Transplantationsskandal : Göttinger Chirurg könnte auch in Regensburg manipuliert haben

Der Hauptbeschuldigte im Göttinger Organspende-Skandal hat womöglich schon Leberpatienten in Regensburg bevorzugt. Das dortige Uni-Klinikum hat Strafanzeige gestellt.

Der Skandal um die bevorzugte Behandlung von schwerkranken Leberpatienten hat möglicherweise in Regensburg begonnen. Der hauptbeschuldigte Göttinger Arzt könnte bereits an seinem früheren Arbeitsort Krankendaten manipuliert haben, um bestimmten Patienten eine Leber zu verschaffen, die andere Erkrankte dringender benötigt hätten.

Diesen Verdacht hat die Leitung des Universitätsklinikums Regensburg dem bayerischen Wissenschaftsministerium mitgeteilt. Der seit November 2011 suspendierte Chef der Transplantationschirurgie in Göttingen habe in den Jahren zwischen 2004 und 2006 womöglich Patientenakten in Regensburg verändert. Insgesamt seien 23 Fälle aufgefallen, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums . Die Regensburger Klinikleitung hat auch Strafanzeige gegen den Oberarzt gestellt. "Wir haben das Klinikum aufgefordert, uns eine deutlich detailliertere Auflistung der aufgeführten Vorwürfe zu geben", sagte der Sprecher der Regensburger Staatsanwaltschaft, Wolfhard Meindl.

Bayerns Gesundheitsministerium, das Aufsichts- und Prüfgremium Organtransplantation im Auftrag der Bundesärztekammer und die Stiftung Eurotransplant wurden informiert. Letztere Organisation vermittelt Spenderorgane in sieben Mitgliedsländer, darunter Deutschland.

Seit einigen Wochen steht der nun beschuldigte Arzt und ein weiterer Göttinger Mediziner bereits im Verdacht , 23 Patienten in den Jahren 2010 und 2011 mit manipulierten Daten auf der Warteliste für Spenderorgane bevorzugt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Göttingen leitete gegen die beiden Mediziner Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts auf Tötungsdelikte ein. Ihnen wird vorgeworfen, Patienten auf dem Papier kränker gemacht zu haben, als sie es waren. Andere Erkrankte, die eigentlich die Leberspenden erhalten sollten, könnten dadurch in der Zwischenzeit gestorben sein.

An diesem Donnerstag soll es ein Treffen von Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch ( FDP ) mit der Klinikleitung in Regensburg geben. Heubisch forderte, die Vorfälle schnell und umfassend aufzuklären.

Auffällig viele italienische Organspende-Patienten

In Göttingen beschäftigt die Staatsanwaltschaft inzwischen neben den Manipulationsvorwürfen gegen die zwei Mediziner auch eine auffällige Häufung italienischer Organspende-Patienten. Einem Kliniksprecher zufolge hat es zwischen 1995 und 1999 bei 99 Lebertransplantationen 23 Patienten mit Wohnsitz in Italien gegeben. Ob es dabei zu Regelverstößen kam, müsse geprüft werden. Die Klinik wolle nun auch die Lebertransplantationen der frühen neunziger Jahre prüfen.

Der Chef der Prüfkommission für Organtransplantation, Hans Lilie, hatte zuvor im Interview mit ZEIT ONLINE gesagt, dass die bestehenden Kontrollmechanismen bislang gut funktioniert hätten . Er sieht ein mögliches Motiv des Hauptverdächtigen darin, dass dieser einen Zuschlag für die Zahl erfolgreicher Lebertransplantationen erhalten hatte. "In Göttingen wurden etwa 40 Lebern im Jahr transplantiert. Bei 2.000 Euro pro Operation kann man sich rasch ausrechnen, was das fürs Portemonnaie bedeutet." Lilie bezweifelte hingegen die Vorwürfe, dass Patienten den beschuldigten Ärzten Geld angeboten hätten, um bevorzugt behandelt zu werden.

