Eine Spitzenrunde bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr soll Ende des Monats über Konsequenzen aus dem Organtransplantations-Skandal beraten. Dazu hat der FDP-Politiker für den 27. August zahlreiche Organisationen und Verbände nach Berlin geladen. "Ich erwarte Vorschläge, wie künftig Manipulationen und andere Verstöße besser zu verhindern sind", sagte Bahr.

Laut Bahr sollen an dem Gespräch unter anderem der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Deutsche Stiftung Organtransplantation sowie die Stiftung Eurotransplant, die Deutsche Transplantationsgesellschaft und die Bundesärztekammer teilnehmen. Neben der Aufklärung der Vorfälle solle gemeinsam über Konsequenzen beraten werden, kündigte Bahr an. "Das sind wir den Menschen auf der Warteliste, den Spendern und ihren Angehörigen schuldig."

Bahr sagte, die Vorfälle in Göttingen und Regensburg erschütterten ihn zutiefst. Die Entnahme von Organen, die Vermittlungsentscheidung und die Transplantation seien in Deutschland klar geregelt. Die betroffenen Zentren rief der Minister auf, die Kommissionen bei der lückenlosen Aufklärung des Geschehens zu unterstützen.

In Göttingen und am Uniklinikum Regensburg wurden vermutlich Daten manipuliert , um ausgewählten Patienten Spenderlebern zu verschaffen. Der unter Tatverdacht stehende Transplantationschirurg soll die Krankheit seiner Patienten auf dem Papier verschlimmert haben, damit sie schneller eine neue Leber bekamen, die andere Patienten möglicherweise nötiger gehabt hätten. Gegen ihn wird wegen Bestechlichkeit und Tötungsdelikten ermittelt. Der Arzt, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet die Vorwürfe.

Fälle in Bayern waren angeblich längst bekannt

Der Ruf nach Konsequenzen aus den Vorgängen wird immer lauter. Bundesärztekammer-Präsident Frank-Ulrich Montgomery forderte schärfere Kontrollen. Es müssten Strukturen für stichprobenartige Überprüfungen bei Transplantationen ohne einen Anlass geschaffen werden, sagte er. "Wir sind bereit, unsere Instrumentarien noch zu schärfen, dafür brauchen wir allerdings bessere gesetzliche Bestimmungen, die uns mehr Einfluss und mehr Macht geben." Kritik übte der Ärztekammer-Chef an der leistungsabhängigen Bezahlung von Medizinern: "Es ist ganz gefährlich, Ärzten rein ökonomisch motivierte, leistungsabhängige Vergütungen zu bezahlen." Daraus folge, dass die Ärzte "mehr Leistungen erbringen, wenn sie damit ihr Einkommen erhöhen können".

Regierung und Justiz in Bayern warf Ärztepräsident Montgomery Versagen vor. "In Bayern haben gerade die staatlichen Gremien versagt, denn wir haben damals mit der Selbstverwaltung diesen Fall aufgedeckt. Wir haben mit den bayerischen Institutionen gesprochen. Niemand hatte auch nur die Spur eines Interesses, diesen Fall damals zu verfolgen", sagte Montgomery.

Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch ( FDP ) wies dies zurück. "Da die jetzt bekannten Verdachtsfälle völlig anders gelagert waren, sind diese im damaligen Verfahren nicht untersucht worden", erklärte Heubisch. Es werde geprüft, ob damals Fehler gemacht wurden und wie sich Verfahren zur Vermeidung von Unregelmäßigkeiten verbessern lassen. Justizministerin Beate Merk ( CSU ) sagte, die Ermittler hätten keine konkreten Nachweise gefunden. "Ein Verhalten, das nicht nachweisbar strafbar ist, kann die Justiz nicht ahnden."

