"Organspende schenkt Leben" – mit diesem Slogan wirbt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung um die Gunst möglicher Spender. Denn jeder einzelne von ihnen ist bedeutend: Bis zu sieben Menschen kann durch die Organe nur eines Spenders geholfen werden. Der große Erfolg der Kampagne steht jedoch weiterhin aus.

Der Bedarf an gesunden Nieren, Lebern, Herzen, Lungen und Bauchspeicheldrüsen ist derzeit bei Weitem nicht gedeckt. Ein gravierendes Problem, das sich wohl auch durch den Transplantationsskandal an den Kliniken in Göttingen und Regensburg verschärft hat. Denn das Vertrauen möglicher Spender und ihrer Angehörigen hat gelitten .

Wie aber ist es überhaupt möglich, einen mehrstufigen Prozess von internationaler Größe, an dem gleich mehrere Institutionen beteiligt sind, zu manipulieren? Das lässt sich nur verstehen, wenn man den komplizierten Ablauf einer Organspende kennt. Wie lange braucht ein Organ ungefähr vom Spender zum Empfänger? Wer ist an einer Spende beteiligt? An welcher Stelle könnte manipuliert werden? Und wenn das System tatsächlich Lücken aufweist – wie will man diese schließen ? ZEIT ONLINE spielt den Ablauf einmal durch.

Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik als PDF herunterzuladen. © Simone Gödecke

Montag, 8.00 Uhr: Ein Patient wird nach einem Unfall mit schwerer Hirnschädigung auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert. "Die behandelnden Ärzte versuchen alles, um sein Leben zu retten", sagt Undine Samuel, geschäftsführende Ärztin in der Zentrale der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Mainz . Dass weniger getan würde, wenn der Patient Organspender ist, sei eine unbegründete Angst.

Mittwoch, 8.00 Uhr: Hat sich der Zustand des Patienten nicht verändert, wird vermutet, dass der Hirntod eingetreten ist. Ein Krankenhausmitarbeiter meldet der regionalen Organisationszentrale der DSO daraufhin, dass es einen möglichen Organspender gibt. In acht Bundesländern gibt es dafür vom jeweiligen Krankenhaus ernannte Transplantationsbeauftragte. Der in der DSO-Region zuständige Koordinator bespricht mit der Klinik das weitere Vorgehen.

Mittwoch, 8.30 Uhr: Der vermutete Hirntod muss bestätigt werden: Zwei Fachärzte, die mit der Transplantation und der Spende nichts zu tun haben, diagnostizieren ihn nach den Richtlinien der Bundesärztekammer . Mindestens 12 Stunden müssen zwischen der ersten Untersuchung und der Feststellung des Hirntods vergangen sein. Alle Funktionen des gesamten Gehirns – also des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms – müssen erloschen sein. Das schreibt das Transplantationsgesetz vor.

Meist handelt es sich um Neurologen, die unter anderem den Pupillenreflex und Schmerzreaktionen im Gesicht testen, ein Elektro-Enzephalogramm erstellen und die Durchblutung des Gehirns überprüfen. Ist der irreversible Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen nachgewiesen, wird die Totenbescheinigung ausgestellt.

Selten wird der Wunsch, Organe zu spenden, nicht erfüllt

Mittwoch, 20.30 Uhr: Der behandelnde Arzt teilt den Angehörigen den Hirntod mit. Dann besprechen er und der Koordinator mit ihnen, wie der Verstorbene zur Organspende eingestellt war. "Besaß er einen Spenderausweis, gilt dieser wie ein Testament", sagt Samuel. Das heißt auch: Hat der Patient eine Spende abgelehnt, wird sie auch nicht durchgeführt. Liegt kein Ausweis vor, entscheiden die Angehörigen nach seinem mutmaßlichen Willen oder ihren eigenen Wertvorstellungen. Da nur wenige mögliche Spender einen ausgefüllten Ausweis haben, liegt es meist an den Hinterbliebenen, eine Entscheidung zu treffen.

Nur in seltenen Ausnahmefällen wird dem Wunsch des Verstorbenen, Organe spenden zu wollen, nicht nachgekommen. Ärzte entscheiden sich etwa dann dagegen, wenn die psychische Belastung für die Angehörigen zu gravierend wird. "Die Gesundheit der Familie, die weiterlebt, geht vor", sagt Samuel.

Mittwoch, 23.30 Uhr: Ist eine Einwilligung erfolgt, sorgt der Koordinator dafür, dass der Spender auf eventuelle Vorerkrankungen untersucht wird, um den Empfänger vor einer möglichen Übertragung zu schützen. Die Daten der Organe, Laborwerte wie die Blutgruppe, aber auch Gewicht und Alter des Spenders werden an die Stiftung Eurotransplant übermittelt. Die Standardtests können zu jeder Tag- und Nachtzeit durchgeführt werden.