Der Göttinger Staatsanwaltschaft zufolge ist zudem bislang unklar, ob der Vorwurf der Bestechlichkeit erhoben werden kann. Der Kliniksprecher erklärte, es habe für Transplantationen bei ausländischen Patienten vor 2005 weniger strenge Regeln gegeben. Die Zuteilung von Spenderorganen auf Grundlage von Laborwerten der Patienten sei erst 2006 eingeführt worden. Daher stellt sich laut Staatsanwaltschaft die Frage, ob eine Bevorzugung mittels Manipulationen zu der Zeit möglich war.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

So viel zum Thema,...

...dass die Kontrollmechanismen ausreichend sind. Ich zitiere Hans Lilie:
„Wir halten den Fall nicht für einen Fehler im System, weil es zuvor nie Anhaltspunkte für solche Manipulationen bei den Meldungen an Eurotransplant gegeben hatte. (…) Wir haben über Jahre alles aufgedeckt, was es aufzudecken gab, darüber berichtet und die zuständigen Institutionen informiert.“
Natürlich kann er den Fehler im System nicht entdecken, weil er ja Teil des Systems ist. Da versucht man mit allen Mittel den Status Quo zu erhalten und vor allem zu verhindern, dass das System von außen gesteuert oder reguliert wird. Nur langsam gehen die Argumente aus und die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke. Und hinsichtlich des Versuchs, mehr Menschen dazu zu bewegen, sich einen Organspende Ausweis zuzulegen, ist diese Art der blinden Verteidigung mehr als nur kontraproduktiv, es stellt das Prinzip Organspende komplett in Frage, weil es sie offenbar verkauft werden, egal ob der Patient selbst das Geld zahlt oder es sich um eine Prämie handelt. Wenn nicht mehr der das Organ erhält, der es am dringendsten benötigt, bzw. die Kriterien am meisten erfüllt, dann kann man seine Organe auch gleich bei ebay verschachern, damit wenigstens die das Geld bekommen, denen die Organe gehörten.

Das stinkt doch!

Der Arzt soll nur wegen max. 40*2000=80000 Euro im Jahr seine Zukunft und sein sicherlich nicht mageres Standardgehalt riskiert haben?

Wo er doch die Möglickeit hatte gut betuchte Privatpatienten, denen es um ihr Leben ging, um weit größere Beträge zu erleichtern als nur die 2000 Euro pro OP?

Wenn so ein Milionär eine Leber braucht - weil ich die alte im Schampus ertränkt hat - was wäre es dem Wert schnell und unbürokratisch an ein Ersatzteil zu kommen? Hey, da sind locker 80000 Euro pro OP drin.
Hat der Arzt diese Gelegenheit tatsächlich ausgelassen, weil er noch ein Restgewissen hatte? Der ist doch nicht blöd ...

Anmerkung: Dieser Kommentar wurde zum Teil von uns wiederhergestellt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Debatte und achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/ds

Scheinheilig ! 2005 schon hatte Regensburg Kenntnis

Schon 2005 flog der Arzt in Regensburg auf. Damals hat man auch von Seiten des Klinikums wohl weniger Wert auf eine "Aufklärung" gelegt.

Zitat aus der SZ.:"Gegen diese Richtlinien hat der jetzt angeklagte Oberarzt bereits früher verstoßen. Im Jahr 2005, da arbeitete er noch an einem bayerischen Universitätsklinikum, hatte er eine Eurotransplant-Leber mit nach Jordanien genommen, um sie dort zu transplantieren. Gegenüber Eurotransplant hatte er behauptet, die Patientin liege in Regensburg. Als Wohnort gab er die Adresse des Klinikums an.

Geschadet hat ihm das nicht. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein, die Ärztekammer sah von einem Entzug der Approbation ab, die bayerischen Ministerien verließen sich auf ein Versprechen des Klinikums, so etwas werde nicht wieder vorkommen. Der Arzt machte danach sogar den Karrieresprung nach Göttingen."
http://www.sueddeutsche.d...