Transplantationen : Spenderherzen gehen fast nur an Eil-Fälle

Der Hochdringlichkeitsstatus für Patienten in Lebensgefahr gilt als manipulationsanfällig. Knapp 90 Prozent aller Spenderherzen werden aber nach dem Modus transplantiert.

Neun von zehn Spenderherzen werden an Patienten mit dem intransparent geregelten Hochdringlichkeitsstatus vergeben. Das berichtet die Frankfurter Rundschau unter Berufung auf Zahlen der europäischen Organvermittlungsstelle Eurotransplant.

Der Hochdringlichkeitsstatus gilt für Patienten in akuter Lebensgefahr. Die Kriterien seien jedoch nicht einheitlich: Ob ein Kranker in Lebensgefahr ist, liege weitgehend im Ermessen des Arztes, schreibt das Blatt.

Die Vergabe nach diesem Status stieg demnach innerhalb von zehn Jahren von 43,5 auf 88,5 Prozent (2011). Krankenkassen und Bundesärztekammer hätten jedoch bereits in einer Studie von 2009 die Manipulationsanfälligkeit dieses Verfahrens beklagt.

Die Bundesärztekammer erklärte der Zeitung die Entwicklung mit der abnehmenden Zahl von Spenderorganen . Es gebe keine Zunahme an Manipulations-Verdachtsfällen: Die Prüfungskommission von Kassen, Ärzteschaft und Kliniken habe zudem bei Kontrollen in Herztransplantationszentren 2009/10 nur zwei und 2010/11 keine Unregelmäßigkeiten bei den gemeldeten Patientendaten festgestellt.

Der Grünen-Politiker Harald Terpe verlangte: "Die Regierung muss endlich selbst aufklären, ob bei der Vergabe von Organspenden manipuliert wird, anstatt immer nur die Selbstverwaltung vorzuschicken." Die Bundesärztekammer solle die Berichte der Prüfungskommission veröffentlichen.

Organspende-Skandal in Göttingen

Vor einem Monat waren an der Uniklinik Göttingen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderorganen bekannt geworden. Zwei Ärzte stehen im Verdacht, in zahlreichen Fällen Patientenakten manipuliert zu haben .

Die Staatsanwaltschaften Braunschweig und Göttingen ermitteln wegen Bestechlichkeit beziehungsweise wegen des Anfangsverdachts auf Tötungsdelikte. Geprüft wird, ob die Bevorzugung bestimmter Patienten bei Organtransplantationen den Tod anderer Menschen bedingt haben könnte, die nicht zum Zuge kamen.

Bahr fordert Sonderkontrolleure

Am Montag ist ein Spitzentreffen geplant, Vertreter von Bund, Ländern, Ärzteschaft und Krankenkassen werden über die Konsequenzen aus dem Skandal diskutieren. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ( FDP ) forderte Sonderkontrolleure in den Kliniken. "Wir brauchen ein Mehr-Augen-Prinzip bei der Vergabe von Spenderorganen, damit noch eine unabhängige Person, die nicht Teil der Abläufe der Transplantation ist, alles prüft", sagte er der Rheinischen Post . Die Kontrolleure sollten unmittelbar der Klinikleitung unterstellt sein, damit diese auch direkt Verantwortung trage.

Bahr sprach sich zudem dafür aus, das Personal in den Prüfkommissionen aufzustocken, damit die "gesetzlich vorgesehenen unangemeldeten Prüfungen nun auch in den Krankenhäusern beginnen". Die Kernkompetenz bei der Organspende müsse auch weiterhin bei den Ärzten liegen. "Da es bei der Organvergabe im Kern immer um medizinische Entscheidungen geht, können diese nur von Medizinern gefällt werden."

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Werden Privatpatienten bevorzugt?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Organvergabe an Privat- oder Kassenpatienten? Die Beantwortung dieser Frage wäre interessant.

Wie ich darauf komme?

Letztes Jahr erklärten mir Mitarbeiter der Radiologie Starnberger See in der Oswaldstraße 1 im Kreiskrankenhaus Starnberg, dass Privatpatienten selbstverständlich hinsichtlich einer Terminvergabe gegenüber Kassenpatienten bevorzugt behandelt werden. Schließlich bezahlen diese ja auch dreimal so viel wie ich! Wenn mir dies nicht passt, könne ich ja woanders hingehen, denn bei uns gibt es ja - Gott sei Dank - freie Arztwahl. Der Inhaber der Praxis verteidigte diese Handhabung damit, dass diese Gepflogenheit überall anzutreffen sei und ich mich dem zu fügen hätte.

Alle von mir angeschriebenen Stellen, ob Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, Kassenärztliche Vereinigung oder AOK beurteilten das Vorgehen der Radiologie als "rechtens"! Von den im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien antwortete die CSU ausführlich mit Bedauern aber im Tenor wie oben. Die FDP-schwafelte rum. SPD und Grüne blieben eine Antwort schuldig.

Selbstbestimmung und Transparenz wären feine Sachen

Solange das System derart Intransparent ist und ich nicht wenigstens einige Bestimmungen selbst treffen kann (keine Suchtkranken, keine einschlägig vorbestraften Gewalt- und Sexualtäter oder umgekehrt: Bevorzugung von Menschen mit minderjährigen Kindern o.ä.) werde ich auch keine Organe spenden.

Ich hatte schon vor den ganzen Skandalen Bedenken bzgl. dieses "Marktes", aber die letzten Monate haben meine schlimmsten Befürchtungen leider bestätigt.

Solche Manipulationen müssten eigentlich mit dem Verlust der Approbation und einem lebenslangen Berufsverbot belegt werden. Eine Schande ohnehin, dass derart hochbezahlte Menschen so skrupellos gegen jede ethische Verpflichtung verstoßen, auf die sich die Branche immer unisono beruft.