Donnerstag, 3.30 Uhr: Eurotransplant ermittelt den am besten passenden Empfänger auf der Warteliste mithilfe eines Computerprogramms. Die wichtigsten Kriterien sind Erfolgsaussichten und Dringlichkeit. Das zuständige Transplantationszentrum wird informiert und erhält das Organangebot. Falls es ablehnt, geht das Angebot an das Zentrum mit dem nächsten Spender auf der Liste.

Eine Eilvergabe soll eigentlich nur in Ausnahmefällen passieren

Wenn drei Zentren das Angebot eines Herzens, einer Lunge, Bauchspeicheldrüse oder Leber beziehungsweise fünf Zentren das Angebot einer Niere abgelehnt haben, tritt das "beschleunigte Vermittlungsverfahren" in Kraft. Dieses Verfahren soll laut den Vergaberegeln der Bundesärztekammer angewendet werden, wenn Spender schon sehr alt sind oder das Organ bereits geschädigt ist.

Es gilt dann, die Organe möglichst rasch zu transplantieren, um weitere Schäden zu vermeiden. Daher müssen sich die Zentren bei diesem Verfahren nicht mehr nach der Reihenfolge auf der Warteliste richten. Das Problem: Die Ausnahmen scheinen heute schon fast die Regel zu sein : Im Jahr 2011 sind jedes viertes Herz und fast jede zweite Bauchspeicheldrüse auf diese Weise direkt vermittelt worden.

Donnerstag, 5.30 Uhr: Das Transplantationszentrum hat die Spenderorgane angenommen. Der Koordinator organisiert in den frühen Morgenstunden die Entnahmeteams sowie den Transport der Organe zur entsprechenden Transplantationsklinik, wo schon der Empfänger wartet.

Donnerstag, 7.30 Uhr: Nach erfolgreicher Vermittlung werden die Organe in einer zwei- bis vierstündigen Operation entnommen, mit Eis in die Transportbox gepackt und schnell auf die Reise geschickt. Ist eine Niere nach der Entnahme noch bis zu 24 Stunden haltbar, können Leber und Bauchspeicheldrüse schon nach zwölf, der Rest nach sechs Stunden nicht mehr verpflanzt werden. Je nach Entfernung und Zustand wird das Organ daher per Auto, Helikopter oder Flugzeug zum Empfänger gebracht.

Donnerstag, 12.30 Uhr: Das Organ trifft in einem der 46 Transplantationszentren in Deutschland ein, nur in rund der Hälfte davon können Herzen transplantiert werden. Um Zeit zu sparen, hat das Ärzteteam den Empfänger bereits narkotisiert. So kann direkt nach Eintreffen des Organs mit der Operation begonnen werden.

Donnerstag, 22.30 Uhr: Der Eingriff dauert mehrere Stunden. Ist er beendet, wird die DSO über den Ausgang der Transplantation informiert. Die anonymisierten Daten fließen dann in die aktuellen Statistiken zur Organspende in Deutschland ein.

Der Kontakt zwischen Empfänger und Hinterbliebenen ist anonym

Nach sechs Wochen: Wenn die Angehörigen des Spenders einer Kontaktaufnahme zugestimmt haben, schreibt der Koordinator einen Dankesbrief und informiert sie über die Ergebnisse der Transplantation. Auch der Empfänger kann sich an die Hinterbliebenen wenden. Während in anderen Ländern beide Seiten direkt miteinander sprechen können, läuft der Kontakt in Deutschland anonym über die DSO.

"Eine Organspende ist ein komplexer Ablauf mit zahlreichen Akteuren" sagt Undine Samuel. Gerade deshalb folgt sie Regeln und Gesetzen, Daten werden geprüft und verschlüsselt weitergeleitet. "Eine Manipulation, wie kürzlich bekannt geworden, habe ich deshalb nie für möglich gehalten", sagt sie. Nun aber, da eine Anfälligkeit sichtbar geworden wäre, "muss etwas getan werden". Mediziner und Politiker arbeiten deshalb an neuen Kontrollmechanismen .

Demnach sollen künftig mindestens drei Ärzte entscheiden, ob ein Patient auf eine Warteliste gesetzt wird. Ein unabhängiger Mediziner etwa könnte den Gesundheitszustand eines potenziellen Empfängers überprüfen, bevor dessen Daten zur Einordnung auf der Warteliste an Eurotransplant geschickt werden. Bonuszahlungen für Ärzte, sofern sie eine bestimmte Anzahl an Organen transplantiert haben, sollen abgeschafft werden. Auch sind unangemeldete Kontrollen in den Transplantationszentren geplant. Verstöße sollen zudem härter bestraft werden. Berufs- und strafrechtliche Maßnahmen bis hin zur vorübergehenden Schließung ganzer Transplantationsprogramme sind dabei in der Diskussion.