Damals waren nach Angaben der Regensburger Uniklinik verbotenerweise jordanische Patienten auf die Transplantationsliste für europäische Patienten gelangt. Vor seiner leitenden Position in Göttingen hatte der hauptbeschuldigte Oberarzt hier gearbeitet. Außerdem war eine Leber illegal in Jordanien transplantiert worden. Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl hatte am Donnerstag erklärt, das Verhalten des Arztes sei nicht strafbar gewesen. Es habe keinen Anlass für weitere Ermittlungen gegeben.

Weniger Menschen sind bereit Organe zu spenden

"Die Verantwortlichen müssen mit aller Härte des Strafrechts zur Rechenschaft gezogen werden", sagte der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier. Es müsse zudem geprüft werden, ob den in illegale Praxen verwickelten Transplantationszentren die Lizenzen entzogen wird. Auch der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn verlangte harte Strafen. Es müsse mit Berufsverboten oder Strafen bis zu Gefängnis durchgegriffen werden. Spahn schloss nicht aus, dass die Gesetze dazu erneut überprüft werden. Es gehe um die Frage, ob die Ärztekammern und die Deutsche Stiftung Organtransplantation, eigenständig kontrollieren, oder ob das der Staat tun sollte.

"Man muss aus dem Fall sicher die Konsequenz ziehen, dass man eine zusätzliche Kontrolle einführen muss", sagte der medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Günter Kirste. Solange es einen Mangel an Organen gebe, müsse die Verwaltung korrekt geregelt werden. Der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, führte die Unregelmäßigkeiten bei Organ-Transplantationen auf die Vielzahl der Zuständigkeiten zurück. "Im Organspende-Skandal wird deutlich, dass Föderalismus der Länder und die Beteiligung von privaten Akteuren verantwortlich sind für die Vertrauenskrise im Transplantationssystem", sagte Brysch.

Die Vorgänge in Göttingen und Regensburg dämpfen die Bereitschaft zur Organspende . In fünf Fällen hätten Angehörige in den vergangenen zwei Wochen in Deutschland eine Transplantation ausdrücklich mit dem Hinweis auf diesen Skandal abgelehnt, sagte die Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Birgit Blome. "Das ist ein Thema, das sich niederschlägt und Menschen verunsichert." Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verzeichnet deutlich mehr Anrufe, wie Sprecherin Marita Völker-Albert sagte. Zum einen seien es Bürger, die Wut ablassen wollten, etwa gegen Ärzte oder Kliniken. Andere Anrufer seien verunsichert und wendeten sich mit konkreten Fragen an die Hotline. Sie wollten etwa wissen, ob sie im Falle einer Spende noch sicher sein könnten, dass das Organ auch nach Dringlichkeit an andere Menschen weitergegeben werde.

Unterdessen wird spekuliert, dass der beschuldigte Oberarzt am Klinikum Regensburg kein Einzeltäter war . Dies hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet. Die Staatsanwaltschaft hat dafür aber keine Anhaltspunkte. Die Prüfungen stünden noch am Anfang, sagte Markus Pfaller von der Staatsanwaltschaft Regensburg. "Wir können das zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen. Wir können keine Vermutungen und Spekulationen anstellen", sagte Pfaller.

Auch nach dem Weggang des nun beschuldigten Oberarztes war die Zahl der Lebertransplantationen in Regensburg drastisch gestiegen. Nach Angaben des Klinikums erhöhte sich die Zahl binnen Jahresfrist um fast 50 Prozent – von 52 Transplantationen im Jahr 2008 auf 76 im Jahr 2009. Im vergangenen Jahr sank die Zahl wieder auf 63. Der Anstieg lasse sich mit einem Ausbau des Lebertransplantationsprogramms seit 2003 erklären, teilte das Klinikum mit. So habe 2007 das entsprechende Programm für Kinder begonnen. Zudem könne die Zahl der tatsächlich transplantierten Organe auch aufgrund personeller Fluktuation sowie der Verfügbarkeit von Spenderorganen schwanken.