht da noch mehr Staat?
    Was wir wirklich brauchen ist eine ANDERE Aufsicht. Zum Beispiel kann ein von mehreren Kliniken gemeinsam eingerichteter Kontrollausschuss, unangekündigte Untersuchungen von Unterlagen durchführen. Dazu braucht man medizinisches Fachpersonal, ob staatlich oder privat ist dabei völlig egal.

  4. Was spräche dagegen, den Organhandel von Erwachsenen mit Erwachsenen völlig frei zu geben und hier - genau wie im "richtigen Leben" - die Daseinsgrundprinzipien von Angebot und Nachfrage greifen zu lassen? Gegenüber dem gegenwärtigen Verfahren wäre dieses zumindest ein sehr ehrliches System: Wer angemessen bezahlt, bekommt.
    Eigentlich in einer freiheitlichen Marktwirtschaft ganz normal, oder ...?

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    Sie wissen schon, dass das ordentlich menschenverachtend ist, was Sie da fordern, oder?

    Ich habe übrigens ihren Beitrag empfohlen (falsch geklickt). Das tut mir leid.

    müsste man dann auch den Sklavenhandel "unter Erwachsenen" von moralisierenden Hemmnissen befreien

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au.

    • Megara
    • 04. August 2012 16:42 Uhr

    Im Gegensatz zu manch anderen, habe ich bereits ein Organ gespendet und im Laufe der Vorbereitung gesehen, was es bedeutet, auf ein Organ angewiesen zu sein. Aufgrund dieser Vorfälle nun nicht mehr spenden zu wollen, käme mir niemals in den Sinn - wozu auch, denn ich bekomme sowieso nichts mehr davon mit, wenn ich tot bin. Jemand anderes hingegen schon, der wieder ein richtiges Leben führen kann.
    Allerdings macht es mich wütend, auch nur die Vermutung zu haben, dass derartige Ärzte ungeschoren davon kommen werden. Ich bin für eine sehr harte Bestrafung und den Entzug der Lizenz, sowohl, was die Klinik angeht, als auch die des Arztes. Gute Güte, der Mann hat einen Eid abgelegt, den er gebrochen hat.Wieviel Raffgier muß man denn noch an den Tag legen um hinter Gittern zu kommen? Vermutlich sind aufgrund seines Handelns Menschen gestorben, was ich zumindest als fahrlässige Tötung ansehe.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Hippokratische Eid, den Sie wohl meinen, ist heutzutage nur noch eine Formulierung der ärztlichen Ethik, d.h. eine ethische Richtlinie ohne jede Rechtswirkung. Weder der Hippokratische Eid noch das Genfer Gelöbnis werden in Deutschland _verpflichtend_ abgeleistet. (s. Wikipedia)

    "Ich bin für eine sehr harte Bestrafung und den Entzug der Lizenz, sowohl, was die Klinik angeht, als auch die des Arztes."

    Der mutmaßliche Täter von Göttingen hat vor einigen Jahren schon mal eine Leber "abgezweigt", indem er eine Adresse in Deutschland angab und dann nach Jordanien düste.

    Wie ist das sanktioniert worden? Gar nicht, man fand das offenbar nicht sehr schlimm, und der Mann hat weiter Karriere gemacht.

  5. Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/mk

    Antwort auf "[...]"
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    Wollen Sie mir etwa vorschreiben, dass ich für die Organspende werben soll?
    Ich darf sehr wohl gegen die Organspende sein und das auch äußern!
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

  6. Patienten ein Organ ergattern will. ““
    wird in dieser Verlautbarung veröffentlicht, die nicht zu erkennen gibt, ob es sich um einen subjektiv wertenden Kommentar oder Bericht handelt.

    Nein,

    diese Handlungsweise ist nicht verständlich lautet eine klare Antwort, denn dieser Betrachtungswinkel verletzt ethische und rechtliche Grundlagen.

    Das Thema betrifft Alle:
    ob als eigene Todesgewissheit oder durch das Empfinden des Todes anderer.
    Der Betroffenheit ist mit Anstand und Würde zu begegnen, das gilt im Besonderen für die Publizistik, der als gesetzlichen Direktive eine öffentliche Informationsaufgabe zugewiesen wurde. Dieser Artikel wird der Obliegenheit offenkundig nicht gerecht.

    Möglichen Organspendern ist Respekt zu zollen, den auch jene verdienen, die sich aus Überzeugung verweigern, denn das Hirntodkriterium ist fragwürdig, z.B. zu den ersten Kritikern gehörte Hans Jonas, deutscher Philosoph, 1903 – 1993:

    ““ er warf den Verfechtern des Hirntodes vor, dass sie den Tod aus einem bestimmten Interesse, nämlich demjenigen, leichter Organe für die Transplantation gewinnen zu können “ umdefiniert “ hätten. ““

    Viele weitere gewichtige Stimmen können dazu angeführt werden.
    Die Darlegungen zu den Verdachtsmomenten in der Artikeleinleitung sind falsch, sie betreffen einen Arzt, der von Regensburg nach Göttingen wechselte.

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/organspendeskandal-verdachtsfaelle...

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    Erwachsenen mit Erwachsenen völlig frei zu geben .... Wer angemessen bezahlt, bekommt. 
Eigentlich in einer freiheitlichen Marktwirtschaft ganz normal, oder ...? ““
    schreibt Forist “Freiheitsfreund “, 16 Redaktionsempfehlungen, Nr. 4 ,
    04. 08. 2012 – 16: 29.

    der offenkundig weder die geltende Rechtsordnung, noch unser politisches System respektieren kann und sich wiederkehrend diffamierend äußert, höflich und sachlich festgehalten.

    In Deutschland ist als Verfassungsauftrag eine soziale Marktwirtschaft festgeschrieben, keine freiheitliche Marktwirtschaft – ganz abgesehen davon, dass der Mensch keine Ware ist: Niveau- und stilloser geht es nicht.

    ““ .... Zudem soll der Rechtsstaat ein “sozialer Rechtsstaat“ sein, so die Kompromissformel in Artikel 28 des Grundgesetzes. Eine folgenreiche Weichenstellung! Denn der “soziale Rechtsstaat“ sieht im Unterschied zum bloß “liberalen Rechtssaat“ nicht nur den Schutz der Freiheits- und der Eigentumsrechte vor, sondern auch Eingriffe in die Güterordnung zwecks sozialen Ausgleichs! ““
    - Prof. Manfred G. Schmidt, deutscher Politikwissenschaftler, geboren 1948, aus: Das politische System der BRD -

    Die Unterwerfung der gesamten Staatsgewalt unter das Recht ist der Kern des Rechtsstaatsprinzip(siehe BVerfGE, 20, 331), das ist die essentielle Aussage unserer Verfassung (GG) .

    Der Artikel verkennt die Problematik, die mangelnde journalistische Sorgfalt kann zu falschen Meinungsgrundlagen führen. Fest steht: Kontrollen haben versagt.

  7. Sie wissen schon, dass das ordentlich menschenverachtend ist, was Sie da fordern, oder?

    Ich habe übrigens ihren Beitrag empfohlen (falsch geklickt). Das tut mir leid.

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  • Schlagworte Frank Walter Steinmeier | Alkohol | Krankheit | Organspende | Tagesspiegel | Tumor
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